Der Mann steht an diesem sonnigen Spätsommertag ganz alleine an der Station Steinegg der Appenzeller Bahnen. Er strahlt übers ganze Gesicht. Diese gute Laune wird er bald verlieren. Denn der Journalist, der den ehemaligen Justizminister an der Station abholt, will mit ihm über 1992 und seine Folgen reden. Es war das Jahr, an dessen Ende die Schweizer Bevölkerung den Beitritt zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) mit 50,3 Prozent Neinstimmen sehr knapp ablehnte. Dies geschah gegen den Willen der Wirtschaft, des Bundesrates und der Mehrheit der Parteien. Den Unterschied hatte Christoph Blocher gemacht – wie er zu betonen bis heute nicht müde wird. Sein erfolgreicher Kampf gegen den EWR-Beitritt war zugleich sein Aufstieg zum dominanten Mann der Schweizer Politik. Eine Dominanz, die erst im Herbst vergangenen Jahres, als die SVP erstmals Wähleranteile verlor, zu einem Ende kam.

1992 war also ein Schicksalsjahr für die Schweiz. Danach fing der ideologische Grabenkrieg zwischen den politischen Polen an, es begann der Abstieg von FDP und CVP. Und es kam eine Zeit der wirtschaftlichen Stagnation. Unter Ökonomen redet man von den »zehn verlorenen Jahren«. Und mittendrin regierte Arnold Koller, der einem gerade einen festen Händedruck zuteil werden lässt.

Den 79-jährigen Christdemokraten kennt in dieser Gegend der Hügel jeder. Und das nicht, weil sein Mittelklassewagen die Nummer AI 33 trägt. Nein, Arnold Koller war der allererste Bundesrat des Kantons. Nach seinem Rücktritt folgte ihm 1999 Ruth Metzler, aber die war ein kurzes wie trauriges Kapitel. Bevor Koller an diesem Abend im Kantonshauptort die Weltmeisterschaften im Seilziehen beehren muss, soll es erst mal um den 18. Mai 1992 gehen, diesen Montag, an dem die Regierung die Ablehnung des Beitritts ein paar Monate später, am 6. Dezember, selbst einleitete, dieser Montag, den Koller als »den schwärzesten Tag meiner Zeit im Bundesrat« bezeichnet. Es ist die Geschichte eines Unfalls.

Wir setzen uns zu Kaffee und Kirschstängeli, der automatische Rasenmäher zieht schnurrend seine Runden. Der Alt-Bundesrat schüttelt erst mal heftig den Kopf. Er könne es heute »noch nicht fassen«, dass man den EWR abgelehnt habe. Die Vorzüge seien doch so eindeutig gewesen: »Der Vertrag war kündbar, er beschränkte weder die Neutralität noch die direkte Demokratie, die Landwirtschaft war ausgenommen, wir mussten den Euro nicht einführen und hatten ein Vetorecht – und wir hätten uneingeschränkten Zutritt zum Europäischen Wirtschaftsraum bekommen.« So lauteten die Tatsachen. Bis der 18. Mai 1992 kam.

Arnold Koller ist sofort im alten Film. An der ordentlichen Bundesratssitzung am Mittwoch hatte der sozialdemokratische Bundespräsident René Felber seine Kollegen auf den nächsten Montag, sieben Uhr morgens, zu einer außerordentlichen Sitzung bestellt. Er musste tags drauf ins Spital, um sich einer Tumoroperation zu unterziehen. Aber vorher wollte er noch etwas versucht haben, etwas, das ihm als Europhilem sehr wichtig war. Auf die Tagesordnung hatte er nur eine Frage gesetzt: Soll die Schweiz der Europäischen Gemeinschaft (EG) ein Beitrittsgesuch stellen? Die Regierung war in aufgeräumter Stimmung, denn man hatte am Sonntag gleich alle sieben Abstimmungen gewonnen, darunter so wichtige wie den Beitritt zum Internationalen Währungsfonds.

Man erwartete eine kurze Sitzung, die Argumente waren bekannt, die Meinungen gemacht, die Ablehnung des Gesuchs schien sicher. Das meinte auch Arnold Koller, der es sich trotzdem nicht nehmen ließ, die Anwesenden darauf hinzuweisen, dass so ein Beitrittsgesuch »eine schwere Hypothek für die EWR-Abstimmung« im Dezember wäre. Er rechnete bloß mit der Zustimmung von Jean-Pascal Delamuraz und René Felber. Dann aber stimmten per Handzeichen auch Flavio Cotti und SVP-Bundesrat Adolf Ogi für das Beitrittsgesuch. »Ich fiel aus allen Wolken.« Die beiden seien wohl von dem damals sehr einflussreichen Publizisten Frank A. Meyer bearbeitet worden. Danach sei er »schwer enttäuscht« in sein Büro zurückgekehrt: »Heute werfe ich mir vor, dass ich nicht sofort gegen diesen Entscheid in aller Form protestiert habe. Der Bundesrat hätte nie mit so knapper Mehrheit einen so folgenreichen Entschluss fassen dürfen. René Felber hätte als Bundespräsident den endgültigen Entscheid vertagen müssen, aber er hatte andere Sorgen.« Am 20. Mai übergibt Botschafter Benedikt von Tscharner das Beitrittsgesuch in Brüssel.