DIE ZEIT: Herr Döring, Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel sagt, auch andere Mütter hätten schöne Töchter, der FDP-Landesvorsitzende in Schleswig-Holstein, Wolfgang Kubicki, meint, es sei egal, wer der FDP bei der Bundestagswahl 2013 zur Macht verhelfe. Steuern die Liberalen auf die Ampel zu?

Patrick Döring: Was Kollege Niebel gesagt hat, ist eine Binsenweisheit. Bei der Union erleben wir derzeit bemerkenswerte programmatische Irrlichtereien. Da kann man nicht mehr so sicher sein, ob das noch eine bürgerlich-konservative Partei ist oder nicht. Koalitionen brauchen inhaltliche Schnittmengen. Die FDP kämpft gegen die Vergemeinschaftung von Schulden und für ausgeglichene Haushalte. Das ist schon mit der Union schwer genug hinzubekommen, wie man ja gerade sehen kann. Mit der SPD und den Grünen ist das unmöglich. Jedenfalls aktuell.

ZEIT: Das hört sich so an, als bereiteten Sie die Trennung vor. Schreiben Sie schon ein Buch?

Döring: Nein. Aber allen muss klar sein: Koalitionen sind immer dann erfolgreich, wenn sie ein gemeinsames Ziel verfolgen und jedem Partner die Chance geben, positiv stattzufinden. Leider leisten wir uns aktuell zu viele Ablenkungen. Die Debatten über die Einführung einer Vermögenssteuer, einer Einheitsrente oder einer Frauenquote hätten wir uns sparen können, wenn sich die Union am Selbstverständnis eines liberal-bürgerlichen Bündnisses orientiert hätte. Stattdessen leistet sie sich einen Wettbewerb mit der SPD um die größtmögliche Umverteilung.

ZEIT: Über den Bundesrat setzt die Union bei der Mindestrente und der Quote großkoalitionäre Signale. Macht man sich nicht lächerlich, wenn man sich an einen Partner klammert, der längst unterwegs ist zu einem neuen?

Döring: So sehe ich das nicht. Die Frau Bundeskanzlerin und der Unionsfraktionschef Volker Kauder haben deutlich gemacht, die größten Gemeinsamkeiten bestünden nach wie vor mit der FDP. Umgekehrt gilt das genauso. Über die Frage, was 2013 passiert, entscheidet dann die inhaltliche Positionierung im Wahlkampf. Wir wissen doch nicht einmal, wo die SPD überhaupt stehen wird: mittig-links bei Steinbrück, etwas linker bei Steinmeier oder ganz links bei Gabriel. Aber egal, wer Kandidat wird: Eine Agenda-Politik à la Schröder ist von der SPD 2013 nicht zu erwarten. Das vermindert die Chancen für eine Zusammenarbeit mit uns.

ZEIT: Eine Ampelabsage per Parteitagsbeschluss wie 2009 wird es bei der FDP aber nicht mehr geben.

Döring: Das hängt davon ab, wie sich die SPD in der zentralen Frage positioniert, wie der Kampf um die Stabilität des Euro geführt wird. Lautet die Botschaft der Sozialdemokraten: Ja zum unbegrenzten Gelddrucken, Ja zur unbegrenzten Haftungsübernahme für alle Schulden in Europa, dann wird es keine gemeinsame Basis für eine Zusammenarbeit geben.

ZEIT: Die gemeinsame Basis mit der Union ist jedenfalls schon weg. CDU und CSU vereinbaren einen Kompromiss beim Betreuungsgeld, machen das Vorhaben noch teurer und wissen dabei genau, dass die FDP das nicht mittragen kann. Sie werden ja noch nicht mal mehr ignoriert.

Döring: Diese Lesart ist mir jetzt deutlich zu negativ. Beim bedeutendsten Thema, der Zukunft Europas und des Euro, arbeiten Union und FDP gut zusammen. Man muss die letzten 14 Tage jedoch als Ganzes sehen. Die Forderung nach einer Einheitsrente von Frau von der Leyen, der durchgestochene Armutsbericht mit Steuererhöhungen und die Spielchen der CDU-Länderchefs im Bundesrat – da ist man schon das eine oder andere Mal wie vom Donner gerührt. Partnerschaftliches Miteinander stelle ich mir jedenfalls ganz anders vor.

ZEIT: Wann ist der Punkt erreicht, an dem die Liberalen sagen: Aus Selbstachtung machen wir das hier nicht mehr mit?

Döring: Die FDP weiß um ihre Verantwortung für Deutschland. Die Konflikte in der Koalition sind alle lösbar. In einer der schwersten Wirtschafts- und Währungskrisen setzt niemand die Regierung des größten und ökonomisch stärksten europäischen Landes wegen Herrn Seehofers Betreuungsgeld aufs Spiel. Mit den Irrlichtereien aus der Union muss Schluss sein – dann können wir auch wieder die Gemeinsamkeiten ins Zentrum rücken.

ZEIT: Die letzten beiden Wahlkämpfe haben gezeigt: Eine Partei, die keine realistische Machtoption anbieten kann, ist für den Wähler unattraktiv. Eine weitere Runde Schwarz-Gelb scheint heute so ausgeschlossen, wie es 2005 bei Rot-Grün der Fall war. Müssen Sie sich nicht von der Union lösen, um überleben zu können?

Döring: Für die Bundestagswahl 2013 ist entscheidend: Welche Partei hat eine klare Haltung? Die ist bei der SPD derzeit nicht zu erkennen, bei der Union verschwimmt sie immer mehr. Die Haltung der Freien Demokraten ist klar: Wir sind die Partei für Fortschritt, Wachstum und Wohlstand. Für diese klare Haltung werden wir Unterstützung bekommen, vollkommen unabhängig von möglichen oder tatsächlichen Koalitionspartnern.

ZEIT: Heißt also: Je schwammiger die Union, desto stärker die FDP?

Döring: Wenn die Union unbedingt einen Pkw-Maut-Frauenquoten-Mindestlohn-Wahlkampf machen will, dann nur zu. Neben CDU und CSU, die beide die bessere SPD werden wollen, entsteht in der Mitte viel Platz für die FDP.