Das Masturbieren habe sie damals zur Verzweiflung getrieben, sagt Christiane Karg und blickt auf ihre Fingernägel. Wie sie das sagt, halb entschlossen, sich keine Peinlichkeit anmerken zu lassen, halb noch im Nachhinein verlegen, hat man nicht den Eindruck, dass sie sich im nächsten Augenblick auf den marmorkühlen Boden der Hotel-Lobby werfen möchte, um vorzuführen, wie schwer ihr diese Aktion auf offener Bühne gefallen ist. 2008 war das, in einer Produktion des Hamburger Opernstudios von Francesco Cavallis frühbarocker Mythen-Vertonung La Calisto. Eine Nymphe, vom immergeilen Zeus getrieben, die sich selbst entdeckt, ihre eigene Sexualität, das muss man als Sängerin erst einmal spielen. "Solange es motiviert ist und einer gewissen Ästhetik gehorcht, gehe ich gerne über Grenzen. Aber wir sitzen nicht in der Gosse, Theater ist und bleibt eine Kunstform – Betonung auf Form." Das hat Karg der jungen Regisseurin dann wohl auch deutlich zu verstehen gegeben.

Hamburg, Grand Elysee Hotel, Wasserspiele plätschern, Musik dudelt. Christiane Karg, 1980 im mittelfränkischen Feuchtwangen geboren, spricht mit kultiviert rollendem R und sieht so aus, als habe sie die Italienferien, auf die sie sich nach einer prallen Saison freut, bereits hinter sich: So ausgeruht und mit so viel innerer Sonne im Gesicht, als könnten ihr weder szenische Entleibungen noch die Mühen des Marktes irgendetwas anhaben, von alltäglichen Missgeschicken ganz zu schweigen. Ihr mannshoher Rollkoffer hat vor zwei Tagen auf dem Weg von London nach Hamburg drei seiner vier Rollen eingebüßt – das kommt vor! Die Akustik in der Blankeneser Villa, in der sie unlängst ihre neue CD präsentierte, brächte selbst den Brummbass eines Grizzlybären zum Klirren – PR muss sein! Doch muss PR wirklich sein, eine PR à la Anna Netrebko, vor illustren und semi-illustren Gästen, mit Häppchen und Grillagen vom Hamburger Sternekoch Karlheinz Hauser? Karg sieht das pragmatisch und setzt zur Gegenfrage an: "Warum soll man sich heute noch CDs kaufen? Jeder kann sich alles aus dem Netz herunterladen. Es geht um den Mehrwert: ein tolles Booklet, ein besonderes Programm, eine spezielle Präsentation. Darein müssen wir investieren."

In ebenjener gruftigen Zwanzigerjahrevilla hoch über der Elbe lebte bis 1998 Karl Lagerfeld – das heißt, solange er dort nicht die Stimmen seiner verstorbenen Eltern hörte. Als er sie hörte, verkaufte er das Anwesen für acht Millionen D-Mark an den Musikproduzenten und edel-Chef Michael Haentjes. Zu Haentjes Imperium zählt auch das Label Berlin Classics, bei dem Karg ihre zweite Solo-CD veröffentlicht hat. Amoretti nennt sie sich, versammelt Liebes-Arien im weitesten Sinn, und die Sängerin hat das Projekt nicht nur eigenständig recherchiert, in Bibliotheken und Archiven, sondern ist daran auch maßgeblich finanziell beteiligt. Die Fotostrecke vor einer Betonwand, der pinkfarbene Graffiti-Schriftzug, das Arien-Repertoire vom jungen Mozart über Christoph Willibald Gluck bis zu dem weniger bekannten Lütticher André-Ernest-Modeste Grétry: Alles sollte genau so sein, wie Karg es wollte. Und es ist genauso geworden, kein Verbiegen, kein Anbiedern oder sich Verkaufen. Diese CD, sagt die 32-Jährige, sei ihre Visitenkarte, damit könne sie alles zeigen. Eine letzte, fünfte Saison wird sie im Ensemble des Frankfurter Opernhauses bleiben, dann will sie hinaus auf die freie Wildbahn.

Bammel? Kargs perfekt geschminkte Bernstein-Augen blitzen: Bammel – wovor? Vor den Fesseln der Freiheit, dem Risiko einer internationalen Karriere, dem Verheiztwerden, dem Druck im Allgemeinen!? Nein, lautet die Antwort, sie glaube fest ans Schicksal: "Mein Erfolg ist so viel größer, als ich ihn mir je erhofft habe. Heute gibt es definitiv mehr scheiternde Sängerbiografien als früher. Plattenfirmen, Agenturen, Opernhäuser, alle werfen dich ins kalte Wasser. Mir ist das erspart geblieben, obwohl ich es mir manchmal fast gewünscht hätte. Ein Ensemble ist wie eine Leine, die einen auch wieder zurückzieht. Wenn Frankfurt mir Mozarts Pamina mit 27 angeboten hätte, hätte ich sie mit 27 gesungen. Sie kam mit 30 – und das war gut so. Von solchen Erfahrungen zehre ich, Fortuna sei Dank."

Es ist nahezu unmöglich, sich an jenem lauen Augustabend in der Blankeneser Villa ein Bild von Kargs Stimme zu machen, die Akustik, wie gesagt, der viele Marmor, aber wahrscheinlich ist das auch gar nicht die Absicht des Events. Auf der Bühne, da brennt Karg regelmäßig, da leuchtet ihre sängerdarstellerische Intensität und überstrahlt nicht selten viele und vieles: als Ighino in Pfitzners Palestrina an der Bayerischen Staatsoper, als Musetta in Puccinis La Bohème an der Komischen Oper Berlin, als Zerlina in Mozarts Don Giovanni bei den Salzburger Festspielen. Stimmliche Vergleiche drängen sich auf, ältere, neuere, mit Lucia Popp, Barbara Hendricks oder Barbara Bonney. Karg selbst liebt überdies Hilde Güden und Anneliese Rothenberger, und vor die Wahl zwischen Maria Callas und Edita Gruberova gestellt, würde sie, unabhängig vom jeweiligen Fach und bei aller Unterschiedlichkeit, immer die Callas bevorzugen, die sich nie in Distanz übt, sondern einen "packt", bei der etwas "bohrt". Das ist ihr Ideal.

Lauter Lassos in die Ewigkeit

Auf der Amoretti -CD hingegen ist von diesem idealtypischen Packen und Bohren, vom dramatischen Augenblick nicht so viel zu hören – und das mag eines der stärksten Komplimente sein, das man der jungen Künstlerin machen kann. Christiane Karg ist nicht der Stimmwunder-Typ, keine Artistin des hohen Cs, trotz stupender Musikalität und ausgefeilter Technik interessiert sie das nur Zirzensische nicht, hörbar nicht, so gut wie nie. Mit Wagemut stürzt sie sich ins Koloraturen- und Verzierungsdickicht des mittleren 18. Jahrhunderts (etwa in der halsbrecherischen Arie der Costanza aus Mozarts Jugendoper Il sogno di Scipione) – von den geläufigen Gurgeln einer Gruberova oder einer Cecilia Bartoli allerdings ist sie dabei mindestens so weit entfernt wie in der großen Szene Sacre piante aus Glucks Il parnaso confuso vom kulinarischen Schöngesang einer Renée Fleming. Kargs mattsilbriger, betörend sauber geführter lyrischer Sopran kennt viele Affekte, hat Schmelz, Erotik, Attacke, Witz und frönt, was so selten ist, wie es auf Konserve ein gewisses Handicap darstellt, keinerlei Selbstzweck. Es gibt Sänger, die blühen im Plattenstudio auf, allein vor dem Mikrofon, Christiane Karg blüht auf, sobald es um sie herum lebendig wird.

Entsprechend kritisch steht sie der medialen Dauerverwertung von Musik gegenüber: "Heute wird alles mitgeschnitten, und wenn nicht, dann sitzt garantiert einer mit dem iPhone im Saal und stellt zwei Stunden später die größten Schnitzer ins Netz, hört mal, wie die sich gleich verhaut... Dabei gehen Sänger nur ihrem Beruf nach, einer Kellnerin fällt schließlich auch mal etwas herunter." Wie sie sich dagegen schützt? "Ich habe gelernt, mit mir selber gnädig zu sein. Man ist nicht jeden Abend gleich gut disponiert, stimmlich und mental. Das muss man akzeptieren. Auch dafür ist ein Ensemble gut, da gibt es viele Leute, die einen über eine längere Zeit beobachten und wirklich kennen."

Ihren Frankfurter Schutzraum, wie gesagt, wird sie zum Ende der Saison verlassen. Zuvor gibt sie noch ihr Debüt als Debussys Mélisande (in der Regie von Claus Guth) und singt erstmals die Adele in der Fledermaus. Und dann? Mailand, Paris, New York? Karg winkt ab, fast könnte man es bei so viel Einsicht und Vernunft mit der Angst zu tun bekommen: "Natürlich träume ich von der Scala, wer nicht, aber ich weiß auch, dass das Arbeiten an großen Häusern mit berühmten Leuten nicht unbedingt befriedigender ist." Und pocht auf ihr Fach, bei dem sie bleiben will, und schwärmt von Strawinskys The Rake’s Progress vor einem Jahr an der Opéra de Lille: "Das perfekte Stück für mich, ein perfektes Team – und eine perfekte Zeit weit ab vom Schuss, was will ich mehr?"

Die perfekte Arie auf der Amoretti -CD ist Fra i pensier aus Mozarts Lucio Silla: Im Kerker schwört Giunia ihrem Geliebten Cecilio Treue bis in den Tod. Wie Christiane Karg hier an gläsernen Fäden letzte Töne spinnt, vibratolos, entkörperlicht, ja bereits entseelt, lauter Lassos in die Ewigkeit, die Jonathan Cohen und sein Orchester Arcangelo voller Trauer und con sordino mitschwingen, das ist atemberaubend und hoch imaginativ. Auch in Blankenese, wo bis heute die Stimmen von Lagerfelds Eltern rumoren, hat sie diese Arie gesungen. Die Villa, zu deren Füßen sich mit majestätischem Desinteresse Container-Riesen aus aller Welt vorbeischieben, steht übrigens wieder zum Verkauf.