Seit mehr als einem halben Jahrhundert ist die Europäische Union in ihrer Entfaltung begriffen. Sie begann 1952 mit sechs Mitgliedsstaaten. 40 Jahre später waren wir in Maastricht immer noch nur zwölf europäische Mitgliedsstaaten. Heute sind wir 27 Mitglieder, weil in den letzten Jahren immer mehr Länder aufgenommen wurden. Dagegen haben wir institutionell weder in Maastricht noch mit dem gescheiterten Versuch einer europäischen Verfassung, noch mit den Verträgen von Lissabon wirksame Fortschritte machen können. Die Brüsseler Kommission hat 20.000 tüchtige Mitarbeiter, aber sie sind mit zweitrangigen Aufgaben befasst. Allein die Europäische Zentralbank funktioniert zufriedenstellend. Man muss deshalb eine Möglichkeit heute deutlich aussprechen: Die Europäische Union kann durchaus scheitern.

Sie könnte durchaus auch an den Deutschen scheitern! Denn zur großen Überraschung vieler Deutschen erweist sich die Bundesrepublik als die ökonomisch stärkste Macht des Kontinents. Und sie lässt das die anderen Mitgliedsstaaten spüren! Das deutsche Bundesverfassungsgericht, die Bundesbank und vorher schon Bundeskanzlerin Merkel gerieren sich als das Zentrum Europas. Und leider Gottes ist ein Teil der öffentlichen Meinung in Deutschland heute von national-egoistischer Sichtweise geprägt.

Als alter Mann denkt man in längeren Zeiträumen. Ich halte es für möglich, dass die europäischen Staaten zu ihren alten Machtspielen zwischen Zentrum und Peripherie zurückkehren – und zwar ohne zu bemerken, dass sie sich selbst dadurch an den äußeren Rand der Weltpolitik und der Weltwirtschaft bewegen. Und dies trotz der Tatsache, dass zwei der europäischen Staaten Nuklearmächte sind, ebenso wie Nordkorea. Atomare Waffen sind Macht- und Rangabzeichen, sie sind Werkzeuge zur Drohung und zum Kriege. Ökonomisch und sozial sind sie eine Vergeudung der Produktivität. Dass Deutschland keine Flotte von atomar bewaffneten U-Booten unterhalten darf, ist einer von mehreren Gründen für unseren relativen Wohlstand.

Wir Deutschen haben zwar begriffen, dass wir Europäer nicht zurückkehren dürfen zum alten Spiel um das Gleichgewicht der europäischen Mächte. Aber darüber hinaus, so denke ich, muss Deutschland aus den letzten vier Jahrhunderten endlich entschlossen die notwendigen positiven Konsequenzen ziehen, nämlich diese:

Erstens: Die geschichtliche Erfahrung hat die europäischen Nationen und deren politische Führer gelehrt: Alle bisherigen Versuche zur Errichtung einer starken Zentralmacht in Europa sind gescheitert. Sie wären deshalb auch in Zukunft mit höchster Wahrscheinlichkeit zum Scheitern verurteilt. Auch der Versuch, die Europäische Union durch Verträge und Rechtsetzung zur außenpolitischen, zur ökonomischen, zur finanzpolitischen und zur sicherheitspolitischen Handlungsfähigkeit zu befähigen, ist bisher ohne sonderliche Wahrscheinlichkeit.

Zweitens: In dieser Lage müssen die Deutschen sich an Winston Churchill und an Charles de Gaulle erinnern. Sie müssen sich an George Marshall, an George Kennan, an Harry Truman und an George Bush Vater erinnern. Das waren Staatsmänner, die uns Deutschen geholfen haben. Wir müssen uns endlich revanchieren.

Und das heißt: Wir müssen nicht nur Fürsprecher der Europäischen Union sein. Sondern wir müssen – weit darüber hinaus – proaktiv handeln und agieren. Das deutsche Grundgesetz bietet im Artikel 23 Absatz 1 (der die Vertiefung der Integration erlaubt, d. Red.) den Weg. Natürlich wird das viel Geld aus Deutschland kosten, aber wozu waren wir seit 1952 der Hauptgewinner des europäischen Integrationsprozesses?

Drittens: Welche Lehren auch immer man aus der Geschichte der letzten Jahrhunderte ziehen will: Jedenfalls dürfen wir Deutschen nie und nimmer Ursache werden für Stillstand, für Verfall – oder gar für Zerfall des großen Projektes der Europäischen Union. Schließlich wartet fast die ganze Welt in den anderen vier Kontinenten ungeduldig darauf, dass die alten Europäer endlich als Union mit einer Stimme agieren. Dazu gehört der unbedingte Wille zur Zusammenarbeit mit den Franzosen – und als Zweites der Wille zur unbedingten Zusammenarbeit mit den Polen. Und drittens der Wille zur Kooperation mit allen anderen Nachbarn.

Ich will am Schluss auf die Frage zurückkommen, ob Deutschland sich geändert hat und ob wir gelernt haben. Ich möchte diese Schicksalsfrage bejahen. Aber beweisen können wir das erst, wenn wir laut und deutlich vernehmbar die Konsequenzen ziehen.