In Zeiten zahlreicher neuer Kunstmessen in immer dichterer Abfolge überdauern manche von ihnen kaum die eigene Premiere. So etwa die Messe Munich Contempo, eine Schau für zeitgenössische Kunst, die vor zwei Jahren zum ersten Mal nach München lud – und dieses Jahr plötzlich aussetzen muss. Drei andere Münchner Kunstmessen führen hingegen auch dieses Jahr wieder vor, wie man sich auf dem internationalen Markt der Kunstmessen positionieren kann. Unabdingbare Voraussetzung: ein qualitätsvolles Angebot, die Kultivierung des jeweiligen Profils und gute Schauplätze. Sinnvoll zudem: die Festlegung auf einen gemeinsamen Termin, der dann noch mit einem Galerienwochenende gekoppelt wird.

München erfüllt alle diese Anforderungen, obwohl es noch vor acht Jahren so schien, als kündige sich das Ende seiner Kunstmessen-Ära an. 2004 war es zur Spaltung innerhalb der traditionsreichen Kunst- und Antiquitätenmesse gekommen, die nach dem Verlust ihrer Spielstätte im Haus der Kunst keine überzeugende Alternative mehr gefunden hatte. Abtrünnige gründeten daraufhin die Munich Highlights. Gemeinsam mit einer kleinen Schar auserwählter Kollegen präsentierten sie regelmäßig zur Messezeit und in eigenen Galerieräumen »the best of the best«. Ein Unternehmen mit Folgen; denn inzwischen residiert die einstige Kunst- und Antiquitätenmesse als 57. Kunst-Messe im ansehnlichen Postpalast (vom 18. bis zum 29. Oktober), während die Highlights sogar den Wiedereinzug ins Haus der Kunst geschafft hat. Zeitgleich mit ihr findet vom 20. bis 29. Oktober Kunst und Antiquitäten auf dem Nockherberg statt, eine Messe mit regionalen Vorzügen und Besonderheiten.

Die Highlights wurde in den vergangenen beiden Jahren als Deutschlands nobelste Messe gefeiert, doch im Vorfeld der diesjährigen Schau gab es Probleme, als offenkundig wurde, dass Umbauten, wie sie der neue Direktor des Hauses der Kunst, Okwui Enwezor, plante, den Platz für die Messe verknappen würden. Immerhin 48 Aussteller – 17 davon aus dem Ausland – werden Erlesenes wie die schwarzfigurige Amphora um 520 vor Christus (bei Cahn) bis hin zu Klee und Picasso (Salis & Vertes) zeigen. Mit Christian Eduard Franke wechselt jetzt sogar einer der prominenten Bamberger Händler für Antiquitäten des 18. Jahrhunderts von der Kunst-Messe hierher. Sein um 1740 entstandener Tabernakelsekretär aus einem Reichskloster (285.000 Euro) dokumentiert, dass nicht nur weltliche, sondern auch kirchliche Würdenträger eine Schwäche für kleine Fächer und Geheimnischen hatten. Überhaupt der Genuss an hoher Kunstfertigkeit, das Entschlüsseln von versteckten Botschaften, das Spiel mit der Täuschung scheinen beim Schaffen und Erwerben vieler der auf dieser Messe gezeigten Objekte eine große Rolle gespielt zu haben.

So verblüffen den Besucher beim Rundgang ein Kohlkopf mitsamt Weinbergschnecke und ein lang gestrecktes Ferkel. Oder jener walnussgefüllte Teller, der täuschend echt aussieht, sich aber ebenso als naturalistisch bemalte Fayence, 1750/55 in Sceaux gefertigt, entpuppt. Solche Kuriosa konnte sich im 18. Jahrhundert nur leisten, wer Vermögen besaß. Sie dienten nicht als tröstliche Illusion für Hungerszeiten, sondern zur Schaulust, als amüsanter Augentrug, Appetitanreger und zur Dekoration opulenter Festtafeln. Etwa der eines Adligen wie Fürst Bischof Clemens August von Köln, der sich 1751 gleich zwei dreihundertteilige Services liefern ließ. Bei Esch, dem Düsseldorfer Spezialisten für Fayencen in Trompe-l’Œil-Manier, können Liebhaber des Ausgefallenen zwar keine ähnlichen Mengen, aber den Teller mit Walnüssen für 11.000 Euro, das Ferkel für 16.500 Euro oder die als Kohlkopf kaschierte Terrine für 12.000 Euro erstehen.

Eine Weinbergschnecke wird sich auch am Stand der Münchner Kunsthandlung Daxer&Marschall wiederfinden, hier kriecht sie in einem brillanten, in satten Farben gemalten Stillleben Ottmar Elligers (1633 bis 1679) auf einem Weinblatt empor. Zarter kommt da am gleichen Stand ein frühes Aquarell aus den 1880er Jahren von Carl Larsson (Preis: 18.000 Euro) daher, es zeigt eine Seeszene, das Wasser ist recht ruhig, die tief stehende Sonne wird von einer majestätischen Wolke verdeckt, wirft aber dennoch ihre Strahlen gen Wasser. Weitaus aufgewühlter wird der Besucher die See am Stand von Konrad Bernheimer erleben, dem international einflussreichen Kunsthändler aus München und Gründer der Highlights. Er zeigt auf der Messe die meisterlich gemalte, überaus dramatische, 1,26 mal 2,07 Meter große Szene eines Schiffswracks im Sturm (1757) des Neapolitaners Carlo Bonavia: Da türmen sich die Wolken und die Wellen, da tosen die Wassermassen an einen Felsen, und die Schiffbrüchigen reißen ihre Arme in die Höhe. 480.000 Euro soll das Werk kosten, bei dem Vernet wohl Pate stand. Eine vom Motiv her ähnliche, gleichformatige Sturmszene Bonavias kostete 1996 bei Sotheby’s 110.000 Pfund.

Ein kürzlich identifiziertes Gemälde von Carl Friedrich Carus kann die Galerie Arnoldi-Livie vorstellen (380.000 Euro). Es ist eine mondbeschienene Szenerie des halb verfallenen Kirchenschiffs von Tintern Abbey, die der Künstler 1844 in England aufsuchte. Wehmütig notierte er sich anschließend: »Abermals musste ich an (Caspar David) Friedrich gedenken! … Warum konnte er etwas so Vollendetes nicht selbst sehen!«

Schätze ganz anderer Art präsentiert die Kunstkammer Georg Laue im Haus der Kunst. Laue konzentriert sich in diesem Jahr auf die in den fürstlichen Kunstkammern einst so beliebten Exotica (und gibt dazu auch einen ebenso prachtvollen wie profund geschriebenen Katalog heraus). So wartet er mit allerfeinsten Arbeiten wie jenem Flachrelief aus der Renaissance auf, das auf dem Gehäuse eines Nautilus prangt, mit einer aus der Seychellennuss geschnitzten Prunkschatulle und einer Salzburger Steinbockhorn-Kanne (für 360.000 Euro). Dieses aufwendig geschnitzte Stück, 1758 von Martin Gizl gefertigt, galt schon seinerzeit als Kostbarkeit, weil nur der Erzbischof das wilde Tier jagen durfte. Das Material war entsprechend rar. Man kann rätseln, ob aus der Kanne je getrunken wurde. Diente sie nur als Repräsentationsstück, vielleicht auch als Diplomatengeschenk? Und wer wird solche Schätze jetzt in München erwerben? Es werden kaum die vielerorts herbeigesehnten reichen Russen und Chinesen sein. Denn die kaufen, so hört man, in Europa lieber den alten Wein als die wertvollen Kannen.