In die Zukunft weisende, ein bisschen aufbauende Worte – was könnte in diesen Tagen begehrter sein? Europa zerbricht in Krisenzonen. Junge Menschen gehen auf die Straße gegen die ruinöse Politik ihrer Elterngeneration, die ihnen die Zukunft verbaut hat. Auf den Fernsehschirmen lodern Bilder von abgefackelten Gebäuden, nachdem ein lächerliches Internetvideo den Propheten Mohammed vorgeführt hat, globaler Terroralarm, und das vier Jahrhunderte nach dem Westfälischen Frieden, der Religionskriege beigelegt zu haben schien. Was also könnte den Laden zusammenhalten, wie wären in den zersplitternden multikulturellen Gesellschaften, in den Post-Wohlfahrtsländern wie Großbritannien oder Amerika die Konflikte zu entschärfen, Wege zu finden für ein gemeinsames Gespräch, auch der sich aneinander gefährlich aufreibenden Religionen? Da erscheint das Buch Zusammenarbeit von Richard Sennett mit perfektem Timing.

Richard Sennett ist ein Löwe unter den Wissenschaftlern, ein wortgewaltiger Theoretiker, sein Buch Der flexible Mensch (1998) wurde eine Chiffre für die Weise, wie ein ungebremster Kapitalismus hässliche Muster bis in unsere Körper und Seelen hinein spurt. Sennett selbst ist ein lebendes Beispiel für etwas, das wir einst Fortschrittsoptimismus nannten. Der Sohn einer alleinerziehenden Sozialarbeiterin, aufgewachsen in einem Armutsviertel in Chicago. Heute ist er Professor der Geschichte und Soziologie und lehrt an der London School of Economics, gleichzeitig an der New York University! Entspannt pendelt er, der nun fast 70-Jährige, zwischen den Kontinenten, ganz der intellektuelle Weltbürger.

Der deutsche Titel Zusammenarbeit klingt so, wie man es auf angelsächsischer Seite von den Deutschen erwartet: auf Arbeit konzentriert! Der englische Titel hat einen entspannteren Sound, Togetherness, was Zusammensein heißt oder auch Zusammenhalt, in der Unterzeile ist von den Ritualen, den Freuden und der Politik der Kooperation die Rede, ja, von Freuden!

Das Buch versteht Sennett als einen Baustein seines Homo Faber-Projektes, das sich den Grundlagen des Zusammenhaltes unter Menschen widmet, der erste Band (2008) untersuchte in der Welt des Handwerks, wie Menschen komplexe gemeinsame Projekte realisieren. Dem Buch wurde viel Lob zuteil und auch Kritik, es fiel das böse Wort vom Nostalgieverdacht. Auch in diesem zweiten Band finden wir uns einmal in einer Werkstatt wieder, es ist jene, in der Sennett gelegentlich sein Cello überarbeiten lässt. Sennett schildert die Arbeitsabläufe wie ein Menuett von Aufeinanderzugehen und elastischem Rückzug, eine Kunstform für sich und so ganz anders als etwa jene sich immer verfehlende Kommunikation, von der ihm junge Ökonomen berichteten, die 2008 ihre Jobs verloren, nachdem ihre Warnungen in den Hierarchien von Lehman Brothers und Co. verhallt waren, überhört von unfähigen, durchs Leben eilenden Topmanagern.

Sennett führt seine Leser in immer neuen Anläufen in jene Konfliktzonen, in denen Menschen auseinanderdriften oder aufeinanderknallen – und sucht nach Kriterien des Umgangs, die ein Miteinander ermöglichen würden. Respekt wäre eine der Kategorien. Anerkennung von Autorität. Vertrauen. Er zeigt uns das IBM-Management, das sich einst intern in einem harten Konkurrenzkrieg aller gegen alle aufgestellt hatte, mit hohen Verlusten. Wir hören von frühen Wohlfahrtszentren, Hull House etwa, gegründet 1889 in Chicago von der Sozialreformerin Jane Addams, eine Begegnungsstätte der Hoffnungslosen. Sennett breitet sein Wissen aus über das Leben im Ghetto von Venedig, komplettiert dies mit den Visionen des Architekten David Chipperfield und kommt zu den Schulbesuchen des Enkelkindes. Es geht von Milton hopplahopp zu Kautsky, von Madame de Rambouillet zu Amartya Sen oder Glenn Gould. Ein Autor flaniert durch seine reiche Wissensgeschichte, er denkt zusammen – Gruppen, Ethnien, Religionen –, die Form des Buches vollendet das Thema, die Suche nach dem Miteinander.

Tatsächlich ist der Mensch von Geburt an, schon um zu überleben, auf einen anderen ausgerichtet. Sennetts These: Die modernen Gesellschaften haben einen Sog entwickelt, in dem kooperative Fertigkeiten verschwinden. Das zwinge Menschen in den sozialen Rückzug – eine steile These in der Facebook-Welt. Sennett findet in der höfischen, zu diplomatischer Finesse entwickelten Gestik sein Modell der Annäherung in konfliktgeladenen Situationen – und würde als Erster zugeben, dass es sich selten bewährt hat, wenn kriegslüsterne Parteien gegeneinanderziehen. Er begeistert sich für das im alten China geprägte Prinzip, guanxi, das die Generationen auf gegenseitige Hilfe verpflichtet, tatsächlich dient es heute dazu, die Wunden, die der Kapitalismus schlägt, notdürftig zu verbinden. Er schätzt den Konjunktiv, mit dem Briten ihren Aussagen die Schärfe nehmen – aber streichen sie deshalb der Sozialstaat weniger grausam zusammen?

Viele Einwände, man möchte sie sofort mit dem Autor klären, weiterdiskutieren, er selber würde das als Kompliment verstehen.