ZEIT: Die Voraussetzung ist also eine funktionierende europäische Aufsicht?

Lautenschläger: Das ist eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung. In der Bilanz der Banken spiegeln sich die Risiken der Volkswirtschaft wider, deren Unternehmen sie finanzieren. Und der Zustand der Volkswirtschaft wird auch von der Wirtschaftspolitik eines Landes beeinflusst. Wenn ich also die Bankenrisiken oder gar die Einlagensicherung vergemeinschaften will, dann brauche ich auch eine gewisse gemeinsame Kontrolle der Steuerpolitik, der Finanzpolitik bis hin zur Arbeitsmarktpolitik. Das ist nichts, was sich kurzfristig umsetzen lässt.

ZEIT: Andere Länder drängeln aber, weil sie argumentieren, dass gemeinsame Töpfe im Kampf gegen die Krise helfen. Wann wird es so weit sein?

Lautenschläger: Ich kann Ihnen keinen Zeitplan nennen. Entscheidend ist zunächst, dass wir eine starke und effiziente europäische Aufsicht erhalten. Und ich kann mir nur schwer vorstellen, dass man diese in zwei bis drei Monaten aufbauen kann.

ZEIT: Es gibt rund 6.000 Banken im Währungsraum. Wie viele davon soll die gemeinsame Aufsicht, die bei der Europäischen Zentralbank (EZB) angesiedelt werden soll, kontrollieren?

Lautenschläger: Bei den großen systemrelevanten Instituten sollte sicher die EZB eine entscheidende Rolle in der Aufsicht spielen. Da sprechen wir von 20 bis 60 Instituten. Wenn aber alle Institute auf europäischer Ebene beaufsichtigt werden sollen, dann sollte die Überwachung über kleine und mittelgroße Institute mit einer klaren gesetzlichen Regelung an die nationalen Aufseher zurückdelegiert werden. Denn es ist sehr wichtig, dass die nationalen Aufseher bei den kleineren Banken ihre Kenntnisse des nationalen Marktes und des nationalen Rechts entscheidend einbringen.

ZEIT: Aber auch kleinere Institute wie zum Beispiel Sparkassen können zur Gefahr werden. Warum wollen Sie sie beschützen?

Lautenschläger: Ich will niemanden beschützen. Ich sehe nicht, dass die EZB ohne Unterstützung der nationalen Aufseher in naher Zukunft 6.000 Banken überwacht. Denken Sie nur an die Sprachhindernisse. Jede kleine Volksbank in Deutschland müsste nicht nur ihre Bilanz ins Englische übersetzen, damit der Aufseher in der Zentrale die Bank prüfen kann. Wollen wir das wirklich? Ich denke nein.

ZEIT: Die Finanzbranche ist eine Männerdomäne. Anders die deutsche Finanzaufsicht: Sie sind die oberste Aufseherin der Bundesbank, Elke König leitet die BaFin. Kontrollieren Frauen besser?

Lautenschläger: Nicht besser, aber hier und da anders. Erfolg in der Aufsicht ist jedoch keine Frage des Geschlechts. Sie brauchen vor allem Qualifikation, Erfahrung und Leidenschaft.