Was ist nur mit den Mädels los? Seit Jahren wird über das verhängnisvolle Magerkeitsideal gesprochen, das die Modeindustrie in ihren Werbefotos und Schauen formuliert und damit Scharen junger Frauen zu Magersucht und Bulimie inspiriert. Die Zeitschrift Brigitte hat sogar eine Zeit lang die superschlanken Supermodels durch normalgewichtige Frauen von nebenan ersetzt , um den Terror der Bilder zu unterbinden. Aber all das ist offenbar umsonst. Selbst die Sängerin Lady Gaga , die doch Hohn und Spott auf alle Konventionen zu ihrem Markenzeichen gemacht hat, hat sich dieser einen Konvention, der vielleicht größten von allen, der Magerkeitskonvention, nicht entziehen können. Sie habe seit ihrer Jugend an Bulimie gelitten und mit ihrem Körper gehadert, bekannte sie kürzlich. Den Körper, mit dem sie hadert, hat sie bei der Gelegenheit im Internet gezeigt – mit einigen Pfunden zu viel, wie sie meint, doch habe sie sich mit ihnen inzwischen abgefunden. Liebe Mädels, wollte sie damit sagen, lernt von mir! Auch ihr könnt und müsst euch mit euren Makeln abfinden.

Aber was zeigte Lady Gaga im Internet? Einen Idealkörper, an dem nur eines unvorteilhaft war: die Art, wie er fotografiert war. Was sollen ihre Fans, die armen Mädels von nebenan, nun daraus lernen? Dass selbst ein solcher Körper, von dem viele gewiss nur träumen können, in den Augen eines Superstars wie Lady Gaga noch nicht ideal, sondern nur mit festem Willen zum Kompromiss zu ertragen ist?

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Den fatalen Hang zur vergleichenden Körperbeobachtung, der das Selbstbild junger Frauen entgleisen lässt, bekommt man so aus ihren Köpfen gewiss nicht heraus. Was überhaupt hat Magerkeit über alle anderen echten oder eingebildeten Vorzüge hinaus an die Spitze der Schönheitsideale befördert? Gibt es nicht auch bezaubernde Gesichter, leuchtende Augen, betörende Hüften? Ausgerechnet das Gewicht zum Maßstab für Attraktivität zu machen hat etwas Verrücktes und Weltfremdes – jedenfalls wenn man sich ausnahmsweise einmal Männer als Publikum vorstellen will. Männer reagieren auf Untergewicht im Allgemeinen eher muffig.

Aber um Männer geht es hier natürlich nicht. Es geht um Kontrolle, und von allen körperlichen Eigenschaften ist das Gewicht nun einmal das Einzige, was man selbst kontrollieren kann. Alles andere ist angeboren. Die Magersucht ist ein einziger ohnmächtiger Protest gegen die Ungerechtigkeit der Schöpfung. Das macht sie im Letzten so traurig. Wer hungert, hadert mit Gott.