Schon bei den Sumerern ließen die tönernen Kredite den Handel florieren. Und schon damals kam es vor, dass sich die Verbindlichkeiten an einer Stelle häuften, dass die Schulden dort schneller wuchsen als der Wohlstand, dass die Kette riss. Irgendjemand, ein Mann, eine Familie, eine halbe Stadt, stand dann vor der Pleite. So wie heute Griechenland.

Und dann?

Dann trat der Herrscher vor sein Volk, so geschehen zum Beispiel im Jahr 2402 vor Christus, als der sumerische König Emmetena eine Deklaration verlesen ließ und Freiheit, "Amargi", verkündete.

Amargi für die Schuldner, das bedeutete: Die Tontafeln werden zerbrochen, alle Verbindlichkeiten vergessen. Das Geld kann neu zirkulieren und neuen Wohlstand durch neue Kredite schaffen.

Um den Kapitalismus besser zu verstehen, versuchen die Menschen von jeher, die Wirtschaft in Klassen und Kategorien aufzuteilen. Je nach Weltanschauung identifizieren sie habgierige Kapitalisten und ausgebeutete Proletarier oder zuversichtliche Konsumenten und dynamische Unternehmer.

Nimmt man die Schulden zum Maßstab, ergibt sich ein anderes Bild. Die Welt zerfällt dann in zwei Teile. Oben stehen die Nationen, die reich, aber nicht verschuldet sind. Seit Jahrzehnten sammeln sie Reichtum an, seit Jahrzehnten erzeugen sie ihn mithilfe der Kredite anderer Länder.

Deutschland gehört in diese High Society. Deutschland als Ganzes ist nicht verschuldet. Der Staat hat zwar hohe Verbindlichkeiten, die Vermögen der privaten Haushalte aber sind weit größer. Das Land ist vergleichbar mit einer Familie, bei der die Frau dem Mann viel Geld geliehen hat. Er hat jetzt Schulden bei ihr, aber der Wohlstand der Familie als Ganzes wird dadurch nicht kleiner. In Deutschland wächst er sogar, von Jahr zu Jahr.

Unten stehen die Länder, die unter dem Strich verschuldet sind. Diese Familien haben Verbindlichkeiten bei anderen Familien, mitunter so viele, dass sie es nicht schaffen, sie zu begleichen. Sie stehen am Ende der Kreditkette. Zu ihnen gehören die Griechen, die Spanier, die Portugiesen. Mit ihren Schulden haben sie die europäische Wirtschaft jahrzehntelang am Laufen gehalten. Jetzt sind sie die Verlierer.

Man kann diese Nationen mit den billigen Arbeitern vergleichen, die in irgendwelchen Fabriken in Asien dafür sorgen, dass die Regale in Deutschland voll sind mit iPhones und T-Shirts. Der Kapitalismus braucht sie. Ohne sie würde die Wirtschaft nicht wachsen. Sie selbst aber haben nicht viel davon.

Vor zwei Jahren nahmen sich in den chinesischen Fabriken von Apple mehr als ein Dutzend Arbeiter das Leben. Sie hatten es nicht mehr ausgehalten. Vor zehn Tagen lieferten sich 2.000 Arbeiter eine Schlägerei mit der Polizei . Es sieht so aus, als hätten sie die Belastungsgrenze erreicht.

Menschen, die ihr Leben nicht mehr ertragen, gibt es auch in Griechenland. Vor der Krise war die Selbstmordrate dort so niedrig wie nirgendwo sonst in Europa. Seitdem hat sie sich verdreifacht. Die Menschen stürzen sich von der Akropolis, ertränken sich im Meer, erhängen sich in ihrer Wohnung. Ein ehemaliger Apotheker schrieb in seinem Abschiedsbrief, er wolle nicht im Müll wühlen und für sein Kind zur Belastung werden. Er erschoss sich unter einem Baum vor dem Parlament.

Man kann solche Vorkommnisse herunterreden, sie als Phantomschmerzen einer verwöhnten, verschwenderischen Gesellschaft abtun, die endlich lernen müsse zu sparen. In Deutschland ist diese Position nicht unpopulär.

Man kann aber auch zu dem Ergebnis kommen, dass Griechenland seine Belastungsgrenze erreicht hat. Dass es Zeit ist für Amargi. Den großen Schuldenerlass.

Seit Beginn der Krise ist der Vorschlag in der Diskussion: Griechenland soll Insolvenz anmelden, den Bankrott erklären. Die Verbindlichkeiten würden gestrichen, das Land wäre schuldenfrei.Politiker der Linken haben einen solchen Schritt gefordert. Aber auch Vertreter der FDP. Sie, die sonst wenig gemeinsam haben, sind sich einig in ihrem Wunsch nach einem Ende der Schulden.

Alle Verbindlichkeiten streichen – das klingt so schön nach Neuanfang. Es klingt wie eine Übersetzung von "Zukunft ohne Schulden" in konkrete Politik. Es klingt so, als ob dann endlich alles anders würde.

In Wahrheit beschreibt Amargi eine trügerische Freiheit, einen kapitalismusfernen Augenblick, in dem Zinsen und Renditen keine Rolle spielen. Bevor dann eine neue Kreditkette entsteht, mit neuen Schulden und neuem Wohlstand. Vorausgesetzt, es läuft gut. Läuft es aber schlecht, finden die griechischen Unternehmen und der griechische Staat keine Bank, keinen Investor mehr, der ihnen neuen Kredit gewährt. Dann zeigt sich, dass auf die Schuldenfreiheit mitunter die Freiheit von Wachstum und Wohlstand folgt, und für Amargi braucht man eine neue Übersetzung: Armut.

Angesichts dieser Gefahr ist es keine Überraschung, dass die europäischen Regierungschefs bisher einem anderen Weg folgen: nicht alte Schulden streichen, sondern neue Schulden aufnehmen! Nicht weniger Verbindlichkeiten, sondern mehr! Das ist der Weg, den auch die Bundeskanzlerin, die so gern von nachhaltigem Wachstum spricht, eingeschlagen hat und von dem auch der SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück nicht abweichen will. Es ist viel von europäischer Solidarität die Rede auf diesem Weg, von Idealen und Werten. Tatsächlich geht es eher um eines: nicht zu hoffen, dass sich nach einem Schuldenschnitt eine neue Kreditkette bildet, sondern die alte mit aller Kraft verlängern. Deshalb bekommen die Griechen einen Hilfskredit nach dem anderen, deshalb können sich die europäischen Geschäftsbanken bei der EZB so leicht wie noch nie neues Geld besorgen. Sie sollen endlich wieder Kredite vergeben, an Unternehmen, Staaten, Verbraucher. Auf dass das geliehene Geld neues Wachstum erzeuge.

Wie es aussieht, haben die Schulden noch eine große Zukunft.