DIE ZEIT: Frau Hunger, als Kind einer Diplomatenfamilie sind Sie oft umgezogen. Was war Ihr Grundgefühl, wenn Sie irgendwo neu anfingen?

Sophie Hunger: Es war aufregend, weil ein Neuanfang bedeutet, dass man sich neu erfinden kann. Dieses Spiel kultivierte ich. Ich habe viel über das gelogen, was ich vorher gemacht habe.

ZEIT: Freuten Sie sich, oder hatten Sie Angst vor dem ersten Schultag in einer neuen Klasse?

Hunger: Beides. Ich freute mich auf die Spannung, die Neue zu sein, die andern beobachten zu können, die nichts über einen wissen, selber zu wählen, welche Informationen man preisgibt.

ZEIT: Gewöhnt man sich daran, immer wieder neu anfangen zu müssen?

Hunger: Mir war von Anfang an bewusst, dass das Ende eines solchen Aufenthalts absehbar war. Das machte mich gleichgültiger in Bezug auf die Verbindungen, die ich einging. Ich musste gar nie richtig ankommen, weil ich ja wieder abreisen würde.

ZEIT: Als Musikerin sind Sie immer noch viel unterwegs – ist dieses Gefühl geblieben?

Hunger: Mitte 20 kam ich zur Einsicht, dass es nicht normal ist, keine verbindliche Beziehung zu einem Ort zu haben. Ich hatte Glück, dass ich in Zürich richtige Freunde fand. Das war neu für mich und macht die Zuneigung aus, die ich für diese Stadt empfinde.

ZEIT: Können Sie gut alleine sein?

Hunger: Sehr. Was ich nicht mag, ist irgendwo alleine zu sein und nichts zu tun zu haben. Dann begeht man den Irrtum, sich selbst ins Zentrum zu stellen. Ich finde das sinnlos. Das Konzept der Identität habe ich nie ganz begriffen. Ich weiß nicht, was die Leute meinen, wenn sie sagen: Ich bin so und so.

ZEIT: Sind Sie ein melancholischer Mensch?

Hunger: Nein.

ZEIT: Ein fröhlicher Mensch?

Hunger: Nein. Weder noch. Ich weiß nicht, was für ein Mensch ich bin. Ich sehe da nur weiß. Das interessiert mich auch nicht.

ZEIT: Trauern Sie den verlorenen Dingen nach?

Hunger: Nein. Ich bedaure Verluste nicht. Ich denke immer, das Wesentliche liegt noch vor mir.

ZEIT: Fällt es Ihnen leicht oder leiden Sie daran, neue Songs zu schreiben?

Hunger: Es fällt mir leicht. Oder vielleicht eher: Ich kann nicht anders. Es ist meine einzige Aufgabe.

ZEIT: Haben Sie das Gefühl, Sie schreiben Ihre Lieder selbst, oder sind Sie eher das Medium, durch das die Musik sich ausdrücken will?

Hunger: Das sind Themen, die die ganze europäische Kulturgeschichte durchdringen, es geht um die Idee des Schöpfens. Ich würde sagen: Ich habe keinen blassen Schimmer.

ZEIT: Wo liegen Ihre musikalischen Anfänge?

Hunger: Ich hatte Klavierunterricht in der Primarschule, aber ich übte nicht und war schlecht. Dann nahm ich Saxofonunterricht, das mochte ich. Ernsthaft wurde es aber erst mit 18, als ich meine erste eigene Band hatte. Da nahm alles unaufhaltsam seinen Lauf.

ZEIT: Sie ließen sich also erst durch Ihre eigene Musik richtig begeistern?

Hunger: Ich hatte zuvor schon Fan-Phasen. Als ich 13 war, lebte ich in Deutschland und hörte nur Hip-Hop, A Tribe Called Quest, Nas, De La Soul. Als ich mit 16 nach Zürich kam, entdeckte ich Rock, Radiohead war sehr wichtig. Ich versuchte sogar das rechte Auge hängen zu lassen, um Thom Yorke zu imitieren. Ich wollte genau so sein wie er. Irgendwann verlagerte sich meine Verehrung dann auf Sportler.