Und was ist mit den Amerikanern, Franzosen und Briten, die in den vergangenen Jahren ebenfalls riesige Verbindlichkeiten angehäuft haben, um deutsche Produkte zu kaufen? Was ist, wenn die nun auch anfangen zu sparen?

Das wäre dann Zukunft ohne Schulden. Aber es wäre auch eine Zukunft, vollgestellt mit deutschen Autos, die unverkäuflich vor den Fabriken stehen. Es wäre eine Zukunft mit deutschen Fabriken, die Leute entlassen. Es wäre eine Zukunft mit deutschen Kindern, die zwar nicht mehr für die Rückstände halb Europas aufkommen müssten, aber dafür ihre bedürftigen Eltern zu finanzieren hätten, die weder Arbeit noch Rente haben.

Offenbar passen das Verlangen nach weniger Schulden und der Wunsch nach mehr Jobs nicht zusammen. Jedenfalls nicht sofort, nicht auf den ersten Blick, bei genauerem Hinsehen scheint es doch einen Ausweg zu geben. Die Bundeskanzlerin glaubt ihn zu kennen.

Am 3. April dieses Jahres tritt Angela Merkel in der Juristischen Fakultät der Karls-Universität in Prag ans Rednerpult. Hier, wo vor 664 Jahren erstmals deutschsprachige Studenten das Wissen der Welt erwarben, soll sie zum Thema "Die künftige Gestalt Europas" sprechen.

Merkel erzählt vom Sozialismus, den sie am eigenen Leib erlebt habe, der nun aber zum Glück überwunden sei. Sie redet von den europäischen Idealen, von Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit, dann leitet sie über zur Schuldenkrise .

Sie sagt: "Ich möchte, dass wir diese Krise als Chance begreifen." Sie sagt: "Natürlich geht es um Wachstum, aber nicht um Wachstum auf Pump."

Es ist in diesem Moment nicht klar, ob Merkel ihre Sätze als Mahnung an die Südeuropäer begreift oder ob ihr bewusst ist, dass auch die deutsche Wirtschaft auf Pump gewachsen ist, nur dass es eben nicht die Deutschen waren, die sich das Geld geliehen haben.

Sicher ist, dass sie eine Schlussfolgerung zieht, die ebenso schlicht wie überzeugend ist: Wenn Pump schlecht, Wachstum aber gut ist, dann brauchen wir künftig Wachstum ohne Pump. Also Zukunft ohne Schulden, aber mit Arbeitsplätzen.

Das schöne deutsche Wirtschaftswunder beruhte auf nichts als Pump

Merkel hat diese Rede später so ähnlich noch öfter gehalten, vor allem im Bundestag. Die Passage mit dem Sozialismus hat sie weggelassen, dafür hat sie ihre Ansicht zum Thema Wirtschaftswachstum näher erläutert. Sie hat ein Wort gefunden für das, was ihr vorschwebt: nachhaltiges Wachstum.

Der Ausdruck stammt aus der Umweltdebatte. Nachhaltiges Wachstum war ursprünglich ein Konzept der Wohlstandssteigerung in Zeiten der ökologischen Krise. Reicher werden, ohne Öl zu verbrennen und Regenwälder abzuholzen. Das sollte es bedeuten.

Angela Merkel hat den Begriff auf die ökonomische Krise übertragen. Der Wohlstand soll wachsen, Arbeitsplätze sollen entstehen, ohne dass die Leute Schulden machen. Das ist das, was die Kanzlerin mit nachhaltigem Wachstum meint. "Solide Finanzen sind eine Grundbedingung dafür", sagt Merkel in einem Zeitungsinterview.

Solide Finanzen, das bedeutet: keine zockenden Banken, keine verschwenderischen Regierungen, keine Konsumenten, die ihre Kreditkarte als Geldspeicher betrachten.

Wenn Naturschützer von nachhaltigem Wachstum sprechen, reden sie von Science-Fiction. Kein Land der Welt hat es geschafft, reich zu werden, ohne Gas, Öl und Kohle zu verbrennen. Besitzstandsmehrung ohne ökologische Krise gibt es nicht. Besitzstandsmehrung ohne ökonomische Krise dagegen kam auf der Welt schon öfter vor. Zum Beispiel im Westdeutschland der Nachkriegszeit, besonders in einer kargen Gegend, in der die Luft immer ein paar Grad kälter ist als im Rest des Landes.

Dort oben auf der Schwäbischen Alb zogen die Frauen nach dem Krieg ihre Handkarren zu kümmerlichen Gemüsefeldern. Die Männer suchten Arbeit, irgendwo, und wenn am Abend ein paar gekochte Rüben auf dem Teller lagen, waren die Familien zufrieden. Sonst gab es Brennnesselsuppe.

Ein paar Jahrzehnte später hatten Rostbraten und Maultaschen das Gemüse ersetzt. Vor den Türen parkten polierte Autos, die Häuser waren abbezahlt. Der Wohlstand wuchs, gleichmäßig und krisenfrei. Das Wirtschaftswunder war über die Republik gekommen.

Wie war das geschehen? Wer hatte es bewirkt?

Die Deutschen und ihre Eigenschaften, natürlich, allen voran ihre Sparsamkeit. Deutsche machen keine Schulden, die Schwaben am allerwenigsten.

Das ist das Geheimnis des deutschen Wirtschaftswachstums der Nachkriegszeit, wie es in Zeitungsartikeln, Romanen und Politikerreden ungezählte Male erzählt wurde. Es tönte sogar aus den Radiolautsprechern. 1964 sang der Schlagermusiker Ralf Bendix:

Schaffe, schaffe, Häusle baue,
Und net nach de Mädle schaue.
Und wenn unser Häusle steht,
Dann gibt’s noch lang kei Ruh,
Ja da spare mir, da spare mir
Für e Geißbock und e Kuh

Als habe sie dieses Lied im Kopf, sagte Angela Merkel rund 45 Jahre später – wieder in einer Rede, diesmal auf dem CDU-Parteitag in Stuttgart –, die große Krise wäre leicht zu verhindern gewesen. "Man hätte nur die schwäbische Hausfrau fragen sollen, sie hätte uns eine Lebensweisheit gesagt: Man kann nicht auf Dauer über seine Verhältnisse leben."

Merkel stellte damit einen Gegensatz her zwischen einer furchterregenden Gegenwart voller Pleiten und einer behaglichen Vergangenheit ohne Schulden, als es den Euro noch nicht gab und die D-Mark einen mächtigen Beschützer hatte: die Deutsche Bundesbank.