War er genial? Oder doch nur eine größenwahnsinnige Kröte mit Rundbrille? Über keinen lebenden Architekten lässt sich trefflicher streiten als über einen toten, über Charles-Édouard Jeanneret-Gris alias Le Corbusier . Messianischer Weltbaumeister, prophetischer Welterneuerer: Weltarchitekt! Jetzt richtet seine Heimat, La Chaux-de-Fonds, dem Strittigen zum Anlass seines 125. Geburtstags eine der unbestreitbar wichtigsten Ausstellungen aus, die dieses Land je sah, und seine Kritiker werden für einmal schweigen. Architekten-Kollegen als Erste sogar. Es wird ihnen gut stehen, dieses Schweigen, denn ohne es ist Selbsterkenntnis nicht zu haben.

Eine Million Franken und zahllose europäische Corbusier-Spezialisten bietet die Westschweiz, bietet vor allem der Kanton Neuenburg auf, um Le Corbusier in neues Licht zu stellen. Dass dabei sein architektonisches Frühwerk, das hier ein vergessenes Dasein führt, zu einer Neubewertung kommen kann, ist nur das eine. Fünf Bauten hat der Architekt in La Chaux-de-Fonds realisiert, darunter sein Opus 1, 1912, ein Wohn- und Atelierhaus für seine Eltern, die Maison blanche . Der Hang zum Gesamtkunstwerk ist schon hier sichtbar. Le Corbusier versöhnte sich erst als 70-Jähriger mit seiner Herkunft, lange ließ er nur seine letzte Arbeit in der Kleinstadt gelten: die Villa Turque (Villa Schwob) von 1917.

Aufmerksamkeit für sein Frühwerk also, das ist das eine, was anlässlich seines Jubiläums am 6. Oktober möglich sein wird. Das andere ist: Die Fotoausstellung im Musée des beaux-arts in La Chaux-de-Fonds hat Weltklasse, die Kolloquien sind hochkarätig, die neue Publikation versammelt Texte ausgewiesener Kenner. Und das Rahmenprogramm zeigt in einer Nebenausstellung in der Bibliothek, wo das Le-Corbusier-Archiv lagert, neue Materialien, die Sicht des Vaters auf seinen Sohn, die Tagebücher von Georges-Edouard aus den Jahren 1888 bis 1925. Und alle diese Ereignisse führen zu einem einzigen Schluss.

Um Fotos von Le Corbusiers Möbelentwürfen zu sehen, klicken Sie bitte auf dieses Bild. © FLC/VG Bild-Kunst, Bonn 2012

Das wirklich Visionäre an dem Avantgardisten ist demnach nicht die Wohnmaschine oder die ideologische Betonvorstadt. Hätte nicht er sie entworfen, wäre es ein anderer gewesen. Die Zeit war reif für große Visionen. Bemerkenswert ist, und das macht gewisse Menschen misslaunig gegenüber diesem Mann: Kein Architekt vor ihm und keiner nach ihm hielt seiner Zunft je einen klareren Spiegel vor. In ihm erkennt sich ein Berufsstand wieder als Propagandamaschine in höchst eigener Mission. Le Corbusier, der mindestens so sehr für seinen Nimbus gearbeitet hat wie für das, was heute in Paris, Marseille, Moskau oder in Chandigarh steht. Er hat sich selbst, seine Identität als Künstler-Architekt erfunden und das Bild, das wir von ihm besitzen. Damit nahm er eine Entwicklung vorweg, in der Karriere- und Baupläne ein und dasselbe sind.

Woher wir das wissen? Le Corbusier war der erste Architekt der Massenmedien, der nicht durch sein Werk, sondern durch sein Porträt zum Mythos wurde. Welche großen Architekten erkennen wir denn wieder, ohne deren Arbeit zu kennen? Frank Lloyd Wright, Mies van der Rohe, Frank Gehry, Richard Meier, Rem Koolhaas? Keinen womöglich. Ganz anders Le Corbusier. Er war auf Fotografien immer gleich erkennbar. Das Pseudonym hatte er übrigens 1920 in Paris gewählt, und es lässt seine Chamäleon-Natur bereits ahnen. Pate stand ein Ururgroßvater mütterlicherseits, ein Le Corbézier aus Brüssel.

Dieser Architekturtheoretiker, Stadtplaner, Maler, Fotograf, Möbeldesigner war seiner Zeit in vielerlei Hinsicht voraus – aber vor allem im Wissen um die propagandistische Macht der Fotografie. Le Corbusier suchte und forderte mittels Fotos die totale Kontrolle in Bezug auf seine Person, sein Werk und seine Theorien, die er in Büchern verbreitete. Zahllos sind seine Entwürfe, er suchte und wollte die größtmögliche Bildwirkung. Wie kein Architekt vor ihm wusste er um die Bedeutung grafischer Gestaltungskonzepte und legte Wert darauf, dass seine Arbeiten bereits im Planungsstadium ausführlich dokumentiert wurden. Dazu hielt er sich, auch das ein Novum, einen persönlichen Fotografen, Lucien Hervé. Dieser baute für ihn ein Bildarchiv auf, fotografierte die Bauten entsprechend den Skizzen und Zeichnungen des Meisters, und er gab ausgewählte Informationen an ausgewählte Pressevertreter weiter. Und stets suchte er die Kollaboration mit den Besten der Besten, Brassaï, Robert Doisneau oder René Burri.