"Das sind", sagt Opolais, "die Produktionen, die ich liebe. Wenn ich leben und ehrlich sein kann. Und wenn am nächsten Morgen nach der Vorstellung noch fünfzig Menschen sagen, dass sie sich an mich erinnern."

Dass sie im Übrigen immer nass war, sogar in ein Aquarium eingetaucht während der drei Stunden als Rusalka, und dass sie sich trotz des bisschen Kleiderstoffs um ihren Körper herum niemals nackt fühlte, "hatte viel mit Vertrauen zu tun". Dieses Vertrauen hat Opolais an der Oper aufgebaut, als sie in Riga unter dem Regisseur Andrej Zagars anfing, sich zum "stage animal", zum Bühnentier, auszubilden, wie Zagars das nannte. Er selbst hatte die Oper in Riga, wo Richard Wagner einmal Musikdirektor war, Mitte der neunziger Jahre allmählich aus dem postsowjetischen Schlaf geweckt und suchte nach mehr Glaubwürdigkeit.

Kristine Opolais, die eigentlich Popsängerin werden wollte ("Freddie Mercury war das Höchste!"), kam ihm da sehr zupass, denn die junge Frau vom Land war nicht eben glücklich mit dem Konservatorium in Riga. Dort hatte sie ihre Mutter, ebenfalls eine Sängerin, untergebracht: "Ich mochte Tina Turner, und wie die dicken Diven wollte ich niemals werden!", sagt Opolais heute. Über den Chor rückte sie, ohne Abschluss, mit viel Glück ins Zentrum der Bühne. Und sie lernte, während sie Puccini (Mimi, Musetta, Violetta, Liu) und Tschaikowski (Tatjana im Eugen Onegin, Lisa in Pique Dame), aber auch die Gräfin in Mozarts Figaro sang, in ebendiesem Zentrum stets den Mittelpunkt abzugeben. Die lebendige Stelle.

All dies – das manchmal besinnungslose, jedenfalls oft instinktive Verkörpern von Partien, hatte dann aber auch einen Preis. Opolais’ Stimme und vor allem Oplais’ Präsenz waren schnell international gefragt – an der Berliner Staatsoper und in Wien. Um trotzdem Ruhe zu finden und an sich zu arbeiten, ist Kristine Opolais nach Amsterdam gegangen, zu Margreet Honig, die als Pädagogin darauf zielt, dass man genau die Sängerin wird, die man glaubt, schon zu sein. Honig empfahl Opolais vor allem, ihre Atemtechnik umzustellen. "Sie brauchen Frieden", war und ist ihr Credo. "Stunden mit Honig sind wie Yoga-Übungen", sagt Opolais.

Frieden. Kann man im Leben zugleich mehr Frieden finden und mehr Aufregung haben als mit einem Baby? Im vergangenen Jahr ist Kristine Opolais Mutter geworden. Der Vater der kleinen Tochter Adriana Anna ist der Dirigent Andris Nelsons, den Opolais bereits in Riga kennengelernt hat, während sie noch im Chor sang. Gemeinsam den Kinderwagen kreuz und quer über den Grünen Hügel schiebend, sah man sie jetzt in Bayreuth wieder. Nelsons betreut die Wiederaufnahme des Lohengrin in der Regie von Hans Neuenfels, der bei seiner Premiere vor drei Jahren mindestens zur Hälfte eine Sensation wegen Nelsons gewesen ist.

Was spricht man in den Pausen, die bleiben, über Musik in einer Musikerfamilie? "Keiner", sagt Kristine Opolais, "redet dem anderen rein." Aber ein bisschen Angst muss Andris Nelsons ihr trotzdem gerade nehmen.

Opolais hat nach der Geburt acht Monate Pause eingelegt. Karrieretechnisch nicht zu ihrem Schaden. Die Met (mit La Rondine) und Covent Garden (mit Tosca), beide Anfang 2013, warten wieder. Als sie allerdings vor zwei Monaten in München innerhalb der Italienischen Nacht des Bayerischen Rundfunks mit dem Orchester unter Leitung ihres Mannes und ein paar anlassgemäßen Stücken auftritt (von Puccini natürlich und in Abendrobe, was nicht ihr liebstes Kostüm ist), muss sie kämpfen: mit sich – und auch ein bisschen mit ihrer Stimme. 300 Meter Luftlinie von der Bühne entfernt schläft die Tochter (hoffentlich schläft sie, denkt die Mutter). Derweil fügt sich die Sängerin in ein Schema, das erkennbar nicht ganz das ihre ist: Sie singt Schmankerl. Nicht gerade das, was sie am besten kann.