Über das Duellieren: Dieser Zeitvertreib ist in Österreich heute so alltäglich wie in Frankreich. Allerdings mit dem Unterschied, dass das Duell hier in den österreichischen Staaten gefährlich ist, in Frankreich dagegen nicht. Hier ist es eine Tragödie, in Frankreich eine Komödie; hier ist es eine Feierlichkeit, dort ein Affentheater; hier setzt der Duellant sein Leben aufs Spiel, dort nicht einmal sein Hemd. Hier kämpft er mit Pistole oder Säbel, in Frankreich mit einer Haarnadel – einer stumpfen. Hier versucht der schwerverwundete Mann, zu Fuß zum Krankenhaus zu laufen; dort bemalt man den Kratzer, um ihn wieder aufspüren zu können, legt den Leidenden auf eine Trage und geleitet ihn mit einer Musikkapelle vom Kampfplatz.

Am Ende eines französischen Duells herzt und küsst sich das Paar und weint und lobt den Wagemut des anderen; dann führen die Wundärzte eine Untersuchung durch und identifizieren den Angekratzten, und der andere hilft ihm auf die Trage und zahlt seine Transportkosten; im Gegenzug spendiert der Angekratzte abends Champagner und Austern, und damit ist »der Fall erledigt«, wie die Franzosen sagen. Alles geht artig und liebenswürdig und hübsch und eindrucksvoll vonstatten.

Am Ende eines österreichischen Duells reicht der Kontrahent, der überlebt hat, dem anderen Mann gravitätisch die Hand, gibt einige Phrasen höflichen Bedauerns von sich, sagt ihm Lebewohl und geht seiner Wege, und auch dieser Fall ist erledigt.

Den französischen Duellanten schützen die Spielregeln sorgfältig vor jeder Gefahr. Die Waffe seines Kontrahenten reicht nicht bis an seinen Körper heran; wenn er überhaupt einen Kratzer abbekommt, dann nicht oberhalb des Ellbogens. In Österreich dagegen treffen die Spielregeln gemeinhin keine Vorsorge gegen Gefahr, vielmehr sorgen sie gewissenhaft für Gefahr. Gewöhnlich muss das Gefecht fortgesetzt werden, bis einer der beiden Männer kampfunfähig ist; eine Schnitt- oder Stichwunde, die ihn nicht kampfunfähig macht, entlässt ihn nicht vom Platz.

Drei Monate lang las ich die Wiener Zeitungen, und immer, wenn in den Kurzmeldungen über ein Duell berichtet wurde, klebte ich den Ausschnitt in mein Notizbuch. Anhand dieses Materials stelle ich fest, dass das Duellieren in Österreich nicht auf Journalisten und alte Jungfern beschränkt ist wie in Frankreich, sondern dass sich Militärs, Zeitungsleute, Studenten, Ärzte, Anwälte, Mitglieder der Legislative und sogar des Kabinetts, der Justiz und der Polizei darin ergehen.

Duellieren ist gesetzlich verboten; und so ist es seltsam, Gesetzgeber und Gesetzesvollstrecker in dieser Weise auf ihrem Werk herumtanzen zu sehen. Vor einigen Monaten trug Graf Badeni, damals Regierungschef, hier in der Hauptstadt des Reichs ein Pistolenduell mit dem Abgeordneten Wolf aus, und diese beiden herausragenden Christen wären um ein Haar aus der Kirche ausgeschlossen worden – denn nicht nur der Staat, auch die Kirche verbietet das Duellieren. (...)

In einem der aufgelisteten Duelle – aber lassen wir das, es ist nichts besonders Auffälliges daran, außer dass die Sekundanten einfielen. Und noch dazu verfrüht, denn keiner der beiden Kontrahenten war tot. Das war natürlich ordnungswidrig. Keinem der beiden Kontrahenten gefiel es. Es war ein Duell mit Kavalleriesäbeln zwischen einem Redakteur und einem Leutnant. Der Redakteur ging zu Fuß zum Krankenhaus, der Leutnant wurde hingetragen. Hierzulande ist ein Redakteur, der gut schreiben kann, nützlich, bleibt es aber nicht lange, wenn er nicht anmutig mit einem Säbel umzugehen weiß.