Vor einigen Monaten war Ursula Sarrazin bei einer Lehrerin ihrer ehemaligen Schule eingeladen, nach längerer Zeit mal wieder, mit mehreren Kolleginnen. Man hoffte auf ein unbeschwertes Zusammensein. Doch schnell vergiftet die Vergangenheit die Stimmung, sodass die Ersten das Treffen früh wieder verlassen. Als die Gastgeberin sich Tage später bei Sarrazin schriftlich beklagt, dass die Zusammenkünfte mit ihr anstrengend seien, und erklärt, dass die "Akte Ulla" sie nicht mehr interessiere, erhält sie eine geharnischte Antwort: Ein typischer "Wegschauer" sei die Exkollegin, die dem "Rufmord" an Sarrazins Person untätig zugesehen habe. Damit sei sie mitschuldig geworden, schreibt Sarrazin und beendet die Beziehung.

Nun ist die "Akte Ulla" als Buch erschienen. Hexenjagd lautet der Titel. Es geht darin um eine Berliner Grundschullehrerin, die mit allen nur erdenklichen Bösartigkeiten aus dem Amt gedrängt wird, weil ihr Unterricht zu anspruchsvoll ist. Oder, wie es im Vorwort heißt, um einen Mobbingfall, der "ohne Beispiel in der deutschen Schullandschaft ist".

Ursula Sarrazin ist eine unscheinbare Person. Ihr Gesicht ist ungeschminkt, das halblange Haar gescheitelt. Sie trägt eine praktische Allwetterjacke und eine Umhängetasche. Zur Unterstützung hat sie an diesem Morgen eine Verlagssprecherin mitgebracht. Viele beschreiben sie als eine unsichere Frau, die schnell laut wird, wenn sie auf Widerspruch stößt. Heute wirkt sie ruhig und gelöst. Denn es läuft gut. Bild hat tags zuvor mit dem Vorabdruck begonnen. Die Startauflage des Buchs beträgt 30.000 Exemplare, die Bestsellerliste ist fest im Blick. Zwei Stunden wird Sarrazin von ihrem Leiden berichten: von den Lügen und den Unterstellungen, mit denen sie in Berlin verfolgt worden sei, von dem Unvermögen und der Niedertracht ihrer Kollegen. Leider wird man aus diesem Gespräch schließlich nichts Konkretes berichten dürfen. Ursula Sarrazin zieht alle Zitate, die ihr die ZEIT zur Autorisierung vorlegt, zurück. Als zu tendenziös empfindet sie die Auswahl der Aussagen. So bleibt einem nur, aus dem Buch zu zitieren.

Ein Debattenbuch soll es sein, sagt die Verlagsfrau. Über die Rolle des Lehrers und die Probleme, an denen das Schulsystem krankt. Das ist ein Missverständnis. Wer das Buch liest, merkt sofort, dass es nur um eine Lehrerin geht, Sarrazin, die am Schulsystem gescheitert ist.

Knapp 20 Jahre hat sie in Bonn, Köln und Mainz ihren Schuldienst versehen, "ohne jedes Problem", wie man ihrem Buch entnehmen kann. 1999 aber kommt Sarrazin mit ihrem Mann in die Hauptstadt. Bereits nach wenigen Wochen an der neuen Schule bemerkt sie, dass sich die Klasse, in der sie unterrichten soll, "unter dem Laissez-faire-Stil der Klassenlehrerin problematisch entwickeln würde". In anderen Klassen sieht es angeblich ähnlich aus: Überall stößt die neue Kraft auf Disziplinlosigkeit und ein niedriges Lernniveau.

Natürlich informiert Sarrazin umgehend die Schulleitung. Doch anstatt ihren Einsatz zu loben und dem Dilettantismus Einhalt zu gebieten, macht die der aufmerksamen Kollegin aus dem Westen das Leben schwer. Auch Eltern zeigen sich undankbar, als Sarrazin deren Kindern den "altersgemäßen Arbeitseinsatz" nahebringt. Sie beschweren sich bei der Schulaufsicht, drohen scharenweise mit Abmeldung. Dass die Lehrerin Sarrazin einem Jungen im pädagogischen Übereifer eine Blockflöte auf den Kopf geschlagen hat, um ihn zur Räson zu bringen, bleibt freilich eine unbewiesene Behauptung von Eltern.