Als die Europäische Zentralbank (EZB) Anfang September beschloss, notfalls wieder Anleihen von kriselnden Staaten aufzukaufen, dachten Mario Draghi und seine Kollegen vor allem an Spanien. Das Land gilt als eine Art "Frontstaat" bei der Verteidigung des Euro, und das umstrittene EZB-Programm ist dazu gedacht, die Situation dort zu stabilisieren. Umso größer ist die Überraschung in Frankfurt und in Brüssel, dass die spanische Regierung seither zögert, die in Aussicht gestellte Hilfe anzunehmen.

Will Spanien gar keine Hilfe? Oder hofft die Regierung Rajoy auf bessere Bedingungen?

Fasst man die Indizien der vergangenen Tage zusammen, spricht vieles dafür, dass Spanien demnächst finanzielle Unterstützung aus dem europäischen Rettungsfonds ESM beantragen wird. Der spanische Wirtschaftsminister Luis de Guindos gilt als Befürworter eines solchen Schritts. Die EU-Kommission, die EZB und Frankreich drängen in diese Richtung. Die Kommission sei "vorbereitet und in der Lage zu handeln", sagte EU-Kommissar Olli Rehn Anfang dieser Woche bei einem Besuch in Madrid. Ein Antrag auf Finanzhilfe – ein sogenanntes Vollprogramm – ist die Voraussetzung dafür, dass die EZB aktiv werden kann. Stellt Spanien einen solchen Antrag, muss es allerdings ähnlich wie Griechenland, Portugal und Irland mit den Kreditgebern ein Reformprogramm aushandeln, ein Memorandum of Understanding.

Für den konservativen Ministerpräsidenten Mariano Rajoy, der erst seit neun Monaten regiert, wäre es bereits das zweite Reformprogramm, zu dem er sich verpflichtet. Das erste Memorandum hatte die Regierung im Juli unterzeichnet, als Voraussetzung für die Bankenhilfe, die Spanien bereits zugesagt ist. Dies ist ein Grund, warum Rajoy zögert: Er will den Eindruck vermeiden, dass seine Regierung nicht mehr souverän über ihre Politik entscheidet. Zumal vor dem 21. Oktober, wenn im Baskenland und in Galicien Regionalwahlen stattfinden. Rajoy stammt aus Galicien; seine Partei, der Partido Popular, muss dort um ihre Regierungsmehrheit fürchten.

Dabei ist die Souveränität ohnehin nur noch Fassade. Die jüngsten Ankündigungen der Regierung – weitere Einsparungen in Höhe von 40 Milliarden Euro – folgen bereits in weiten Teilen den Vorgaben der EU. Demnach muss Spanien sein Staatsdefizit von derzeit über 6 Prozent bis 2014 auf 2,8 Prozent reduzieren. Das ist der zweite Grund für die gegenwärtige Hängepartie: Indem er in Vorleistung tritt, hofft Rajoy die europäischen Partner zu beruhigen und zusätzliche Auflagen für den Fall eines Hilfsantrags zu vermeiden. Die Verhandlungen über mögliche Bedingungen haben längst begonnen, auch wenn es diese Verhandlungen offiziell noch gar nicht geben darf.

Der dritte Grund, warum Spanien zögert, liegt in Berlin. Ausgerechnet die Bundesregierung hat Rajoy zuletzt in seiner abwartenden Haltung unterstützt, sehr zum Ärger Frankreichs. Mehrfach erklärte Finanzminister Wolfgang Schäuble, Spanien sei auf einem guten Weg und brauche keine weitere Hilfe. Wirklich überzeugt klang er dabei nicht, aber die deutsche Regierung hat ihre eigenen Sorgen. Über ein Hilfsprogramm für Spanien müsste der Bundestag abstimmen, genauso wie über mögliche weitere Hilfen für Griechenland oder ein Zypern-Programm, das derzeit ebenfalls verhandelt wird. Wenn sich solche Abstimmungen schon nicht vermeiden lassen, würde man sie in Berlin zumindest gerne zusammenfassen. Genauso wie Rajoy spielen Schäuble und Merkel deshalb auf Zeit.

Am liebsten würde Spanien ohne fremde Hilfe auskommen. Wahrscheinlich wird die Regierung Rajoy sie dennoch beantragen – sobald Angela Merkel zustimmt. So sieht es derzeit aus in Europa.