1769 erfand der Schotte James Watt die Dampfmaschine.

1879 ersann der Amerikaner Thomas Alva Edison die Glühlampe.

1886 entwickelte der Deutsche Carl Benz den ersten Kraftwagen.

Geniale Köpfe waren das, in ihrer weltgeschichtlichen Bedeutung nur mit großen europäischen Herrschern vergleichbar, etwa Alexander dem Großen, Friedrich II. oder Julius Cäsar, der einst Gallien unterwarf.

Moment. Er ganz allein? "Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?," will Bertolt Brecht in seinem Gedicht Fragen eines lesenden Arbeiters wissen. Hatte Alexander keine Soldaten, die für ihn starben, keine Diener, keinen Knecht? Führte der Alte Fritz seine Kriege alleine?

Die Geschichtsschreibung übersieht die kleinen Leute, das ist es, worauf Brecht uns aufmerksam machen wollte. Die Schulden vergisst sie auch. Watt erfand die Dampfmaschine? Eine großartige Leistung, aber wie schaffte er es, sie massenhaft zu produzieren? Edison ersann die Glühbirne? Ein Glücksfall, aber woher bekam er das Geld, sie auf den Markt zu bringen? Benz entwickelte das Auto? Ein Triumph, aber was verlieh seinen Kunden die Möglichkeit, es ihm hundertfach abzukaufen?

Schulden.

Schulden sind nicht gut. Sie sind nicht böse. Sie sind einfach da, überall, wo Reichtum entsteht. Wächst der Wohlstand, wachsen auch die Schulden, es gibt kein Gegenbeispiel. Die moderne Welt aber geriert sich so, als sei der Kapitalismus ein Mensch und das Schuldenmachen eine unappetitliche Ausscheidung, irgendwie eklig. Etwas, worüber die schwäbische Hausfrau die Nase rümpft.

In Wahrheit gäbe es die schwäbische Hausfrau nicht, wären da nicht die vielen Schulden gewesen. Es gäbe auch keine bayerische, holsteinische oder hessische Hausfrau. Es gäbe überhaupt keine Hausfrauen, weil es sich keine Frau erlauben könnte, zu Hause zu bleiben, anstatt Geld zu verdienen. In dieser vorgeschichtlich armen Welt gäbe es keine Autos, keine Kühlschränke und keine Waschmaschinen.

Die Sumerer kannten keine Münzen – doch was ein Kredit ist, wussten sie

Bäuerinnen allerdings, die den ganzen Tag in der Erde wühlen, die gäbe es. Und Tagelöhnerinnen, die für ihre Schufterei vielleicht ein paar Kartoffeln bekämen, aber keine Münzen, keine Scheine.

Denn ohne Schulden gäbe es nicht einmal Geld.

Im vierten Jahrtausend vor Christus lebten die Sumerer in Mesopotamien, an den Ufern der Flüsse Euphrat und Tigris, auf dem heutigen Staatsgebiet des Iraks. Sie entwickelten die erste Schriftsprache der Menschheitsgeschichte – und das erste Geldsystem.

Die Sumerer waren Bauern, Handwerker, Kaufleute. Münzen kannten sie nicht, die sollten erst rund 3.000 Jahre später erfunden werden, aber was ein Kredit ist, wussten sie wohl. Der amerikanische Anthropologe David Graeber beschreibt das in seinem Buch Schulden: Die ersten 5.000 Jahre : Wollte der sumerische Händler A von Händler B eine Ziege erwerben, hatte aber keine Gegenleistung parat, stellte er einen Schuldschein aus. In Keilschrift ritzte er ein bestimmtes Zeichen in eine Tontafel. Die Tafel überreichte er B.

Der behielt sie mitunter nicht lange, sondern gab sie an Händler C weiter, von dem er dafür vielleicht zwei Sack Gerste erhielt. Bald kursierten die Tontafeln in der sumerischen Wirtschaft wie eine Frühform der Banknote. Sie wurden zum Zahlungsmittel. Es war die Erfindung des Geldes.

Jede der frühgeschichtlichen Geldtafeln aber war nur in die Welt gekommen, weil irgendjemand Schulden gemacht hatte.

So gesehen hat sich die Welt seit den Sumerern nicht sehr verändert.

Wenn heute ein Mann zur Bank geht und einen Kredit aufnimmt, um sich zum Beispiel ein neues Auto zu kaufen, bekommt er den Betrag auf seinem Konto gutgeschrieben. Es fällt schwer, das zu glauben, aber das Geld wird nirgendwo abgebucht, niemandem weggenommen. Es ist ein Versprechen. Es ist einfach da, so wie die sumerischen Tontafeln, entstanden aus dem Nichts, als hätte Gott es soeben erschaffen. Wirtschaftswissenschaftler sprechen deshalb von Geldschöpfung.

Der Kapitalismus ist ein Kettenbrief. Die Letzten sind die Verlierer

Der Autokäufer kann dann zum Geldautomaten gehen und sich Scheine holen, mit denen er den neuen Wagen bezahlt. Das Geld geht in den Besitz des Autohändlers über, der damit vielleicht seiner Frau einen Ring kauft. Die Dame beim Juwelier weiß nicht, wer den Geldschein vor ihr in den Händen hielt, es kann ihr auch egal sein, sicher ist aber: Jeder Euro-Schein existiert nur deshalb, weil sich irgendjemand irgendwann Geld geliehen hat.

Jeder Euro ist ein Schulden-Euro, genau wie jeder Dollar ein Schulden-Dollar ist und jeder Schweizer Franken ein Schulden-Franken.

Anders als im alten Mesopotamien ist die Geldschöpfung heute ein komplizierter Prozess, gesteuert von den großen Notenbanken wie der Europäischen Zentralbank (EZB) , der Bank of England oder der amerikanischen Federal Reserve Bank. Sie sind es, die den Euro, das Pfund oder den Dollar drucken und Geschäftsbanken wie der Deutschen Bank, der Commerzbank oder den Sparkassen das Geld zur Verfügung stellen, das dann per Kredit zu den Menschen fließt.

Immer aber gilt: Das Schuldenmachen ist der Geburtsakt jedes Scheins, jeder Ziffer auf dem Kontoauszug. Es sind die Schulden, die das Geld zur Welt bringen.

Zukunft ohne Schulden wäre deshalb Zukunft ohne Geld. Wer das propagiert, ist antikapitalistischer als die SED. In der DDR gab es wenigstens Alumünzen.

Irgendwann kommt dann der Moment, in dem der Autokäufer seine Schuld begleichen muss. Er überweist das Geld, plus Zinsen, zurück an die Bank, der Kredit ist getilgt, die Bank löscht die Forderung aus ihren Büchern. Damit der Kapitalismus nicht ins Stocken kommt, damit die Wirtschaft weiter wächst, muss nun jemand anderer Schulden machen, der Autohändler vielleicht, der einen Kredit aufnimmt, um sein Geschäft zu vergrößern, oder der Juwelier, der Edelsteine kauft. Immer wieder müssen neue Schuldner hinzutreten, um alte Schuldner auszulösen. Nur dann bleibt das Geld in Bewegung.

Der österreichische Ökonom und Publizist Thomas Strobl, Autor des Buches Ohne Schulden läuft nichts, formuliert es so: "Der Kapitalismus ist ein einziger großer Kettenbrief."