"Ich werde zurückkehren. Natürlich nur zu Besuch, ein paar Tage, aber auch das erst nach einigen Jahren, in denen ich mich so verändert haben werde, dass sie mich nicht sofort wiedererkennen." Mit diesen Sätzen beginnt der Roman der Berliner Autorin Stephanie Gleißner, sie klingen nach festem Willen und nach innerer Stärke – und sie vibrieren doch vor Verunsicherung: zurück ja, wohin auch immer, wo ich nicht mehr bin, aber nur getarnt und auch nur auf Zeit, damit es nicht allzu sehr wehtut.

In den Büchern, von denen hier die Rede ist, steht immerfort jemand auf der Schwelle. Er will nach vorn oder zurück, manchmal möchte er sich auch gar nicht bewegen. Und weil die Figuren, die in diesen Romanen eine Rolle spielen, zum allergrößten Teil noch ziemlich jung sind, fällt jede Bewegung dramatisch aus, sie führt ins Leben hinein oder an ihm vorbei, ins Glück oder geradewegs in die Einsamkeit, in den Schmerz und die Wirrnis. Die Autorengeneration um die dreißig erzählt am liebsten von Frauen und Männern, die noch jünger sind als sie selbst. Es sind Fallstudien am Rande des Erwachsenenlebens, und das erwachsene Leben ist eine Zwingburg, die man nicht mal eben so erobert. Dabei geht es nicht ums Autobiografische. Die Nabelschau ist Ausnahme. Wenn das eigene Erleben eine Rolle spielt, wird es sorgfältig in Fiktion verpackt oder von Ironie beschützt.

Stephanie Gleißners Heldin, sie heißt Annemut, hat jedenfalls einen Fehlstart ins Leben hingelegt. Annemut entkam ihrer süddeutschen Heimatstadt, nur um Jahre später eine trübe Bilanz zu ziehen: keine Berufsperspektive, weder ein liebevolles Verhältnis zu sich noch zu den Männern, Neurodermitis. Sie kommt zurück, an den Ort durchaus gemischter Erinnerungen, genauer gesagt geht sie sofort auf die Suche nach Johanna, die früher ihre beste Freundin und ihre Vertraute war, ein besonderes und selbstbewusstes Mädchen, aber auch die Empfindlichere der beiden. Sie gaben einander Halt und Sicherheit, ein Bollwerk waren sie. Und tatsächlich, da sitzt Johanna in einem Krankenkassenbüro und stellt Krankenscheine aus. Aber von Annemut will sie nichts mehr wissen, kennt sie nicht länger, eine Totalabfuhr, eine Auslöschung der gemeinsamen Vergangenheit.

Damals hatte sich Johanna in Annemut verliebt, aber die stand auf Jungs und machte Johanna vor, wie man sich paart. So endete die Jugend in einem Verrat. Sie lässt sich auch nicht wieder aus dem Hut zaubern, und in Gleißners Buch ist echte Traurigkeit über den verpatzten und verpassten Anfang des Lebens zu spüren. Es gab Zeiten, da hätten Literaten ihren Zeigefinger auf die Gesellschaft gerichtet, um das Unglück ihrer Figuren zu erklären. Heute ist das anders. Heute ist der Einzelne an seiner Misere auch selbst schuld. Wer nicht ins Leben kommt, macht was falsch, aber das ist erzählenswert.

Wir haben die in diesem Herbst erscheinenden Bücher der in den Achtzigern geborenen Autorengeneration so gelesen, als hätten sie etwas miteinander zu tun, als wären sie aufeinander zugeschrieben worden. Wir möchten nicht jene Autoren vorstellen, die bereits erfolgreich sind und breit rezensiert werden, sondern Debütanten oder solche, die das zweite oder dritte Buch veröffentlicht oder sich zum ersten Mal an einen Roman gewagt haben. Vollständigkeit ist nicht beabsichtigt. Zwei Autorinnen sind auch schon 1979 geboren worden, eine kam erst 1990 auf die Welt. So unverantwortlich es sein mag, aus so vielen und so ungleichen schriftstellerischen Individualitäten etwas Allgemeines abzuleiten, so überraschend ist der Befund, dass sich ihr Blick auf die Dinge doch in vielem ähnelt.

Ob Marjana Gaponenko von einem alten Mann erzählt, der zum Sterben nach Wien reist, ob Rebecca Martin ihre junge Erfolgsautorin Elina bei den Vergnügungsanstrengungen ihrer Altersgruppe begleitet oder Kevin Kuhn den Gymnasiasten Till beim Hikikomori beobachtet, ein Wort aus dem Japanischen, das verwendet wird, wenn einer sich freiwillig aus der Welt hinausbegibt und auch lieber nicht wieder hereinkommen möchte: Das Dasein, in dem wir uns alle selbstverständlich tummeln, scheint kein schöner Ort zu sein, jedenfalls streben ihm die Helden dieser Romane nicht mit Sehnsucht entgegen. Auch das Herausfallen ist eine Option, und dass die Welt womöglich nur ein Produkt des eigenen Hirns ist, macht die Sache nicht besser, denn das Resultat spricht gegen das Gehirn. "Im Grunde haben wir in unserem Kopf eine eigene Welt, die alles aufsaugt", behauptet Kevin Kuhns Held, "hier die Tasse mit dem getrockneten Milchschaum, der Riss in der Keramik, da das Terrarium, drüben die Balkone, Blumenvasen, die vereiste Socke."

Den Graben zwischen Ich und Welt ebnen solche Einsichten nicht ein, und so bleibt als Fazit, dass weder der Einzelne in seiner Melancholie noch die Welt in Gestalt all der anderen, der Mütter und Väter, der Freunde und WG-Mitbewohner, endgültig recht hat, in Gestalt der ersten Lieben oder der Santería-Priesterinnen, wie beispielsweise bei Marie Pohl , die auf der ganzen Welt nach den Geistern sucht, weil die Geister zwischen dem Ich und der Welt herumwesen und Marie Pohl genau dort die Harmonie zu finden hofft, welche das normale Leben hartnäckig verweigert. Kuhns Held resümiert: "Das ist Leben, denke ich mir, leer und vergiftet herumstehen, sich gar nicht mal schlecht fühlen."

Nicht nur Friede und Freude

Natürlich sind das auch bewährte literarische Haltungen. Holden Caulfield, der Held von J.D. Salingers Fänger im Roggen , grüßt aus der Ferne, und auch die Stimmungslage in Christian Krachts Faserland hat eine gewisse Schule gemacht. Es ist schön, wenn es dann mal richtig gut ausgeht, wie bei der Wiener Autorin Vea Kaiser . Ihr Debüt ist ein furchtlos und frisch erzähltes Dorfepos: "Geh pfui, da Robert ist a Oarsch, stell dir vor, der hat wos mit so aner Hochg’schissenen! Da kriegt a sicher so Pilze und wos de ollas ham!" Nein, eigentlich sind es drei Romane in einem: zuerst eine finstere Alpengeschichte, mit dem obligaten Stumpfsinn und den entsprechenden Kabalen, danach folgt der Bildungsroman des Johannes A. Irrwein, der sein Dorf um der Bildung willen verlässt und – in einer Komödie – nach Jahren einer entfremdeten Gymnasialzeit nach Hause zurückkehrt, triumphal willkommen geheißen und sogar mit Liebesglück belohnt wird, dass der österreichische Blasmusikpop nur so scheppert.

So viel Friede und Freude ist Nora Bossongs Heldin nicht vergönnt. Luise Tietjen stammt aus einer Essener Unternehmerfamilie (Frotteehandtücher) und möchte immer alles richtig machen. Ihre Vorfahren hatten die Firma geprägt, danach wurden alle von der Firma geprägt, man kann auch sagen zurechtgeschnitten, seelisch verkrüppelt, entstellt. Luises Vater – die notorische "dritte Generation" – ist kein guter Unternehmer mehr, und er erträgt es irgendwann nicht länger, Verantwortung zu tragen. Er setzt sich nach New York ab, will keinen Kontakt mehr zur Familie, reißt die Firma mit in den Abgrund. Luise, die es nie wollte, rettet den Laden, sie lässt sich zurechtschneiden und tritt mit allen Konsequenzen in die Fußstapfen der Altvorderen. Bis man ihr auf die Schliche kommt. Nora Bossongs Buch ist (fast) ganz unsentimental, es ist die Geschichte der bemerkenswerten Anpassung und Selbstaufgabe einer jungen Frau, aber auch eine Vater-Tochter-Geschichte, die anders klingt und anders ausgeht als die üblichen.

Das Leben bleibt unerreichbar, das normale, unspektakuläre Leben, mit Job und einem Partner, mit Freunden und minimalinvasiven Eltern. Es entfernt sich auf geheimnisvolle Weise, oder es zerrinnt, wenn es da zu sein scheint, es ist ein Hindernisparcours ohne Chance, ans Ziel zu gelangen: Andreas Stichmanns erster Roman ist ein bilderreiches und gefühlsintensives Roadmovie, eine eingebildete, wenn auch echte Liebesgeschichte, es ist die Geschichte eines verzweifelt und hoffnungslos Suchenden. Als Einziger übrigens wagt sich Stichmann an das Thema Sex. Viele Verliebtheiten in diesen Büchern, aber kein aktiv sündiges Fleisch. Rupert ist ein schwer erziehbarer Junge, der auf seinen Streifzügen durch das terrain vague am Rande der Stadt auf Ana trifft, das schöne und begehrende iranische Mädchen. Ana verschwindet irgendwann, womöglich ist sie mit ihrer Mutter in den Iran zurückgekehrt, und so macht sich Rupert in Begleitung seines schizophrenen Nennbruders Robert auf die Reise nach Persien. Er ist ein Trip in die Fremde, auch in die Fremde im eigenen Kopf, denn es zeigt sich, dass Ana, die Liebe und alles drum herum im Wesentlichen die Hervorbringung eines schizoiden Gemütes waren, ein solipsistischer Traum, der den Träumenden am Schluss verschlingt.

Harmloser geht es bei Sabrina Janesch zu. Ihr Roman ist ein Genremix, er kreist um Familien- und Liebesverwicklungen, um die Geschichte Danzigs und der deutsch-polnischen Beziehungen. Eine junge Deutsche mit polnischem Vater erbt in Danzig eine Wohnung, in der ein verfeindeter Teil der Familie haust. Als sie hinfährt, ist alles halb so schlimm. Die schöne Renia taucht auf, flirtet, ebenso der Irak-Veteran Bartosz. Vielleicht verfügt Kinga, die Heldin, sogar über paranormale Fähigkeiten, wer weiß, jedenfalls wird viel geraunt. Dingsymbole spielen eine Rolle, und das Ganze will etwas mit Grass’ Blechtrommel zu tun haben. Aber was? Interessant ist an diesem Buch nicht die angebliche Magie des Bernsteins, sondern die Seelenlage der jungen Deutschen, die – als Renia und Bartosz ein Paar werden – eine Katastrophe auslöst. Auch diese Kinga lebt letztlich heillos in ihre Fantasien und Gefühle verstrickt, nennt Magie, was womöglich nur den eigenen Wünschen und der eigenen Einsamkeit entspringt.

Demgegenüber ist Marie Pohl zwar eine leidenschaftliche Spiritistin, steht aber mit beiden Beinen fest auf der Erde. Am Ende ihres Buchs haben weder sie noch wir einen Geist kennengelernt. Schade, sie war so nah dran, von Neugier getrieben und von der Hoffnung, für ihr zerbrechliches, stets ein bisschen gefährdetes Leben Schutz und Anleitung von oben zu erhalten, Ordnung, vielleicht Sinn. Entliebt und dann gleich wieder verliebt, geht es ins kubanische Hinterland zum Ziegenschlachten, danach weiter ins verwunschene Irland, nach Mexiko. Pohl interviewt einen (ziemlich coolen und vernünftigen) Zauberer, begleitet die Ghostbusters von New York und wartet eine unheimliche Nacht lang in einem balinesischen Tempel auf die Durga. Nüscht zeigt sich. Bleibt das Gefühl, irgendwo in der Seele habe sich vielleicht doch ein höheres Wesen eingenistet, das fürs Gute im Leben sorgt. Und die Männer, die bleiben auch. Pohl hat eine Art Ego-Reportage geschrieben, ein Reisebuch mit vielerlei Beobachtungen. Manche Episoden sind wirklich lustig, mindestens ben trovato, und als Leser ist man froh, auf jemanden zu treffen, der die Last der Selbstverantwortung so gar nicht tragen will, sondern sie kurzerhand auf die Schultern der Geister hievt. Eigentlich eine aparte Idee.

Was ins Auge fällt: Keiner dieser Autoren ringt mit dem Anfang in der Literatur, will sagen, keiner presst hier einen mit Herzblut geschriebenen, ganz nah am eigenen Ich gelagerten Erstling hervor, mit vollem Risiko, womöglich auf charmante Weise allzu ehrlich oder am Rande der Peinlichkeit. Solche Vorstellungen sind mittlerweile wohl literarische Folklore. Die handwerkliche Professionalität dieser zehn Schriftsteller ist beeindruckend. Ihre Bücher sind gut erzählt, meistens wird die Perspektive einmal gebrochen in Gestalt einer zweiten Sprachebene, die Romane sind gewieft im Aufbau, haben eine anständige Exposition, einen Spannungsbogen und eine Auflösung. Es gibt was zu lachen, zum Heulen oder zum Identifizieren. Ein Blick auf die Biografie der Autoren bestätigt, dass sogar jene, die in diesem Herbst debütieren, zuvor im Literaturbetrieb Erfahrungen gesammelt haben. Beinahe alle gewannen Stipendien und Förderpreise, sie nahmen an Lesewettbewerben teil, und man kann sicher sein, dass sie von ihren Agentinnen und Lektoren super gecoacht worden sind.

Es spielt keine Rolle mehr, ob hier jemand seinen ersten oder zweiten Roman veröffentlicht. Die Zwanzig- und Dreißigjährigen kommen reif auf die literarische Welt. Möglicherweise auch aus diesem Grund hält man nach Autobiografischem ebenso vergeblich Ausschau wie nach Bekenntnissen. In dieser Saison fällt der Sturm und Drang aus. Das führt allerdings auch dazu, dass wenig Interesse an formalen Experimenten zu bestehen scheint und auch der Ehrgeiz nicht sonderlich brennt, eine ganz eigene Sprache zu finden, vielleicht sogar eine außergewöhnliche Diktion zu entwickeln.

Das große Gefühl blitzt plötzlich und unerwartet auf

Eine Ausnahme ist die in Odessa geborene Marjana Gaponenko, die den alten Galizier Lewadski ins Wiener Hotel Imperial verfrachtet, an einen verzauberten Ort seiner Kindheit. Er macht es sich bequem, trifft einen anderen alten Zausel, betrinkt sich, führt mit dem Butler platonische Dialoge. Gaponenko kennt die russische Erzähltradition und führt einen anderen Ton ein. Zuweilen blitzt gogolsche Lust am Grotesken auf. Ihr Thema ist nicht das Erwachsenwerden, sondern der Tod. Doch es ist auch das Buch einer 31-jährigen: Sie erzählt vom Glück, das man wiederfinden muss, genauer vom Sinn, der am Ende alles noch einmal erleuchtet. Wenn es im Leben nicht geht, dann vielleicht am Schluss? Das Glück ist hier ein an das Lebensende gestelltes kleines Scherzo, tröstlich, aber auch traurig.

Eine weitere Ausnahme ist die Wienerin Teresa Präauer. Sie hat keinen eigentlichen Roman geschrieben, sondern eine Prosaimpression in österreichischer, sehr sprachbewusster Tradition. Präauer erzählt aus der Perspektive, nicht jedoch in der Sprache eines Kindes: Dieses Mädchen lebt glücklich mit Bruder und Großeltern, weil die Eltern ewig auf Reisen zu sein scheinen. Es lauscht dem Opa, wenn er von seiner geheimnisvollen Japanerin erzählt, träumt sich fort und glaubt irgendwann, fliegen zu können. "Hier herunten ist die Luft dünn", stellt der Großvater fest, "so ist es, und oben am Himmel ist sie dick und riecht nach den Kontinenten, auf die man hinabblickt, und nach den Menschen, die sich dort tummeln und lieben und hassen." Das Glück des Kindes wird nie wieder verloren gehen, und so wird der Leser Zeuge einer Geburt der Einbildungskraft. Teresa Präauers Flugversuch ist ein Idyll, ein Sprach-Idyll, überraschend versetzt es den Leser in den Zustand gedankenentlasteter, gleichsam vorliterarischer Zuversicht.

Zugegeben, dieses Gefühl stellt sich beim Lesen dieser zehn Romane nicht allzu oft ein. Ein kleines Mädchen, das fliegen will, ist nicht die Leitgestalt dieser Generation. Eine gescheiterte Unternehmerin bleibt stattdessen auf der Walstatt zurück, ein psychotischer Gymnasiast, eine verstörte kleine Hexe und eine in moralischen Skrupeln zappelnde junge Wissenschaftlerin, ein stillgestellter Schizophrener, eine enttäuschte Spiritistin, ein toter Ornithologe und ein pumperlzufriedener Öschi. Was aus diesen Helden am Ende geworden ist, stimmt nicht froh. Das wahre Glück war für sie nicht vorgesehen.

Jugend ist der Erzählstoff, aber nicht das Ideal und nicht das Pathos ihrer Autoren. Wer jung ist, sagen sie, hat nicht per se recht, schon gar nicht, wenn die Welt womöglich nur die Hervorbringung eines auf sich zurückgebogenen Gemütes ist. Es ist, als kämpfe hier die frühe literarische Reife erfolgreich gegen die lebensgeschichtliche Ausgangslage. So entsteht eine Literatur, die vollkommen unnaiv ist, die den Eindruck erweckt, bereits alles bedacht zu haben – was für und was gegen die Figuren spricht, warum diese Figuren sich so ins Zeug legen müssen und doch notwendigerweise am Ende auf Grund laufen.

Rebecca Martins Heldin sagt: "Ich bin weit davon entfernt, mich erwachsen zu fühlen. Aber zum Jungsein, zum Austoben und Ausprobieren habe ich auch längst den Bezug verloren. Ich bin in einem Zwischenraum eingekapselt, taste die Wände von innen ab und finde weder den Ausgang noch einen Eingang. Ich wage keinen Schritt nach vorn und will nicht zurückblicken. Ich habe mir die Augen zugebunden in der Hoffnung, dass der nächste Blick ein Blick auf eine andere Welt sein wird."

Leider zeigt sich diese andere Welt ebenso wenig wie Marie Pohls Geister. Die Katastrophen des Erwachsenwerdens spielen sich bereits im Ich ab, aber "die" Welt da draußen, die von den Älteren besetzte und von deren Verhältnissen zugestellte, ist keine Alternative. Jungsein ist keine Phase des Aufbruchs mehr, schon gar keine Utopie. Jugend ist hier eine diagnostische Kategorie, ein Prisma, durch das man sehen kann, wie einer in eine alternde, selbstgerechte und an Nachwuchs vollkommen uninteressierte Welt nicht hineingelangt. Manche biegen schon vorher ab, wie Till, der Waldorfschüler, der sich in eine Alternativwelt im Netz verkrümelt, oder sie sterben ihren frühen sozialen Tod durch Überanpassung, wie jene Luise Tietjen, die ihre Persönlichkeit auf dem Altar der Marktwirtschaft opfert.

Die Tore sind geschlossen, und wenn es überhaupt so etwas wie einen Anflug von Kritik in diesen Romanen gibt, dann richtet sich der Vorwurf an den Einzelnen, der sein Ich von vornherein aufs Scheitern polt, schon vor dem ersten Versuch aufgibt, Teil einer demografisch und biografisch nachwuchslosen Gesellschaft zu werden, der aufgibt vor einer Welt, die der Zukunft gar nicht mehr zu bedürfen scheint.

Also wieder mal: No future? Das ist keineswegs das Fazit der Zwanzig- bis Dreißigjährigen. Wehleidig sind sie überhaupt nicht und auch nicht anklagend. Diese Autoren verhalten sich literarisch distanziert, auch gegenüber den eigenen Belangen. Das große Gefühl blitzt plötzlich und unerwartet auf, irgendwo auf den Straßen von Brooklyn oder im Auto, auf der Fahrt zum nächsten langweiligen Event, beim Anblick eines Propellerflugzeugs am Himmel oder in der Müdigkeit nach dem Sex, vor allem aber in der Sprache. Etwas Stetiges, ein Lebensgefühl geht aber daraus nicht hervor. Das Glück ist ein Zufall. Man muss wach bleiben, um einen seiner Strahlen aufzufangen, wenn es so weit ist. Das ist das Jungsein, und davon lohnt es sich zu erzählen.