Im Februar 2012 kommt es zum Prozess vor dem Amtsgericht Rosenheim. Doch auf der Anklagebank sitzen nicht die Beamten, sondern die Eders. Wegen Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und Körperverletzung. Die Rosenheim-Cops haben behauptet, von der Familie angegriffen worden zu sein. Die junge Frau in der Tür habe geschrien und sich in provokantem Tonfall geweigert, sich auszuweisen. Außerdem habe sie versucht, die Wohnungstür zuzuschlagen. Ihr Vater sei mit aggressivem Blick herbeigeeilt und habe sich bedrohlich aufgebaut. Er sei auf die Beamten losgegangen, weshalb sie ihn in den "Schwitzkasten" hätten nehmen müssen.

Der Fall Eder war von den eigenen Kollegen der Beamten aus der Kripo Rosenheim "aufgeklärt" und von der Staatsanwaltschaft Traunstein zur Anklage gebracht worden. Keiner der gewalttätigen Beamten war je als Beschuldigter vernommen worden. Anstatt gegen die Polizisten zu ermitteln, wie es ihre Pflicht gewesen wäre, hatten die Staatsanwälte deren Version von den höflichen Beamten und den aggressiven Eders übernommen. Der Presse hatten sie mitgeteilt, die Beamten hätten "rechtmäßig gehandelt", und der bayerische Innenminister Joachim Herrmann hatte bei einer Landtagsdebatte am 27. September 2011 betont, seine Polizei verdiene keine Kritik, sondern ein "herzliches Dankeschön". Dabei war erst wenige Tage zuvor der Chef der Rosenheimer Polizei – also der Vorgesetzte der Einsatztruppe Eder – wegen einer anderen Gewalttat vom Dienst suspendiert worden: Ihm war vorgeworfen worden, einen mit Handschellen gefesselten 15-Jährigen zusammengeschlagen zu haben. Im Internet kursierten bereits die Bilder vom stark blutenden Opfer mit den ausgeschlagenen Zähnen. (Der Polizeichef wird im kommenden November vor Gericht stehen. Es sei nicht davon auszugehen, dass er den Sachverhalt vollumfänglich einräume, teilt die Staatsanwaltschaft mit.)

Die Hauptverhandlung vor dem Amtsgericht Rosenheim entwickelt sich dann aber unerfreulich für die Beamten, vor allem, weil die Eders die Öffentlichkeit suchen und allen Journalisten, die sie hören wollen, ihre Geschichte erzählen. Außerdem kommt heraus, dass Polizeibeamte Beweismittel vernichtet haben, indem sie jene Fotos löschten, die Mutter Eder mit ihrer Kamera von dem Einsatz gemacht hatte. Den Eders ist es allerdings gelungen, die Bilder auf private Kosten wiederherstellen zu lassen. Gleichzeitig wird im Prozess klar, dass Beamte Aussagen manipuliert und untereinander abgestimmt haben. Trotzdem wird der Fall auch vor Gericht nicht geklärt. Nach sieben Verhandlungstagen überrascht der Richter die Eders am 11. Mai 2012 mit dem Angebot, das Verfahren einzustellen. Dabei ließ die Beweislage längst einen Freispruch erwarten. Die Eders, entmutigt durch die Feindseligkeit der Justiz und die finanziellen Belastungen, stimmen dem faulen Frieden zu. Auf den Anwaltskosten bleiben die vier Angeklagten jetzt allerdings sitzen. "Da arbeitet man ein Leben lang", sagt die Mutter Eder, eine ehemalige Telekom-Angestellte, "und dann braucht man ein Vermögen, um sich gegen die Polizei zu wehren."

Die Frau hat immer noch mit den Folgen des Polizeieinsatzes zu kämpfen. Die dabei entstandenen Hand- und Fußgelenksverletzungen sind nicht richtig verheilt. Auch sieht sie seither auf einem Auge fast nichts mehr. Ihr Mann, der dem Rechtsstaat früher als Polizeibeamter gedient hat, sagt heute: "Der Staat stellt sich als Festung gegen seine Bürger."

Eders Stimme zittert noch immer vor Fassungslosigkeit, wenn er von der "organisierten Staatskriminalität in Rosenheim" spricht, die brave Bürger misshandelt und dann vor Gericht zerrt, wo ihnen nicht Recht, sondern weiteres Unrecht geschieht.

Wie oft seine Beamten ungerechtfertigt oder mit unangemessener Härte gegen Menschen vorgehen, ermittelt der Staat nicht, weshalb das Ausmaß der Polizeigewalt in Deutschland unbekannt ist. Lediglich das Land Baden-Württemberg hat kürzlich angekündigt, die Zahl aller Straf- und Disziplinarverfahren gegen Polizisten erfassen zu wollen. Amnesty International konstatierte im Juli 2010, Polizeigewalt sei hierzulande zwar nicht systematisch, es gebe jedoch zahlreiche Einzelfälle. Polizeiinternen Befragungen aus den Jahren 1998 und 2001 zufolge waren 25 Prozent der Beamten der Meinung, hin und wieder sei es durchaus akzeptabel, mehr Gewalt anzuwenden als erlaubt. Und sechs von zehn Polizisten gaben an, auch gravierender Gewaltmissbrauch von Kollegen werde nicht immer berichtet oder angezeigt. Dabei weiß man in der Polizei sehr wohl um den unliebsamen Typus des sogenannten Widerstandsbeamten, der – ansonsten unauffällig – bei schwierigen Einsätzen Gespür und Augenmaß für die Situation vermissen lässt und überreagiert. Doch die Frage "Wie oft war der Beamte in Gewalthandlungen verwickelt?" spielt in Deutschland kaum eine Rolle bei der beamtenrechtlichen Beurteilung von Polizisten – und die ist für die Beförderung ausschlaggebend.

Dafür beklagen die Ordnungshüter umso eindringlicher, selbst übermäßig häufig Attacken von Bürgern ausgesetzt zu sein. Nachrichten über "wachsende Gewalt gegen Polizeibeamte" werden von den einflussreichen deutschen Polizeigewerkschaften immer wieder gern in den Medien lanciert. Dabei gibt es keine einzige ernst zu nehmende Untersuchung darüber, ob die Gefahr für Polizisten tatsächlich ansteigt. Dem Polizeiforscher Singelnstein fiel in der jüngsten Vergangenheit zwar durchaus eine Eskalation der Gewalt zwischen Bürgern und Polizei auf, er hält es aber keineswegs für gesichert, dass diese wirklich von den Bürgern ausgeht. Der Grund dafür könne ebenso in der "erhöhten Bereitschaft der Polizisten zum Einsatz von Zwangsmitteln" zu suchen sein. "Die Polizei pflegt ihre Opferrolle", sagt Singelnstein. Bei ihren Beamten setze sich zunehmend das Selbstbild vom Kämpfer auf verlorenem Posten fest, was wiederum zu Frustration und rüderen Methoden führe.

Ganz sicher nimmt die Aufmerksamkeit zu, mit der sich die Öffentlichkeit dem Thema zuwendet. Die bekannt gewordene Polizeigewalt steigt spürbar an. Die Leute auf der Straße und anderswo haben jetzt ein Handy dabei, mit dem sie aus dem Ruder laufende Polizeieinsätze spontan aufnehmen. Die Bilddokumente sind dann später im Fernsehen oder im Internet zu sehen. Deshalb dürfte es auch für die Strafjustiz künftig schwerer werden, Polizeigewalt zu ignorieren.