In den Strafakten ist festgehalten, wie der Einsatz vor sich ging: Es ist noch dunkel, als die Beamten des Sondereinsatzkommandos sich vor Beckers Haus versammeln. Sie klingeln nicht erst, sondern versuchen gleich, die Haustür mit hydraulischem Gerät aufzudrücken. Der damit verbundene Krach weckt den Hausherrn, der mit seiner Freundin im ersten Stock schläft. Dass es sich bei den Eindringlingen um Polizisten handeln könnte, kommt ihm zu keinem Zeitpunkt in den Sinn. Im festen Glauben, der angekündigte Überfall der Bandidos stehe unmittelbar bevor, greift Becker nach seiner Pistole, tritt auf die Treppe und macht Licht. Das entgeht den Beamten draußen vor der Tür nicht: "Licht", melden sie einander. Trotzdem ändern sie ihre Einsatzstrategie nicht, sondern fahren wortlos und stumm darin fort, die Haustür aufzubrechen. Becker macht durch die Milchglasscheibe in der Tür die Schattenumrisse mehrerer Personen aus. Er wähnt sich in tödlicher Gefahr. "Verpisst euch!", schreit er. Doch das hören die Beamten nicht. Sie tragen Sturmhauben und Schallschutzhelme. Die Haustür ist fast geöffnet, da gibt Becker durch die Tür zwei Schüsse ab. Eine der Kugeln geht ins Leere, die andere trifft den Türöffnungsspezialisten durch das Armloch seines Schutzpanzers ins Herz. Jetzt geben die Beamten sich zu erkennen: "Sofort aufhören zu schießen! Hier ist die Polizei!"

Becker läuft zum Fenster und beugt sich hinaus. "Wie könnt ihr so was machen?", ruft er den Männern zu. "Warum habt ihr nicht geklingelt?"

Karl-Heinz Becker wirkt ganz anders, als man sich einen Hells Angel vorstellt. Er ist ein umgänglicher Mittvierziger, der deutlich jünger aussieht. Ihm und seiner Lebensgefährtin, einer zurückhaltenden blonden Frau, ist die Nacht noch sehr gut im Gedächtnis. Immerhin hat sie Becker eine Anklage wegen Mordes und 20 Monate Untersuchungshaft eingebracht. Eine Zeugin aus der Nachbarschaft, erzählt das Paar, habe damals ebenfalls geglaubt, einen Raubüberfall zu beobachten. Die Frau habe die Notrufnummer der Polizei gewählt. Dass die vermeintlichen Räuber selber Polizeibeamte waren, sei auch für sie nicht zu erkennen gewesen.

Doch auch als geklärt ist, wer draußen steht, wagt es Becker zunächst nicht zu öffnen. Es hat einen Toten gegeben. "Draußen herrschte eine Riesenbrüllerei", erinnert er sich, "ich war überzeugt, die würden mich sofort erschießen." Als die Beamten im Haus sind, wird Becker zu Boden geworfen und misshandelt, obwohl er keinerlei Widerstand leistet. Der Gefängnisarzt stellt später ein blaues Auge und ein Hämatom am Geschlechtsteil fest. Man habe ihn geschlagen, erklärt Becker den Befund, ihm Hose und Unterhose ausgezogen und eine "Sonderbehandlung im Genitalbereich" angedeihen lassen.

Am 28. Februar 2011 wird Becker zu einer Freiheitsstrafe von neun Jahren verurteilt. Das Landgericht Koblenz ist zwar vom Mordvorwurf der Staatsanwaltschaft abgerückt, hat aber auf Totschlag erkannt. Eine "objektive Notwehrlage" habe zu keinem Zeitpunkt bestanden, heißt es im Urteil. Becker hätte in jener Nacht zunächst eine "Prüfung milderer Mittel" vornehmen und – "um die Situation zu deeskalieren" – einen Warnschuss abgeben müssen.

Doch das Urteil der Koblenzer Richter hat vor dem Bundesgerichtshof keinen Bestand. Die Bundesrichter sprechen Becker am 2. November 2011 vom Vorwurf des Totschlags frei. Ganz abgesehen davon, dass den Richtern die gesetzliche Ermächtigungsgrundlage der ganzen Durchsuchungsaktion fragwürdig erscheint, seien derartige Maßnahmen "grundsätzlich offen durchzuführen". Becker habe sich durch die Warnung vor den Bandidos subjektiv bedroht gefühlt. Werde eine Person rechtswidrig angegriffen, sei sie berechtigt, sich zu wehren, heißt es im Urteil, und zwar mit dem Mittel, das eine "endgültige Beseitigung der Gefahr gewährleistet". Wer also – wie Becker – fürchten muss, von Verbrechern durch die Tür beschossen zu werden, habe weder die Zeit noch die Verpflichtung zur Abwägung der Mittel. Ein Warnschuss – an dessen "deeskalierender Wirkung" die Bundesrichter ebenfalls zweifeln – könne in dieser zugespitzten Lage nicht erwartet werden. Beide Schüsse seien aus der Sicht des Schützen "erforderliche Notwehrhandlungen" gewesen.

Die Polizei geht nach dem Richterspruch nicht etwa in sich und bedauert, durch eigenes ungeschicktes, möglicherweise sogar rechtswidriges Handeln den Tod eines Kollegen und Familienvaters heraufbeschworen zu haben. Vielmehr organisiert sie künstliche Empörung. Der polizeigeneigten Bild- Zeitung ist das Urteil gleich eine Titelgeschichte wert: "BGH lässt Polizisten-Killer laufen", heißt es auf Seite 1. Und die Redaktion prangert den Richter an, unter dessen Vorsitz der Strafsenat Becker freigesprochen hat, indem sie ein verschwommenes Foto von ihm abdruckt.

Minister und Polizeigewerkschaften ereifern sich in den Medien: Roger Lewentz, Innenminister von Rheinland-Pfalz, zeigt "absolutes Unverständnis" für die Auffassung der Bundesrichter, und sein hessischer Kollege Boris Rhein spricht von einem "Schlag ins Gesicht der Angehörigen". Der Bund Deutscher Kriminalbeamter zeigt sich entsetzt. Und Bernhard Witthaut, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei, bezeichnet das Urteil in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung als "fatales Signal". Es führe letztlich dazu, dass "Schwerkriminelle glauben, sie dürften durch Türen schießen, wenn die Polizei sie festnehmen will".

F ür ein Opfer der Polizei gerät das ganze Weltbild ins Wanken

In Deutschland konkurrieren drei Polizeigewerkschaften um Mitglieder, da will wohl keiner als Nestbeschmutzer dastehen. Hat aber unprofessionelles oder unbeherrschtes Verhalten für Beamte keine Folgen, beschädigt das nicht nur die innere Kultur der Polizei, sondern auch ihr öffentliches Image.

Ganz normale Menschen, die Opfer von gewalttätigen Polizisten werden, die erleben, wie Gesetzeshüter zuschlagen und sich anschließend herauslügen, erholen sich von diesem Erlebnis nicht mehr. Die deutsche Polizei genießt ein hohes Ansehen. Umso traumatischer ist es, wenn der "Freund und Helfer" sich als Gewalttäter entpuppt oder wie ein Krimineller agiert. Dann gerät das bürgerliche Weltbild aus den Fugen. Schwindet aber das Vertrauen des Bürgers in die Beamten, wendet er sich nicht mehr an die nächste Wache, wenn er etwas Auffälliges sieht. Die Ordnungshüter sind für ihre Ermittlungen jedoch dringend auf Hinweisgeber, also auf Anzeigeerstatter und Zeugen angewiesen. Die Polizei klärt nämlich bloß drei Prozent der Fälle selbst auf. Den Rest erledigt das Volk.