Nur der Nebel, der sich manchmal am Ende der schmalen Landzunge The Spit bildet, wo zwei Flüsse vor Christchurch auf den pazifischen Ozean treffen, ist noch dichter als der Dunst in den Köpfen jener 15-jährigen Jungen, die Carl Nixon zu den Erzählern seines Romans The Rocking Horse Road gemacht hat. Pete ist einer von ihnen. Obwohl er nicht zu den Verdächtigen gehört, braucht es lange und viele Lügen und Ausflüchte, bis er eingesteht, was er am Morgen des 21. Dezember 1980 am Strand vorhatte, als er die nackte Leiche von Lucy Asher fand. Er wollte sich ungestört ein Pornoheft anschauen, das er seinem älteren Bruder geklaut hatte, und sah nun zum ersten Mal in seinem Leben eine nackte Frau.

Carl Nixon ist 1967 in Christchurch geboren und am Schauplatz, der schmalen Landzunge mit der Rocking Horse Road als Rückgrat, aufgewachsen. Er hat Short Stories und Theaterstücke geschrieben, bevor er diesen ersten Roman verfasste, ein stärkeres Stück Literatur als alles, was unter dem Etikett »Krimi« in diesem Neuseeland-Herbst der Buchmesse an Land gekommen ist.

Zweifellos ist die 17-jährige Lucy ermordet worden. Doch für die Jungen, die das Rätsel ihres Todes aufspüren wollen, nimmt der Fall religiöse Dimensionen an. Mehr als 25 Jahre lang verehren sie die ältere Mitschülerin, mit der sie im Leben kaum persönlichen Kontakt hatten, als ihre Heilige, und ebenso lange sammeln und horten sie alle »Beweise«, die einen Bezug zu ihrem Leben haben, zu ihren Liebschaften und überhaupt zu allem, das von Bedeutung sein könnte. Nixon lässt sie alle zu Wort kommen, als kollektives Wir, das nach einem Vierteljahrhundert zurückblickt, ein Trick, der nicht nur das Hitzig-Dunstige dieser Bubensekte transportiert, sondern auch verschleiert, ob nicht doch einer von ihnen etwas mit Lucys Tod zu tun hatte.

Frappierender als diese unterschwellig treibende Whodunnit-Ebene sind die Erfahrungen von Gewalt und Sexualität, die die neuseeländischen Parzivals einsammeln und ihrem Beweismittel-Herbarium hinzufügen müssen. Carolyn, Lucys jüngere Schwester, setzt bei ihrer eigenen Suche nach dem Täter – shocking für die biedere Vorstadtgesellschaft – Sex und Drogen ein. Die Jungs erforschen jede Art normabweichenden Verhaltens und stoßen auf die Prostituierte des Kaffs – und auf einen ihrer Väter, der sie aufsucht. Als sie Lucys Tagebuch und dadurch ihren Liebhaber entdecken, entlädt sich der blinde Triebstau. Zur gleichen Zeit, als die Tour der südafrikanischen Rugby-Nationalmannschaft die heile Welt des neuseeländischen Nationalsports infrage stellt. Betrunkener Mob fällt über antirassistische Protestierer her. Unmerklich, fast so wie das Gesicht des Strandes, an dem sie leben, durch Ebbe und Flut verändert wird und doch gleich bleibt, werden Tug, Pete, Mark, Jase und die anderen älter und erwachsen. Und doch lässt Lucy sie nie los. Und die Leser auch nicht.