Goethe hat einmal über den seinerzeit berühmten Geiger Paganini sinngemäß gesagt, seine spektakulären Konzerte schmeckten nur wie Kunst, seien aber keine. Das lässt sich von dem neuen Roman J. K. Rowlings nicht behaupten. Er schmeckt weder auf den ersten noch auf den zweiten Bissen wie Kunst. Man wird sich der Diagnose kaum verschließen können, die der Schriftsteller Jan Brandt in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung formuliert hat, dass hier weder Stil noch Rhythmus noch Raffinesse noch überhaupt irgendein ästhetischer Oberflächenreiz geboten wird, der auf echte Literatur deuten könnte.

Es ist aber doch welche – sogar ziemlich große. Ihre Qualität beruht allerdings nicht auf der Sprache oder konstruktiven Raffinessen. Rowling benutzt in diesem ersten Buch für Erwachsene die gleiche anspruchslose, ziemlich trockene und wenig geschmeidige, aber angenehm knappe Diktion wie in ihren Harry Potter- Kinderbüchern auch. Es gibt keinen Rowling-Sound – wie es ja auch keinen Stephen-King-Sound gibt oder, mit einem thematisch näherliegenden Vergleich, keinen Emile-Zola-Sound. Hier swingt nichts, hier wird mit ziemlich flachen Absätzen die Treppe runtergetrappelt.

Aber jede Stufe ist interessant. Die Treppe ist hoch, ihr Bogen kühn, die Fallhöhe beträchtlich. Der Leser, wenn er der Autorin hinterherstürzt – aber keine Sorge, sie zerrt ihn mit eisernem Griff am Handgelenk die Stufen hinunter –, ist am Boden zerstört. Die Geschichte ist fies. Die Menschen darin sind fies, und die wenigen, die es nicht sind, gehen zugrunde. Mitleid und Nächstenliebe gibt es nur im Modus der Heuchelei, niemals in der Praxis. Viele Passanten (in einer Szene gegen Ende des Romans) bemerken den verlassenen Dreijährigen, der am Ufer des Flusses umherirrt – aber nicht einer hilft. Nur ein Mädchen springt ihm nach, als es schon zu spät ist. Mit anderen Worten: Die Sache spielt unter Kleinbürgern in einer Kleinstadt, in dem hartherzigsten aller sozialen Milieus.

J. K. Rowlings Roman ist ein altmodischer Fall von Gesellschaftskritik, aber ihre Kritik wird nicht von Rührseligkeit oder politischen Absichten getrieben, wie manche englische Zeitungen dämlich schrieben, sondern von echtem Hass. Er ist nicht das sozialistische Manifest, das die Daily Mail, dieses Leib- und Magenblatt der Kleinbürger, darin erkannte, es ist ein Manifest der Empörung. Hass und Empörung wollen aber keine stilistischen Mätzchen, sie suchen das schlagende Beispiel und das Grauen der Realität. Ähnlich wie Zola, der sich deshalb als Vergleich aufdrängt, aber anders als Dickens oder Thackeray, die klassischen Sozialkritiker der englischen Literatur, arbeitet sie an keiner Poesie des Elends, sondern an seiner Faktizität.

Darum ist es hier kein Mangel, wenn alle Kunst im Inhalt und nicht seiner Darbietung liegt, und noch weniger ist es ein Mangel, wenn sie zuspitzt und übertreibt, denn die Karikatur ist hier der Modus der Gereiztheit, in der sich das Leiden und die Leidenschaftlichkeit der Autorin zeigen. Woran leidet sie? Sie leidet an dem, was die Soziologen als Entsolidarisierung der Gesellschaft beschreiben, die sich im England nach Margaret Thatcher im großen Maßstab vollzogen hat, aber auch bei uns überall beobachtet werden kann. Sie schildert es am Beispiel der Kleinstädter, die gegen eine Sozialsiedlung kämpfen, weil sie deren Bewohner nicht sehen, schon gar nicht deren Kinder in der Schule haben und erst recht nicht die Drogenklinik dulden wollen, die sich der schlimmsten Fälle annimmt.

Es sind aber keine Reichen, die sich den Anblick des Elends ersparen möchten. Die Pointe des Romans liegt darin, dass es die nur knapp Gesicherten sind, die das Elend noch als eigene Bedrohung kennen. Rowling schildert das Ressentiment derjenigen, die es knapp geschafft haben, gegen jene, die es knapp nicht geschafft haben. Es geht um den kleinen Klassenkampf am unteren Rand der Gesellschaft, in dem sich der große Klassenkampf unbegriffen spiegelt. Er wird nicht begriffen, weil sich die Vorstellung wieder ausgebreitet hat, dass jeder seines Glückes Schmied ist, dass die Armen an ihrer Armut selbst schuld sind und jede Sozialpolitik ein illegitimer Griff in den Geldbeutel der Tüchtigen darstellt.

So tüchtig sind die Tüchtigen aber gar nicht, und sie ahnen es. Aus der verdrängten Einsicht in das Prekäre und Unverdiente ihrer Existenz ist der Stoff gemacht, der die Beziehung zu den Verlierern, aber auch die Beziehung der Kleinbürger untereinander vergiftet, die Ehen, die Freundschaften, das Verhältnis zu den Kindern. Die Sozialangst, die nicht mehr als politisches Problem formuliert werden kann, hat sich der Seelen bemächtigt und zerstört noch den letzten Kern der Menschlichkeit: die spontane Hilfsbereitschaft.