DIE ZEIT: Frau Xu, China spielt eine immer größere Rolle in der Welt...

Xu Lin: ...das ist richtig, obwohl es gar nicht dem chinesischen Naturell entspricht. Eigentlich schotten sich Chinesen traditionell gerne ab und konzentrieren sich auf ihr unmittelbares Umfeld. Das sehen Sie im Kleinen daran, dass bei den Chinesen die Familie vor allem anderen kommt.

ZEIT: Doch seit der Eröffnung des ersten Konfuzius-Instituts haben Sie weltweit Hunderte Einrichtungen gegründet, darunter elf in Deutschland. Das sieht nicht nach Abschottung aus.

Xu Lin: Wir schicken unsere Lehrer und freiwilligen Helfer in die Welt, damit es zu möglichst vielen Begegnungen kommt. Wenn die Leute die chinesische Kultur und Tradition besser kennenlernen, dann können sie sich selbst ein Bild von China machen.

ZEIT: Machen sich die Menschen bisher ein falsches Bild von China?

Xu Lin: In den westlichen Medien kursieren zu viele Vorurteile über unser Land.

ZEIT: Was versteht der Westen an China nicht?

Xu Lin: Der Osten und der Westen haben eine ganz unterschiedliche Kultur. Zum Beispiel denkt der Westen sehr linear, während sich chinesisches Denken zirkulär bewegt. Ich etwa bin auch sehr direkt. Doch viele Chinesen mögen mich nicht. Sie sagen: Du bist so westlich. Chinesen versuchen einen Mittelweg zu gehen, sie meiden extreme Positionen, sie meiden Kritik – und schätzen sie auch nicht besonders.

ZEIT: Um das Bild von China zu verändern, gibt Ihre Regierung Milliarden aus. Warum hält sie es für nötig, Chinas Image in der Welt aufzupolieren?

Xu Lin: Wir wollen uns mit dem Westen wirtschaftlich und wissenschaftlich austauschen, aber auch mental. Denn immer mehr Chinesen sind in der Welt unterwegs. Wir wollen, dass sie respektiert werden.

ZEIT: Sehen Sie in Ihren Bemühungen bereits Erfolge?

Xu Lin: In den USA haben wir zum Beispiel mehr als 70 Institute, die alle an Universitäten angebunden sind. Das führt dazu, dass immer mehr Konfuzius-Studenten, vom Jugendlichen bis zum Parlamentsabgeordneten, nach China kommen, um die Partneruniversität zu besuchen. Dabei lernen sie zum Teil auch Familien kennen und stellen fest: Die Chinesen sind gar nicht so rückständig, wie wir dachten.

ZEIT: Die Welt hält die Wirtschaftsmacht China für rückständig?

Xu Lin: Vor einigen Jahren habe ich in Vancouver gearbeitet. Selbst die Kanadier dachten, alle Chinesen seien so wie jene, die dort in Chinatown leben, das heißt sehr laut und ein bisschen schmuddelig. Außerdem denkt die Welt, China sei noch immer ein armes Land voller ungebildeter Menschen. Ich möchte, dass die Menschen das echte, moderne China kennenlernen.

ZEIT: Ihren Instituten wird immer wieder vorgeworfen, sie hätten nicht genügend Personal und die Lehrer seien nicht genügend qualifiziert. Auch träfen die Lehrbücher nicht die Bedürfnisse der Zielgruppe.

Xu Lin: Diese Kritik ist nicht ganz unberechtigt. Unsere Lehrbücher sind vor dem Hintergrund chinesischer Lebenserfahrung konzipiert, im Ausland ist das mitunter schwer nachzuvollziehen. Andererseits geht es uns auch darum, zum Beispiel die Bedeutung des Tiananmen-Platzes in Peking zu erklären und nicht nur zu vermitteln, wie man im Restaurant eine Ente bestellt. Doch wir sind dabei, unsere Schulbücher den Bedürfnissen anzupassen.

ZEIT: Und was ist mit den Lehrern?

Xu Lin: Ich brauche mehr qualifizierte Lehrer. Denn die Nachfrage nach unseren Instituten ist in der ganzen Welt riesig. Selbst auf den Malediven hat man Interesse. Und ich brauche mehr Geld, denn unsere Lehrer werden in der Regel im Ausland nicht so gut bezahlt wie vor Ort üblich.