Ein Bruder taucht auf, von dem Filip, der Schriftsteller, niemals zuvor gehört hat. Aber der Bruder verschwindet gleich wieder. Beim ersten Treffen zieht er sich auf der Kneipentoilette Frauenkleider an. Will der Bruder die Schwester sein, die bei einem Autounfall starb? Ist das ein Scherz, ein Spiel mit Erzählmöglichkeiten?

David Albahari, 1948 in Peć, im heutigen Kosovo, geboren, lebt seit 1994 in Kanada. Er debütierte 1973 auf Serbisch mit einem Erzählungsband, der übersetzt "Zeit für Familie" heißen könnte. Albahari präsentierte darin viel Autobiografisches, das auch die folgenden Bücher durchzog. Sprache und Dramaturgie fallen bei Albahari je verschieden aus, sie sind experimentell beeinflusst und existenziell getrieben zugleich. Schon in der Beschreibung des Todes (1974) lässt das Ich seinen Vater von Jorge Luis Borges und dem Ende der Geschichten fabulieren. In letzter Zeit dominieren bei Albahari Mono- und Dialog, ob die Figuren nun zur SS gehören wie "Götz und Meyer" oder ob sie, wie Albahari selbst, Söhne verfolgter Juden sind.

Der Bruder ruft auf den ersten Blick ein gängiges Muster ab: Ein Brief kommt an, der alles verändert. Das kann man trivial oder klassisch nennen, neu ist es nicht. Bei Albahari trifft dieser Brief auf Filip, einen Eigenbrötler, der sich die Wohnung zugemüllt hat, aber ganz gut in einer Pose lebt: sein Erfolgsbuch nannte er "Das Leben eines Verlierers", auch wenn sein eigenes Leben nie ernsthaft in Nöte geriet. Immerhin, er verlor seine Familie. "Alles habe ich verloren – Vater, Mutter und Schwester – mein Leben ist nun eine große Leere, ein brachliegendes Feld, über das nicht einmal mehr der Wind fegt." So volldröhnend-larmoyant beginnt sein Roman. Da droht der Brief von Robert, dem Bruder, sein Erfolgsbuch glatt "auszuradieren", denn mit der Einsamkeit ist es nun wohl vorbei. Filips erster Gedanke ist "Cognac", aber der Weg zur Vitrine mit den Gläsern ist versperrt. Filip bleibt sitzen. So geht Albaharis trockener Humor.

Filip wendet seine Erinnerungen an die Familie um und um. Er schwankt zwischen sentimentaler Begeisterung, "mein Bruder!", und pekuniärer Besorgnis: "mein Erbe! ein Betrüger!". Und warum will sich Robert ausgerechnet im Brioni mit ihm treffen, einer düsteren Kneipe, in der Filip lange Phasen seines Lebens saufend abhockte?

Albaharis Roman ist mit Politik durchsetzt. Es geht um 1968, als auch in Belgrad revoltiert wurde. Filips Vater, ein Uni-Professor und in den Aufruhr verwickelt, hat plötzlich das Gefühl, das dritte Kind, noch im Bauch der Mutter, könnte eines zu viel sein. Denn gerade droht ihm Gefängnis. Ein Kollege, Jude, hat keine Kinder. Also wechselt ein Diamantencollier den Besitzer und ein Kind die Eltern. Der Bruder wandert mit nach Argentinien aus. Auch er wird Schriftsteller und promoviert über – Borges. Wer also ist Albahari? Beide Brüder, und etwas mehr? Eindringlich und elegant wird hier Identitätsverlust zelebriert.

Es gibt inzwischen einige Heimkehrergeschichten in der exjugoslawischen Literatur. Sie fragen: "Was hat sich verändert?" Bei Albahari nicht viel. Am Ende wird der verkleidete Robert vor dem Brioni verprügelt und stirbt. Das Brioni ist schicker geworden, und Tote gibt’s immer.