Es wird wohl Marcel Reich-Ranicki gewesen sein, der einmal, als man ihm die schöne Aussicht in den Alpen pries, entgegnete: "Wieso schöne Aussicht? Es ist ja immer was davor!" Ähnlich kann es einem in Roman Pölslers Film Die Wand ergehen, denn er spielt irgendwo im Salzkammergut, in jenen aussichtslosen transalpinen Gebieten, wo die Wälder dunkel und die Täler eng sind und wo ein Berg sich vor den anderen schiebt. Wer unter klaustrophobischen Anwandlungen leidet, sollte das Gelände meiden, vor allem aber diesen Film, der letztlich nichts anderes ist als eine delikat fotografierte klaustrophobische Phantasmagorie. Sie geht zurück auf den gleichnamigen Roman der österreichischen Schriftstellerin Marlen Haushofer, der zuerst 1963 erschien und in den achtziger Jahren als Sinnbild der atomaren Bedrohung oder der Unterdrückung der Frau oder von beidem wiederentdeckt wurde.

Der Film schlägt zu Beginn ein recht munteres Tempo an, das sich allerdings jäh verlangsamt und rasch zum Stillstand gelangt. Eine nicht mehr ganz junge Frau fährt mit einem befreundeten älteren Ehepaar in die Berge, um in einer Hütte Ferientage zu verbringen. Die Frau sitzt auf der Rückbank eines Mercedes-Cabrios älterer Bauart, man hört eine ziemlich laute und schmissige Rockmusik, die Sonne scheint, der See ist blau. Gleich nach der Ankunft begibt sich das Paar auf einen Spaziergang zum nächsten Ort, kehrt aber nicht zurück. Als die Frau am Morgen erwacht, ist das Haus leer, der Mercedes steht in der Einfahrt. Sie macht sich auf den Weg, um die Freunde zu suchen, prallt aber nach kurzem gegen eine unsichtbare Wand. Es scheint sich nicht um Glas zu handeln, denn da spiegelt nichts. Die Frau versucht, in verschiedene Richtungen aus ihrem Gefängnis auszubrechen, stößt jedoch überall gegen dieses magische Etwas. Einmal versucht sie einen Durchbruch mit dem Wagen, fährt ihn dabei zu Schrott. Ein andermal sieht sie eine entfernte Hütte, auf deren Bank eine Alte sitzt, davor ihr Mann, der sich am Brunnen wäscht. Zwar fließt das Wasser, aber die Menschen verharren bewegungslos, als wären sie aus Stein.

Bis hierhin folgt man der Geschichte mit einer gewissen Spannung, und filmisch ist das gut gemacht. Doch dann geschieht etwas Merkwürdiges. Die Frau tobt nicht, sie rebelliert nicht. Im Gegenteil scheint sie ihre Einsamkeit rasch zu akzeptieren. Sie lernt es, sich selbst zu versorgen, Gras zu mähen, Kartoffeln anzupflanzen, Wild zu schießen und zu schlachten. Eine trächtige Kuh läuft ihr zu. Schweißgebadet zerrt sie mit dem Strick die Kalbsgeburt hervor. Der Hund Luchs wird zu ihrem Freund und einzigen Gesprächspartner. In den Verschnaufpausen schreibt sie Tagebuch und liest uns daraus vor. Die Jahreszeiten kommen und gehen, das Laub fällt, der Schnee fällt, der Frühling naht mit Donner und Blitz. Gegen Ende taucht in dieser menschenleeren Einöde dann doch ein Mensch auf, ein Mann, ein äußerst böser. Grundlos tötet er den Hund. Daraufhin nimmt die Frau ihr Jagdgewehr und erschießt den Mann. Jetzt ist sie gänzlich allein in ihrer Welt.

Was soll das alles bedeuten? Offenbar sehr viel. Vielleicht, dass der Mensch des Menschen schlimmster Feind sei; dass die Tiere unsere wahren Freunde seien; dass wir die verderbte Zivilisation verlassen müssten, um in den Schoß der Natur, dem wir entstammen, zurückzukehren; dass die Frau selbst dort, wo die Menschen versteinert sind, immer damit rechnen müsse, dem schlechthin Bösen zu begegnen, dem Mann.

Alle Versuche jedoch, herauszukriegen, was der Film uns sagen will, scheitern an seiner schieren Langweiligkeit. Selbst wenn Martina Gedeck eine größere Schauspielerin wäre, als sie eh schon ist, könnte sie in diese tote Allegorie kein Leben bringen. Sie sagt ja nichts – zu wem auch. Sie lacht ja nicht – weshalb auch. Sie müht sich durch die Tage und wirkt immer ungewaschener, ihr Gesicht immer verschlossener. Mit einem Bleistift, der fast am Ende ist, notiert sie ihre Gedanken. Übermäßig originell oder wegweisend sind sie nicht, als Philosophin taugt sie weniger denn als Bäuerin. Ihre Lage ist Geistesblitzen nicht eben zuträglich.

Die Naturbilder sind recht schön, der Sternenhimmel, der Tau im Gras, die Krähen auf dem Baum, die rötliche Dämmerung. Aber man muss diese blauschattige Waldeinsamkeit schon sehr lieben, um nicht auf die Uhr zu gucken. Fast zwei Stunden in das melancholisch stumme Gesicht der Gedeck blicken zu müssen, hält der stärkste Mann nicht aus. Der einzige Trost ist Luchs, der gut gelaunte, unerschütterliche Menschenfreund. Ihm gebührt die Palme in Gestalt eines ordentlichen Knochens.