Felix Rudloff schätzt die lange Strecke. Er erwandert und erjoggt sehr weite Wege, er ist seit vielen Jahren mit derselben Frau verheiratet, er war viele Jahre beim selben Verlag tätig. Was auch immer er im Verlauf von zwei Begegnungen erzählt – die erste fand in seinem Büro statt, die zweite frühmorgens um 7.30 Uhr zum Laufen in freier Natur –, ergibt das Bild einer Person von geradezu altmodischer Ausdauer und Beharrlichkeit.

Altmodisch? Wie Rudloff mit einem reklamefähig gesunden Lächeln durch die Tür schwingt, die Begrüßung salopp erledigt, erinnert er eher an einen heutigen Typus, der im Suchen geübter ist als im Aushalten, mal schnell die Stadt, die Firma oder die biografische Option wechselt; energisch, bisschen smart, bisschen Bionade-Bürschlein. Denkt man, im allerersten Moment, wenn Herr Rudloff so dasitzt, die spitz zulaufenden Stiefeletten übereinanderschlägt und einen so sagenhaft frisch anstrahlt. Der zweite Blick sieht die lässige Version des klassischen Verantwortungsmenschen, der Jeans und Karohemden trägt und am Stirnansatz jene schräg nach oben abstehende Haarsträhne, von der man nie weiß, ob eine fette Ladung Gel sie herstellt oder der Friseur. Rudloff schätzt die lange Strecke, weil er ihr Potenzial kennt, sich niederzuschlagen in Gewicht, Sinn und Erfolg einer Sache.

Er ist der neue Chef von Eichborn, seit Januar 2012 Leiter eines Verlages, der sich vom anarchischen Lieblings- zum stressigen, von ökonomischen Eskapaden und diversen Führungswechseln gebeutelten Sorgenkind der Buchbranche herunterentwickelte und im vergangenen Jahr endgültig in Insolvenz ging. Kapital benötigt dieser Verlag so gut wie stabilisierende Kontinuität. Ein Marathonläufer kann da nicht schaden.

Womöglich ist Felix Rudloff auch ein bisschen neu im Interviewtwerden. Er vergisst, dem Gast eines der üblichen Gesprächsgetränke, Tässchen Kaffee oder ein Glas Wasser, anzubieten. Womöglich geht er davon aus, dass man sich hier von allein bedient, anstatt umständlich Formalitäts- und Fremdheitsgrenzen zu bewachen. Ziemlich schnell kommt er auf den Verlust eines Elternteils zu sprechen, den er vor nicht langer Zeit erlitt, und er unternimmt nichts dagegen, sich die Emotionen der Erinnerung anmerken, das kurze, reflexhafte Einfeuchten der Augenwinkel ansehen zu lassen.

Sein Grund zu kündigen: Er wurde vierzig. Dann überquerte er die Alpen

Felix Rudloff begann 1993 bei S. Fischer in Frankfurt eine Ausbildung als Verlagsbuchhändler. Er blieb 18 Jahre. Absolvierte nebenher ein Universitätsstudium, stieg zum Programmleiter für Sachbuch und Unterhaltung auf, machte Titel wie Viva Polonia von Steffen Möller oder Ein schöner Tag zum Sterben von Heike Groos. Bücher, die ein gesellschaftlich aktuelles Thema aufgreifen und in popularitätsfähiger Form behandeln. Anfang Mai 2011 bat er Jörg Bong, Verlagsleiter von Fischer, um ein Gespräch. Er erklärte ihm, dass er vorhabe, den Verlag zu verlassen. Es gab hierfür einen einzigen Grund: Felix Rudloff wurde vierzig.

Er wünschte sich die Erfahrung einer zweiten Berufsstrecke. Wenn ein Neustart, dann jetzt, in der Lebensmitte. Am 17. August wurde auf dem Dach des Verlagsgebäudes ein schwungvolles Abschiedsfest gefeiert, es sang der Fischer-Betriebschor, es gab Kölsch, ein Spezialwunsch des Ausscheidenden, da bei Fischer sonst nur Wein getrunken wird. Vom 15. bis zum 24. September überquerte Felix Rudloff allein und zu Fuß in acht Tagesetappen die Alpen, Oberstdorf–Zugspitze–Meran, 152 Kilometer. Er war nun, obwohl die Assoziation des Prekären hier nicht zutrifft, arbeitslos, aus freien Stücken, er wollte sich Zeit lassen, dachte zunächst an eine Beratertätigkeit.

Mitte November 2011 erhielt er einen Anruf, und dieser Moment ist es, der die Felix-Rudloff-Geschichte erwähnenswert macht. Sie bewegt sich nicht in der epischen Sensations- und Mythenliga der deutschen Buchwelt. Wir haben es hier nicht mit einer Suhrkamp-Saga oder Ähnlichem zu tun, aber, was aufschlussreicher sein dürfte, mit einer Geschichte, die über einen exemplarischen Aspekt verfügt.