In dieser Woche treffen sich Ärzte und Kassen erneut zum Showdown: Die Ärzte der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) fordern mehr Geld und drohen, das System der Selbstverwaltung mit den Kassen langfristig infrage zu stellen. Der Hausarzt Leonhard Hansen hat als Funktionär jahrelang solche Verhandlungen geführt – und schildert jetzt, nach seiner Amtszeit, seine Sicht auf die Konflikte hinter den Kulissen .

DIE ZEIT: Herr Hansen, bekommen Ärzte wirklich zu wenig Geld ?

Leonhard Hansen: Quatsch. Dem guten Arzt, der genug arbeitet und für seine Patienten erreichbar ist, geht es nicht schlecht. Und dieser Arzt beschwert sich auch nicht. Es sind die Funktionäre, die ein anderes Bild produzieren.

ZEIT: In der Öffentlichkeit argumentieren diese Ärzte, sie hätten insgesamt zu wenig Geld, um ihre Praxen halten zu können.

Hansen: Klar, die Zeiten sind härter geworden. Aber die, die sich beschweren, dachten, sie würden als niedergelassene Ärzte schnell Millionen verdienen und nachmittags um drei auf dem Golfplatz stehen. Doch es gibt – trotz des angeblichen Ärztemangels – jedes Jahr zwei Prozent mehr Ärzte. Und das begrenzte Geld der Kassen muss unter allen Ärzten verteilt werden.

ZEIT: Als Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein waren Sie elf Jahre lang verantwortlich dafür, das Geld unter den Ärzten aufzuteilen.

Hansen: Ja, zum Glück muss ich das nicht mehr machen. Schlimm waren die ständigen Streitereien. Egal, was ich getan habe, ich wurde beschimpft, zerrissen zwischen den Gruppen.

ZEIT: Warum wurden Sie zerrissen?

Hansen: Alle Gruppen streiten um das Geld der Kassen. Auf unser Drängen hin hat die Politik zunächst die Honorare der Hausärzte vor der großen Verteilung aus dem Topf abgezweigt, sonst wäre für die Hausärzte nichts übrig geblieben – und es hätte noch mehr Streit gegeben.

ZEIT: Manche Facharztgruppen bekommen mehr als andere. Woran liegt das?

Hansen: Fachärzte sind in Verbänden organisiert. Jeder versucht, bei den entscheidenden Akteuren den Eindruck zu erwecken, dass seine Arbeit die wichtigste ist: Bei den kassenärztlichen Vereinigungen, den Kassen, der Politik. Das ist klassische Lobbyarbeit.

ZEIT: Wie wird das Geld genau verteilt?

Hansen: Die Einnahmen der Kassen werden von 17 regionalen kassenärztlichen Vereinigungen verteilt. Die haben trotz bundesweiter Einheitswerte große Spielräume. Deswegen betreiben die Facharztgruppen auch auf regionaler Ebene zum Teil unanständige Klientelpolitik.