Am Montag brachen im Schlafsaal des Foxconn-Werkes in Taiyuan heftige Unruhen aus, 40 Menschen wurden verletzt. Die chinesischen Werke des taiwanesischen Apple-Zulieferers sind berüchtigt. Vor zwei Jahren nahm sich eine Reihe von Arbeitern das Leben, weil sie die Bedingungen nicht mehr aushielten. Foxconn beschäftigt eine Million Menschen in China. Geoffrey Crothall arbeitet für die Hongkonger Nichtregierungsorganisation China Labour Bulletin. Sie berät chinesische Arbeiter und dokumentiert Ausbeutung, Streiks und Rechtsverstöße.

DIE ZEIT: Mr. Crothall, was ist in Taiyuan passiert? Die Polizei behauptet, es habe sich um einen Streit zwischen Arbeitern aus den Provinzen Henan und Shandong gehandelt. Arbeiter sagen, ein Wachmann habe eine Frau verprügelt.

Geoffrey Crothall: Wir wissen es nicht genau. Ich neige dazu, Zweites zu glauben. Es gibt ein Video, das dort gedreht wurde, die Tonqualität ist nicht sehr gut, und doch können wir die Arbeiter so etwas rufen hören. Die Sicherheitsleute bei Foxconn sind bekannt dafür, Arbeiter hart zu behandeln.

ZEIT: Die Skandale bei Foxconn mehren sich. Vor Kurzem wurde bekannt, dass Studenten im Praktikum das iPhone 5 zusammenbauen müssen.

Crothall: Um fair zu sein, muss man sagen, dass Foxconn damit nicht alleine ist. Laut einer unserer Studien machen zu jeder Zeit etwa zehn Millionen chinesische Studenten Praktika in Fabriken.

ZEIT: Werden sie denn alle dazu gezwungen?

Crothall: Die Universitäten und die Fabriken sagen, dass die Studenten die Wahl hätten, praktisch aber ist es so, dass diese ihren Abschluss nur bekommen, wenn sie ein Praktikum vorweisen können. Viele Studenten haben uns erzählt, dass sie zu einer bestimmten Zeit in einer bestimmten Fabrik arbeiten mussten, deren Produktionslinie überhaupt nichts mit ihrem Studienfach zu tun hatte.

ZEIT:Apple ist eine Marke, die auch von ihrem Image lebt. Warum sind die Leute bei Foxconn nicht vorsichtiger? Die wissen doch, dass jeder Skandal bei ihnen sofort Schlagzeilen macht.

Crothall: Wahrscheinlich, weil die Nachfrage für ihre Produkte nicht nachlässt, egal, ob es sich dabei um Apple, Samsung oder Nokia handelt. Und doch ändert sich etwas. Nicht weil Apple oder Foxconn darauf hinwirken würden. Sondern weil die Arbeiter die Würde und den Respekt einfordern, den sie verdienen. Wenn wie in Taiyuan 80.000 Arbeiter tagtäglich ausgebeutet werden, ist das keine gesunde Atmosphäre. Dann werden kleine Dinge schnell groß und führen zu Aufständen.

ZEIT: Es gibt kaum ein Land, das so Apple-verrückt ist wie China. Warum wirken sich die Skandale nicht auf das Konsumverhalten aus?

Crothall: Vielleicht, weil die Menschen, die Apple kaufen, selbst noch nie in einer Fabrik gearbeitet haben? Vielleicht, weil sie glauben, dass ihr eigenes Leben hart genug ist, und sie sich nicht auch noch um andere sorgen können? Der soziale Aktivismus steht in China erst am Anfang. Die Arbeiterbewegung ist sehr aktiv, auch die Umweltbewegung wird immer größer. Bei den Konsumenten aber ist das nicht der Fall. Nur eine Ausnahme: Die Skandale um verseuchte Lebensmittel haben dazu geführt, dass viele bewusster einkaufen.

ZEIT: Chinesische Arbeiter sind selbstbewusster geworden, die Löhne sind gestiegen. Geht die Zeit der schlimmen Arbeitsbedingungen zu Ende?

Crothall: Die Löhne sind gestiegen, doch von einem sehr niedrigen Niveau aus. Und noch immer stehen sie in keinem Verhältnis zu den steigenden Lebenskosten. Junge Arbeiter können nicht mal davon träumen, ein Haus in der Stadt zu kaufen.

ZEIT: Vielen ausländischen Konzernen ist China zu teuer geworden. Sie überlegen sich, nach Kambodscha, Bangladesch oder Vietnam umzusiedeln. Was bedeutet das für China?

Crothall: Es ist ein gemischtes Bild. Die Produzenten von arbeitsintensiven Billigprodukten machen zu oder ziehen um. Viele kleine Unternehmen haben zu kämpfen, große hingegen, etwa in der Automobilindustrie, expandieren und stellen neue Arbeiter ein.