Die Gentlemen von der Straße – Seite 1

Was Marcus Mumford zum Popstar prädestiniert, ist auch aus nächster Nähe schwer zu beantworten. Das Hemd hängt ihm aus der Hose, das Flohmarktjackett spannt über der kleinen Wampe, zum Rasieren war wie immer keine Zeit, und obwohl er offenkundig bester Laune ist, signalisiert sein Blick, dass er lieber nicht darüber sprechen möchte, wie spät es gestern Nacht wieder geworden ist. Glamour geht anders. Bei flüchtigem Hinsehen könnte man ihn für einen der vielen Traveller halten, die sich draußen bei einem ersten Bier auf den Abend einstimmen. Marcus Mumford kratzt so etwas nicht besonders. Er sieht sich selbst so.

Seit seine Band Mumford & Sons dem Dunst eines Westlondoner Pubs entstieg, war er fast pausenlos auf Tour: von England nach Amerika, von Amsterdam nach Goa, von dort hin zu Orten, deren Namen ihm leider gerade entfallen sind. »Wo waren wir davor, Winnie?«, fragt er gespielt zerstreut. »Österreich, Schweiz, Polen«, assistiert Banjospieler Winston »Country« Marshall, der Mumford vom Nebensessel aus die Bälle zuspielt. Jetzt eben schnell noch Berlin, ein paar Interviews zum neuen Album Babel geben. Dass das Management die Band in einem Friedrichshainer Jugendhotel untergebracht hat, in direkter Nähe des allnächtlichen Party-Epizentrums, finden die beiden nicht etwa unter ihrer Würde, sondern super: Die Leute hier sind doch cool! Und morgen geht es ohnehin wieder weiter.

Ständig on the road: So etwas schlaucht, schweißt aber auch zusammen. In den gemeinsam verbrachten fünf Jahren ist das Reisen für Marcus Mumford und seine drei Kompagnons von einer Laune zu einer Gewohnheit geworden und schließlich zu einer zweiten Haut: Man weiß gar nicht mehr, wie das Leben sonst auszuhalten ist. Natürlich hat die ewige Herumtreiberei ihren Preis. Andere sind gestriegelt, Mumfords sehen aus, als wären sie gerade aus dem Bett gefallen. Andere freuen sich darauf, nach Hause zu kommen, diese Band hat Angst davor. Die eigenen vier Wände: Horror! »Wir fühlen uns auf der Straße definitiv am wohlsten«, sagt Mumford. »Wenn ich in meine Wohnung komme, find ich’s erst einmal toll, die Waschmaschine anzuwerfen«, sagt Marshall, »eine halbe Stunde später kommt dann schon wieder das Kribbeln.« Zum Glück war der nächste Aufbruch nie weit.


»Es gibt keine schönere Art, die Welt zu erfahren«, versichert Mumford mit allem Nachdruck, der ihm in seinem Zustand zu Gebote steht. Jeden Tag neue Eindrücke, und etwas Zeit für die Gegend bleibt zwischen den Konzerten schon noch: »Ted fotografiert, Ben geht in Bars, Winnie sucht in Plattenläden nach altem Vinyl, und ich fahr mit dem Motorrad herum.« Klar, manchmal geht das Gefühl dafür verloren, wo man sich gerade befindet, man steigt bloß noch vom Tourbus in die Garderobe auf die Bühne und von dort zurück in den Tourbus, der einen am nächsten Morgen an der nächsten Station wieder ausspuckt. »Klimaanlagenzone« nennt Marcus Mumford diese Zwischensphäre, ein tückischer Ort. Die Luft zum Atmen kann dünn darin werden, doch gerade bei solchen Engpässen heißt es, das Wesentliche im Blick zu behalten. Reisen ist schließlich keine Mode, sondern eine Haltung zur Welt.

Ähnlichkeiten mit historischen Vorbildern sind bei alldem nicht direkt beabsichtigt, aber auch alles andere als zufällig: Es ist der gute alte Outsider, der hier in einer zeitgenössischen Variante wiederkehrt. Dass nicht mehr mit wehender Fahne auf Güterzüge aufgesprungen wird, versteht sich von selbst, wir leben schließlich in Zeiten von Internet und easyJet. Wenn Mumford und seine Bande die globalen Verkehrswege unsicher machen, ist der Wille zum Feiern stets mit von der Partie und der Kater danach immer schon eingerechnet. Ein Zufall ist es trotzdem nicht, dass sie ihr Label Gentlemen of the Road genannt haben: Im Kleiderkammer-Universum von Mumfords gibt Bassist Ted Dwane den Stilvollen, Keyboarder Ben Lovett den Wildledernen, Winston Marshall den Bandschmuddel, Mumford selbst aber den Spieler, der auch in heiklen Situationen noch ein Ass im Ärmel hat. Zusammen brillieren sie in einer verloren geglaubten Kunst: dem Unterwegssein als Existenzform.

Erstaunlich an diesem Rückgriff ist nicht nur die Lässigkeit, mit der Pragmatismus und Romantik zusammengehen, erstaunlich ist der Erfolg. Acht Millionen Mal hat sich das Debütalbum Sigh No More verkauft, Downloads inbegriffen – ein Traumergebnis in Zeiten schwindender Absätze, und das ist nur die schnöde Sprache der Zahlen. Wer die vier Mumfords in ihrem Element erleben will, muss eines ihrer Konzerte besuchen. Die andächtige Stimmung, die bei den ersten Stücken herrscht, löst sich im Lauf des Abends rasch in Schweiß und Gelächter auf. Wenn dann Hits wie Little Lion Man, Roll Away Your Stone oder The Cave erklingen, ist kein Halten mehr. Die schönsten Höhepunkte aus mehreren Hundert Shows sind im Netz verewigt : Mumfords stürmen die Amsterdamer O₂-Arena, Mumfords beim exzessiven Bad in der Menge. Die tausend Hände, die sich ihnen entgegenrecken, erinnern ein wenig an Szenen aus einem Großrave, nur gilt die Begeisterung eben keinem DJ, sondern vier lustigen Straßenmusikanten.

Folkpop im Smartphone-Zeitalter

Dass im Smartphone-Zeitalter mit Folkpop – so muss man ihren Stil im weitesten Sinn nennen – Hallen zu füllen sind, ist eine Entwicklung, die Kritiker wie Branchenmenschen auf dem falschen Fuß erwischt hat. Folk, das war über Jahrzehnte hinweg eine Musik aus dem stillen Kämmerlein, von Eigenbrötlern für Eigenbrötler, fürs Massenpublikum hingegen in etwa so attraktiv wie eine vergilbte Postkarte aus Woodstock. Und nun plötzlich das. Mumford & Sons sind eine dieser Bands, die niemand hat kommen sehen, die kein Management so hätte erfinden können, sie sind einfach nur aus ihrer Nische gekrochen und dann stetig gewachsen. Weil wir Kaffeesatzleser von der kritischen Zunft uns aber ungern nachsagen lassen, einen Trend verschlafen zu haben, waren die Vergleiche schnell aus der Schublade. Weird Folk, Freak Folk, Antifolk – könnte es sich um eine rustikale Variante davon handeln? Richtig daran ist: Bei all diesen Spielarten steht das ständige Touren im Vordergrund. Ansonsten sind die Unterschiede größer als die Gemeinsamkeiten.

Auch eine Szene, die man in England dingfest gemacht haben will, ist mehr herbeigeredet als real existent. Mumfords Anfänge gehen auf einen Londoner Pub namens Bosun’s Locker zurück, in dem Winston Marshall die offene Bühne betreute. Im selben Pub sind damals Laura Marling und Noah And The Whale aufgetreten, Musiker, die es inzwischen ebenfalls zu einer gewissen Bekanntheit gebracht haben, doch daraus eine nu-folk explosion zu konstruieren – Marcus Mumford schüttelt den Kopf. Natürlich handelt es sich um geschätzte Kollegen, man grüßt und beglückwünscht sich, wenn man sich zufällig über den Weg läuft, doch die Zusammenkünfte im Bosun’s Locker hatten in Wahrheit so gar nichts Missionarisches: Der Witz war, dass dort Alkohol an Minderjährige ausgeschenkt wurde. Die schmeichelhaften Vergleiche mit Bands wie Crosby, Stills & Nash schließlich, die Mumfords aufgrund ihres Harmoniegesangs angedichtet wurden: Respekt vor dem Alter, doch ernsthaft Hippie-Zauseln hinterherzusingen kann heute nicht mehr das Ding sein.

Es ist ein smarter, ideologisch abgerüsteter Folk, den Mumford & Sons aus ihren Hemdsärmeln schütteln. Cowboy-Romantik, Country-Seligkeit, Sehnsucht nach Sekunden wahrer Empfindung, das alles hat seinen festen Platz im Repertoire. Wenn es hymnisch wird – und es wird bei Mumfords öfter mal hymnisch –, sind sogar versprengte Gospelelemente nachzuweisen, man gönnt sich ja sonst nichts. Zugleich jedoch bleibt der Zugang stets britisch verspielt und in der Haltungsnote unverbindlich: Hauptsache, Spaß an der Freud. Folk light – das böse Wort lässt sich nicht ganz von der Hand weisen, verglichen mit den Urvätern und -müttern des Genres wirkt der Mumford-Approach tatsächlich ausgeliehen wie ein zu großes Gewand. Doch die Wurschtigkeit, mit der hier im Fundus heroischer Poptraditionen gewildert wird, hat auch ihre Vorteile: Man muss kein Bein im amerikanischen Bürgerkrieg verloren oder wenigstens zwölfeinhalb Semester Dylanologie studiert haben, um dabei zu sein. Es genügt, sich einen Bart wachsen zu lassen und einfach loszulegen.

Nun also Babel. Beim ersten Hinhören hat sich nicht viel verändert, sie sind und bleiben eine englische Band, die sich in amerikanische Traditionen hineinträumt, ohne dabei ihre Herkunft zu verleugnen. Es gibt eine Feuerzeugballade namens Hopeless Wanderer, die die Freuden und Fährnisse des Streunerlebens beschreibt, diverse unmissverständliche Aufforderungen zum Tanz sowie eine Ode an das Liebchen daheim, dem für den unwahrscheinlichen Fall einer Heimkunft das Blaue vom Himmel herunterversprochen wird: »These days of dust which we’ve known will blow away with this new sun«. Dazu schrubbt Mumford seine unprätentiösen Akkorde auf der Akustischen, der Bass stapft von einem Fuß auf den anderen, und das Banjo hoppelt, als sei es letztlich eben doch der Geist des Punk, der diesen vier Wandergesellen den Weg weist. Neu ist etwas Raumgreifendes in Produktion, Anspruch und Abgang: Babel, das klingt schon sehr nach einer Metapher aus dem Jugendgottesdienst. Wollen Mumford & Sons die neuen U2 werden?

Der Titel sei ihnen ganz zum Schluss eingefallen, als die Musik schon im Kasten war, versichern Mumford und Marshall unisono aus ihren Sesseln heraus, allzu bedeutungsschwer sollte man die Sache nicht nehmen, es ist halt so ein Wort, in dem vieles Platz hat, vom ganz Kleinen bis hin zur Weltlage, »wir wissen es selbst nicht ganz genau«. Was die Ausdeutung ihres Schaffens anbelangt, herrscht im Hause Mumford & Sons bewährte Sorglosigkeit – die Fans werden sich schon das Richtige herauspicken –, was Kopfzerbrechen bereitet, ist der Rummel drum rum. Seit Ray Davies von den Kinks die vier für einen Song seiner CD See My Friends ins Studio lud, wollen alle sich ein Stück Mumford ins Haus holen, bei den letztjährigen Grammy Awards standen sie tatsächlich neben Bob Dylan auf der Bühne, und beim Pinkpop-Festival in Holland lud Bruce Springsteen sie mit den Worten »Come on and sing a song with me, boys!« zur Zugabe auf die Bühne. Höhepunkt der Mumford-Mania: ein Auftritt im Weißen Haus, beim Staatsbesuch von David Cameron .

Marcus Mumford legt größten Wert auf die Feststellung, dass keine dieser Aktionen mit einer weltanschaulichen Parteinahme einherging: Die Anfrage kam, und weil’s so lustig war, hat man es halt gemacht. Mumford & Sons sind eine spontane Band: Wer mit einer Idee auf sie zukommt, findet immer ein offenes Ohr. Der Versuch hingegen, Marcus Mumford Details aus der Celebrity-Zone zu entlocken, lässt seine Miene ins Säuerliche changieren: Hier geht es um Musik, nächste Frage bitte! Na gut, mit Obama kam es zu einem denkwürdigen Wortwechsel: »Ich beglückwünsche Sie zu Ihrem großen Erfolg«, sagte Obama zur Begrüßung. »Ich beglückwünsche Sie zu Ihrem großen Erfolg«, gab Mumford zur Antwort. Großes Gelächter – »er ist einfach unendlich cool!« So sind Mumfords Antworten immer: strikt darauf angelegt, jeglichen Eindruck von Prätention bereits im Ansatz zu zerstreuen. Mumford & Sons sind eine kleine Band. Zu viel geborgter Glanz könnte rufschädigend sein.

Die Dimensionen: Paradoxerweise sind sie zu einem Problem für diese vier Gentlemen der Landstraße geworden. Wie große Hallen will man mit einer vergleichsweise intimen Musik bespielen, ohne dass der Vorwurf, Stadion-Folk zu machen, an Realität gewinnt? Wohl auch deswegen wurde Babel sozusagen auf offener Bühne entwickelt: Was im Kontakt mit dem Publikum funktionierte, kam ins Töpfchen, der Rest ging in die Revision. Ein aufwendiges, aber effizientes Verfahren. Manche Stücke haben es trotz redlicher Mühen nicht aufs fertige Album geschafft, andere mussten bis zur Veröffentlichungsreife drastische Veränderungen durchlaufen, aus lauten Songs wurden leise und umgekehrt. Was danach übrig blieb, musste nur noch in die richtige Reihenfolge gebracht werden. Der road test als Qualitätskontrolle: So gewinnt man neue Fans hinzu, ohne die alten zu verprellen.

Es ist ein gut ausbalancierter Kompromiss, mit dem Mumford & Sons die nächste Runde ihrer Karriere einläuten. Einerseits setzen sie noch immer auf akustische Instrumente, andererseits bratzt hier und da eine Elektrische dazwischen. Einerseits ziehen sie das Tempo an, am Ende jedoch erklingt das gediegene Motto »Not With Haste« – nur nicht hudeln! Mit einem Fuß steht die Band also fest auf bewährtem Gelände, mit dem anderen tastet sie vorsichtig nach Neuland. Dass dieses Rezept seine Käufer finden wird, steht außer Frage, die eigentliche Bewährungsprobe aber ist die nächste Tour. »Ich bin froh, wenn es wieder losgeht«, sagt Winston Marshall. »Was auch passiert, wir werden dieselben bleiben«, sagt Marcus Mumford. Wenn man auf der Straße lebt, ist nichts wichtiger als Bodenhaftung.