Eine Klingel ohne Namen, ein Tor, das langsam zur Seite gleitet, und ein Mann, ganz in Weiß gekleidet, der einem die Taxitür öffnet. Willkommen im Reich von Martin Suter ! Hier auf Ibiza wohnt der bei Weitem erfolgreichste lebende Schweizer Schriftsteller nun seit über 15 Jahren – wenn er nicht in Guatemala oder Zürich ist, wo er weitere Häuser sein Eigen nennt. Hier schreibt er, hier wachsen die Oliven und die Weintrauben, mit denen er seine Bodega füllt. Das riesige Anwesen wird von etlichen Hilfskräften fortwährend im Zustand der Perfektion gehalten, es ist eine Perfektion, die man aus den Büchern Suters kennt.

Zwei Tage hat sich der Schriftsteller, der eben seinen achten Roman Die Zeit, die Zeit veröffentlicht hat, reserviert, um über sein Schreiben und sein Leben zu sprechen. Unterbrochen werden wir nur von den Mahlzeiten und der Quecksilbrigkeit seiner sechsjährigen Adoptivtochter Ana. Vor drei Jahren erstickte ihr Bruder Antonio beim Essen an einem Wienerli. Auch die überaus herzliche Gastfreundschaft der Suters kann die immerwährende Traurigkeit, die sich im Hause breitgemacht hat, nicht überdecken.

DIE ZEIT: Herr Suter, wir sitzen hier auf Ihrem großen Anwesen auf Ibiza. Staunen Sie manchmal noch, dass Sie sich dieses schöne Leben allein mit Ihrem Kopf bereitet haben?

Martin Suter: Ja, es ist ein Wahnsinn, dass ich uns das alles erschrieben habe.

ZEIT: Finden Sie, Sie haben das verdient?

Suter: Doch, doch, ich war ja nicht untätig. Ich habe viele Menschen unterhalten. Roger Federer hat sein Geld auch verdient. Und der hat viel mehr davon als ich.

ZEIT: Was heißt "unterhalten"?

Suter: Jemanden aus seiner Wirklichkeit zu entführen und ihn für diese kurze Zeit zu einem untauglichen Mitglied der Gesellschaft zu machen.

ZEIT: Sie können Unterhaltung herstellen.

Suter: Das kann jeder, wenn er eine Geschichte erzählt.

ZEIT: Nein.

Suter: Gut, man muss die Geschichte erzählen können. Da gehe ich auf Nummer sicher. Bei mir muss es immer eine Geschichte sein. Ich traue mir nicht zu, nur durch Stimmungen und Gedanken fesseln zu können.

ZEIT: Wann wurde Ihnen zum ersten Mal bewusst: Ich kann schreiben?

Suter: Als mein Lehrer am Collège St. Michel in Fribourg, Pater Johannes, zum ersten Mal einen meiner Aufsätze der Klasse vorlas. Damals war ich 14 Jahre alt.

ZEIT: Wussten Sie also erst, dass Sie schreiben können, als Ihnen das von außen gesagt wurde?

Suter: Nein. Ich habe schon als sechs-, siebenjähriger Bub gerne Geschichten erzählt. Mein Großvater sagte meinen Eltern schon damals: "Der Bub hat einen großen Wortschatz." Ich musste dann erst mal nachfragen, was dieses Wort heißt. Dieses Talent wurde mir offenbar in die Wiege gelegt. Mit 16 beschloss ich dann, Schriftsteller zu werden.

"Ich schreibe keinen ersten Satz ohne den letzten"

ZEIT: Sie wollten nie studieren?

Suter: Ich habe an der Uni Basel Germanistikvorlesungen gehört und fand das furchtbar langweilig.

ZEIT: Warum?

Suter: In einem Brecht-Seminar wurden Baal, Trommeln in der Nacht und Im Dickicht der Städte besprochen. Ich hatte das schon gelesen und mochte es. Aber die nahmen das derart auseinander, dass ich dachte: Wenn du hier mitmachst, wirst du eines Tages keinen geraden Satz mehr schreiben können. Danach sagte ich zwar meinen Eltern weiterhin, ich ginge an die Uni. Aber in Tat und Wahrheit hatte ich andere Prioritäten. Ich hing in den Cafés rum und lernte Frauen kennen. Und ich wollte in der Studentenzeitschrift schreiben, Collibri hieß sie, aber die wollten mich nicht. Ich könne aber gerne Inserate für sie verkaufen. Ich schrieb Briefe an mögliche Inserenten. Einer antwortete, so einen guten Werbebrief habe er noch nie bekommen, ich sollte doch in die Werbung gehen. Ich wusste gar nicht, dass es diese Möglichkeit gibt. Aber dann fing ich an, mich dafür zu interessieren. Weil mir das Schreiben leichtfiel. Ich bin ja einer, der gerne den Weg des geringsten Widerstandes geht.

ZEIT: Ach ja? Das wussten Sie früh?

Suter: Ja, ich war immer ein Minimalist.

ZEIT: Das ist aber eine gefährliche Charaktereigenschaft für einen wie Sie.

Suter: Wie kommen Sie denn darauf?

ZEIT: Es geht ja hervorragend, so wie es ist, und so schreiben Sie einfach einen Suter nach dem andern. Sie sind so erfolgreich, dass Sie nie etwas anderes wagen werden.

Suter: Ja, Sie haben recht. Ich mache das, was mir leichtfällt. Aber warum sollte ich etwas ändern?

ZEIT: Weil es Sie herausfordern könnte. Im Übrigen spüre ich aus Ihren früheren Äußerungen in Interviews eine Sehnsucht nach dem Fall heraus, dass ein Buch mal ein richtiger Misserfolg wird.

Suter: Ich verstehe, was Sie meinen. Aber diese Sehnsucht habe ich nicht. Das hat nur mit den Fragestellern in diesen Interviews zu tun.

ZEIT: Sie sagten kürzlich in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung , dass Sie in jedem Buch etwas Neues wagen und damit auch riskieren, dass das Buch ein kommerzieller Misserfolg wird.

Suter: Ja, aber das tue ich nicht, um das Schicksal herauszufordern. Das hat mehr damit zu tun, dass mir Interviewer oder Rezensenten vorwerfen, ich hätte eine Masche. Ich finde, das stimmt nicht – und deswegen sage ich solche Dinge. Ich habe ja immer diejenigen beneidet, die eine Masche haben, etwa Donna Leon und Simenon.

ZEIT: Ich würde mich erschießen, wenn ich den 30. Brunetti-Roman schreiben müsste.

Suter: Simenon hat 75 Maigrets geschrieben.

ZEIT: Kennen Sie das Gefühl, dass Sie sich mit Ihrem eigenen Schreiben langweilen?

Suter: Ja, und dann misslingen mir Texte.

ZEIT: Wann war das zuletzt der Fall?

Suter:Almen und der Diamant musste ich fast völlig neu schreiben. Der Nachfolgeroman von Small World ist mir auch abverreckt. Die Gedächtnislagune hieß der, es war auch eine Amnesiegeschichte. Stattdessen schrieb ich dann Die dunkle Seite des Mondes. Ich glaube, ich war zu übermütig geworden nach Small World. Das war das einzige Mal, dass ich ein Buch geschrieben habe, ohne von Anfang an zu wissen, wie es endet.

ZEIT: Sie müssen das Ende schon am Anfang wissen?

Suter: Unbedingt. Ich schreibe keinen ersten Satz ohne den letzten. Das ist bei all meinen Texten so. Und das ist mir bewusst geworden beim Schreiben meines missglückten zweiten Romans.

ZEIT: Ist es im Nachhinein gut, dass Ihnen dieser Roman misslungen ist?

Suter: Das war sehr wichtig. Und da bin ich dem Diogenes-Verlag auch dankbar, dass die mir damals ganz freundlich gesagt haben: "Wie findest denn du diesen Text?"

ZEIT: Die schweizerische Art, Kritik zu üben.

Suter: Genau. Ein anderer Verlag hätte diesen Roman trotzdem gebracht. Mein Gott, wäre dieser Text publiziert worden, ich hätte lange gebraucht, um wieder auf die Beine zu kommen! Ich denke, der Erfolg, den ich heute genieße, wäre auf jeden Fall nicht mehr möglich gewesen.

ZEIT: Sie erzählen immer, Ihr Schreiben sei keine Therapie, das habe nichts Autobiografisches. Ich bestreite das.

Suter: Das dürfen Sie, es wird aber nichts nützen.

ZEIT: Ihre Bücher haben doch sehr wohl mindestens thematisch etwas mit Ihrer jeweiligen Lebenssituation zu tun.

Suter: Ich bin es ja, der das Buch schreibt. Die Bilder, die Gedanken, die Erfahrungen sind alle von mir. Thomas Hürlimann zum Beispiel, den ich sehr bewundere, hat immer über seine Familie geschrieben. Das will und kann ich nicht. Ich hatte schon lange vor, nach Small World einen weiteren Roman zum Thema Zeitreise zu schreiben. Dass ich das gerade jetzt getan habe, hat vielleicht schon mit dem Tod unseres Sohnes zu tun. Aber es geht mir nicht besser, weil ich darüber geschrieben habe. Auch nicht schlechter.

"Ich bin ein eher trockener Mensch"

ZEIT: Sind Sie sicher? Man denkt doch ernsthaft erst, wenn man schreibt.

Suter: Ja, auch ich denke gerne schriftlich. Ich schreibe auf der Suche nach der Handlung die inneren Dialoge mit mir sehr oft auf. Das hört dann oft auf mit: "Ja, so ist es gut." Ich war gewöhnt, in einem Team zu arbeiten. Dieses Pingpong, das mir manchmal fehlt, versuche ich so zu ersetzen.

ZEIT: Denken Sie je an den Leser?

Suter: Nur an den Leser Martin Suter. Den Leser gibt es sonst nicht, wenn ich schreibe.

ZEIT: Sie sind manchmal sehr witzig.

Suter: Nicht wahr? In den Lesungen aber lachen die Leute oft an Stellen, die ich gar nicht lustig finde.

ZEIT: Lakonie können Sie auch gut.

Suter: Das sagt man mir, dann wird es auch stimmen.

ZEIT: Stimmt es oder stimmt es nicht?

Suter: Ich bin sicherlich eher ein trockener Mensch. Die Beschreibung von Emotionen sind nicht meine Stärke, ich versuche eher, diese durch präzise Beschreibungen auszulösen.

ZEIT: Sie können sehr gut böse sein.

Suter: Eher fies, oder? Ich kann mich nicht in andere Menschen versetzen, aber ich kann die anderen Menschen in mir suchen. Und ich finde sie. Und da sind auch böse Menschen. Ich habe übrigens die großen Gefühle in mir drin, ich bin sehr sentimental, bei Filmen heule ich immer öfter. Aber ich kann diese Gefühle nicht beschreiben.

ZEIT: Können Sie Sexszenen schreiben?

Suter: Habe ich doch schon. Aber nicht sehr detailliert. Solange die Mutter noch lebt, können das die wenigsten Autoren (lacht). Und meine Mutter lebt zum Glück noch. Aber ich habe ja gemäß gewissen Kritikern immer das gleiche Rezept: teure Autos, Maßanzüge und ein bisschen Sex. Letzteres stimmt mit Bestimmtheit nicht.

ZEIT: Sie haben ein großes Thema: der Mann in der Krise.

Suter: Das hingegen stimmt. Der Protagonist ist halt in der Krise, und das ist bei Männern fast immer ein Mann. Die Krise hat aber einen banalen dramaturgischen Grund. Es geht in meinen Büchern immer um Verwandlungen, und deshalb braucht es eine Krise. Mich interessiert aber eigentlich nur, wie meine Hauptfigur auf diese Verwandlung reagiert. Deshalb führe ich sie manchmal auch so hauruckartig durch, mit plötzlichem Alzheimer oder einem Schlag auf den Kopf. An einer frühen Lesung hat mich ein Zuhörer mal gefragt, was denn mein Thema sei. Ich wusste es nicht. Beim Signieren sagte mir dann ein anderer, er wisse es: Schein und Sein. Das hat mich sehr überrascht. Aber er hatte recht. Man könnte es auch Identität nennen.

ZEIT: Und das erklärt Ihren Erfolg, dieses Thema beschäftigt uns moderne Menschen.

Suter: Stimmt. Das ist auch mein Thema: Wer bin ich? Und wer könnte ich noch sein? Ich war schon als junger Mann einer, der das Gefühl hatte, er könne alles sein, was er wolle. Ich war mal ein Hippie, mal ein Businessman. Ich hatte Vergnügen daran, Rollen zu wechseln. Ich musste oft über mich lachen, vor allem als Werber. Wenn ich auf Ibiza bin, bin ich ein anderer, als wenn ich in Zürich bin.

ZEIT: Wann sind Sie ganz bei sich?

Suter: Das weiß ich nicht. Ich weiß nicht, ob es dieses Gefühl überhaupt gibt.

ZEIT: Es gibt doch Momente des Glücks, dann ist man bei sich.

Suter: Stimmt. Als ich kürzlich meine Tochter in die Schule gefahren habe, waren dort alle so aufgestellt. Aber war ich da als Familienvater oder als Martin Suter glücklich?

ZEIT: Das kann ich Ihnen nicht sagen.

Suter: Nach dem zweiten Glas Cava ist auch oft alles gut. Aber das verfliegt schnell.

ZEIT: Aber trotz dem ganzen Erfolg machen Sie mir keinen zufriedenen Eindruck.

Suter: Seit dem Tod unseres Sohnes ist schon alles sehr getrübt. Ich weiß nicht, ob man das in meinen letzten Büchern merkt, obwohl es mir einige sagen. Aber der Tod ist schon ein Thema für mich, ich möchte das aber nicht zu einem literarischen Thema machen.

ZEIT: Warum nicht?

Suter: Weil ich so etwas auch nicht gerne lese.

ZEIT: Finden Sie, Sie seien gleich gut wie in Ihren Anfängen?

Suter: Immer wenn ich im jeweils letzten Buch lese, denke ich: Das kriegst du nie mehr hin. Was mich beruhigt: Das geht mir mit jedem jeweils letzten Buch so.

"Wer genug Geld verdient, ist freier"

ZEIT: So leid es mir tut, aber Ihre ersten beiden Romane waren Ihre besten. Dieses Niveau haben Sie nie mehr erreicht.

Suter: Stimmt nicht, Die Zeit, die Zeit ist einer meiner besten Romane. Ich finde nicht, dass ich bei den älteren Bücher mehr Sorgfalt auf die einzelnen Szenen verwendet habe.

ZEIT: In Ihren Anfängen waren die Figurenzeichnungen viel tiefgründiger. Sie haben es geschafft, dass einen die Figuren etwas angehen. Das vermisse ich in Ihren letzten Büchern.

Suter: Vielleicht wollte ich das gar nicht. In Die Zeit, die Zeit war mir die praktische Antwort auf die Frage, wie ein pensionierter Primarlehrer die Zeit zurückdrehen würde, am wichtigsten.

ZEIT: Nützt es Ihnen, dass Sie eine größere Distanz zu Ihren Büchern haben als andere Schriftsteller?

Suter: Habe ich das? So theoretisch ist mein Blick auf meine Bücher nicht. Über meinen Stil mache ich mir zum Beispiel schon lange keine Gedanken mehr. Ich konnte erst richtig schreiben, als ich diesen vergessen habe. Ich denke nie: Wenn dir nichts einfällt, dann soll wenigstens das, was du schreibst, gut klingen. Bei Thomas Mann habe ich manchmal das Gefühl, der habe auch geschrieben, wenn ihm nichts eingefallen ist. Hauptsache, er hatte sein Schreibsoll von sechs bis acht Stunden pro Tag erfüllt. Und deshalb gibt es in diesen Büchern Stellen, die mit der Geschichte selbst nichts zu tun haben. Das macht seine wunderbaren Romane manchmal länger als nötig. Meine haben immer so etwa 300 Seiten, das finde ich eine angenehme Länge.

ZEIT: Ist "angenehm" ein Schlüsselwort für Sie?

Suter: Ja.

ZEIT: Deshalb schreiben Sie nie ein Buch, das die Leser verstören könnte.

Suter: Der Leser Suter, für den ich schreibe, liest ungern Bücher, die ihn verstören.

ZEIT: Sie schreiben nicht nur angenehme Bücher, Sie haben auch ein angenehmes Leben. War das Ihr Lebensziel?

Suter: Ich habe kein Lebensziel, aber es war mir immer wichtig, genug Geld zu verdienen, um bequem leben zu können. Sonst wäre ich viel früher Schriftsteller geworden.

ZEIT: Warum?

Suter: Das ist doch bei den meisten Menschen so. Ich war nie ein Kämpfer. Ich habe auch die Rekrutenschule so gemacht, dass ich nie in die "Kiste" komme. Ich hatte nur einmal Sonntagswache. Ich wollte einfach abends vier Bier trinken können, das war mir wichtig.

ZEIT: Sie sind also einer, der sich anpassen kann.

Suter: Aber auch einer, der froh ist, wenn er das immer weniger muss.

ZEIT: Das war ein Antrieb, viel Geld zu verdienen?

Suter: Wer genug Geld verdient, ist freier. Wenn man immer aus dem letzten Loch pfeift, muss man sehr viele Konzessionen machen. Aber diejenigen, die kämpferisch und kompromisslos leben, haben mich immer beeindruckt. Bloß, deren Bier habe immer ich bezahlt.

ZEIT: Sie haben erst auf die Karte Schriftsteller gesetzt, als Sie genug Geld hatten.

Suter: Erst als ich für das ZDF und fürs Schweizer Fernsehen an der Serie Die Direktorin mitgeschrieben hatte, konnte ich mir unser Anwesen in Guatemala leisten. Und einen Roman konnte ich erst schreiben, weil mir Jürg Ramspeck von der Weltwoche diese Kolumne namens Business Class vorschlug. Er musste mich sehr überreden. Ich sagte anfangs Nein, aber dann machte mir Ramspeck einen Honorarvorschlag, den ich nicht ablehnen konnte.

ZEIT: 2.000 Franken pro Kolumne.

Suter: Am Anfang, später waren es etwas mehr.

ZEIT: Das ist für journalistische Verhältnisse unglaublich viel.

Suter: Ich weiß, ich weiß. Aber ein guter freier Texter-Konzepter verdiente damals schnell mal 2.000 Franken am Tag. Das Honorar für diese Kolumne gab mir endlich die Freiheit, ohne Einkommen aus der Werbung ein Buch zu schreiben.

ZEIT: Sind Sie ein politischer Autor?

Suter: Nein, auch kein sozialkritischer. Ich bin aber zum Beispiel in Guatemala seit Langem sozial engagiert und war auch lange ein braver Parteisoldat der SP. Wenn ich nur die Wahl zwischen links und rechts habe, muss ich nicht lange nachdenken.

ZEIT: Warum sind Sie nicht mehr in der SP?

Suter: Das hat sich erübrigt, als wir 1992 auswanderten. Aber bei der Werbung gegen den Kampfjet FA/18 1992/93 machte ich noch mit. Bei der Armeeabschaffungskampagne 1986 hatte ich auch geholfen.

ZEIT: "Biederkeit und Dekadenz" haben Sie der Schweiz in Ihrem ersten Roman attestiert.

Suter: Das trifft es doch. Aber ich habe an sich keine Probleme mit der Schweiz. Mich stört nur eins: Die SVP hat seit 1992 unserem Land sehr viel Schaden zugefügt. Diese Polarisierung ist der Schweiz nicht gemäß. Aber jetzt wird die SVP ja entlarvt und auf den normalen Wähleranteil aller rechtsnationalen Parteien zurückgestutzt.

"Ich wäre gerne gläubig"

ZEIT: Was regt Sie eigentlich auf?

Suter: Gewalt und Dummheit. Dumme Menschen, die meinen, alle anderen seien auch so dumm wie sie selbst. Wir empfangen ja hier auf Ibiza Schweizer Fernsehen, bei diesen Statements von gewissen Politikern rege ich mich eigentlich nur auf.

ZEIT: Haben Sie das Gefühl, Ihnen sei das alles in den Schoß gefallen?

Suter: Ich bin zwar ein Glückskind. Ich bin am 29. Februar 1948 geboren, einem Sonntag. Aber ich habe immer gearbeitet für mein Glück, manchmal auch zu viel.

ZEIT: Sind Sie ein zwinglianischer Geist?

Suter: Nein, ich bin nicht sehr streng mit mir. Ich wollte immer lieber Katholik sein. Dieses Mystische hat mir immer gefallen. Ich wäre auch gerne gläubig.

ZEIT: Hätte Ihnen das geholfen, um mit dem Tod Ihres Sohnes umzugehen?

Suter: Ich glaube nicht. Meine kleinen Erfolge auf dem Weg zum Glauben wurden dadurch eher zunichte gemacht. Dieser naive Glaube, den meine Großmutter hatte, der hätte vielleicht geholfen. Aber ich schaff es einfach nicht.

ZEIT: Mir fällt auf, dass Sie immer wieder auf Ihre Kritiker zu sprechen kommen. Viele Schriftsteller aber sagen, Kritiken seien ihnen egal.

Suter: Die sind nicht ehrlich.

ZEIT: Aber Sie sagen doch immer, Sie seien eins mit dem Leser. Ihr Erfolg unterstützt diese These. Also könnte es Ihnen egal sein, was die Kritiker sagen.

Suter: Ich bin es durch meine frühere Arbeit als Werbetexter gewohnt, mit Kritik umzugehen und sie mir zu Herzen zu nehmen. Das tue ich heute noch. Verbissene reflexartige Verrisse wie von Frau Freuler von der NZZ am Sonntag oder Frau Richard von der Basler Zeitung natürlich nicht. Aber solche von Leuten, deren fachliche Autorität ich anerkenne, schon.

ZEIT: Warum aber stört Sie Kritik von Menschen, die Sie gar nicht kennen?

Suter: Sie sprechen die Kritik von Ulrich Greiner in der ZEIT an. Ich kannte ihn nicht, hatte vorher noch nie etwas von ihm gelesen und habe mich deshalb mit seinem Text befasst. Einer, der einem Schriftsteller vorwirft, er könne nicht schreiben, sollte das besser formulieren. Was mich auch manchmal ärgert, sind Kritiken von Rezensenten, die das Buch nicht verstanden haben. Oder Interviews mit Journalisten, die es nicht gelesen haben.

ZEIT: Warum laufen Sie da nicht weg?

Suter: Weil ich ein höflicher Mensch bin.

ZEIT: Sie haben Ihr Leben angenehm eingerichtet. Und dann widerfuhr Ihnen mit dem Tod Ihres Sohnes genau das, was vielen Ihrer Figuren widerfährt: Es passiert etwas so Ungeheures, dass alles anders ist.

Suter: Stimmt.

ZEIT: Hatten Sie je den Gedanken, dass Sie das Schicksal versucht haben? Sie wollten Erfolg, ein angenehmes Leben, und dann wollten Sie, im Alter von 58 Jahren, auch noch Kinder.

Suter: Ich habe den Neid der Götter immer gefürchtet. Ich wusste nur nicht, von welcher Seite das Schicksal zuschlagen würde.

ZEIT: Wieso haben Sie trotzdem die Zwillinge adoptiert?

Suter: Der Hauptgrund war nicht, eine Familie zu gründen. Sondern wir sahen in Guatemala täglich, wie schlecht es vielen Kindern dort geht. Da war die Adoption ein naheliegender Gedanke. Aber ich bin nie durchs Leben gelaufen und habe es vermisst, keine Familie zu haben.

ZEIT: Könnten Sie leben, ohne zu schreiben?

Suter: Früher dachte ich: Ja. Aber heute weiß ich: Dieses systematische Denken, zu dem einen das Schreiben zwingt, würde ich vermissen.

ZEIT: Haben Sie ein Bedürfnis, Ihr Geschriebenes unter die Menschen zu bringen?

Suter: Natürlich, ich will ja kommunizieren.

ZEIT: Haben Sie mal jemand gesehen, der eines Ihrer Bücher liest?

Suter: Am Strand oder im Flugzeug kann das vorkommen. Aber ich laufe nicht ständig im Bewusstsein durchs Leben, ein berühmter Schriftsteller zu sein. Es erstaunt mich immer noch, wenn 1.000 Menschen in einer Lesung sitzen. Ich kann in Zürich in aller Unschuld im Tram sitzen und plötzlich merke ich, dass viele der Mitpassagiere mich erkennen.

"Der Tod ist ein schwerer Verzicht"

ZEIT: Haben Sie von anderen Autoren gelernt?

Suter: Ja, viel von E.T.A. Hoffmann. Er beherrscht dieses Wechselspiel, den Leser zu überraschen und dann wieder zu bestätigen, perfekt. Und viel von Amerikanern und Engländern. Elmore Leonard ist einer meiner Helden, fangen Sie mit Freaky Deaky an. Der schreibt Bücher, die bestehen manchmal nur aus Dialogen. Ein wahrer Könner.

ZEIT: Konnten Sie immer schon Dialoge schreiben?

Suter: Ich habe viele Jahre in den Beizen verbracht, das war ein gutes Dialogtraining. Aber der Dialog in Romanen muss immer etwas Künstliches haben.

ZEIT: Ich finde, in Ihren Dialogen erscheinen Ihre Figuren manchmal intelligenter, als sie sind.

Suter: Das meine ich mit "etwas Künstliches". Mich langweilen Dialoge, die absichtlich stumpf oder in schlechtem Deutsch geschrieben sind, damit die Leser merken, dass der, der spricht, etwas stumpf oder ungebildet ist. Es hat etwas Anbiederndes, und das verbiete ich mir in Form und Inhalt. Sonst hätte ich in Die Zeit, die Zeit nicht diesen Schluss geschrieben, der so viele verwirrt.

ZEIT: Dieses Buch wird ein kommerzieller Flop.

Suter: Das glaube ich nicht.

ZEIT: Doch, es ist ein so dunkles Buch, das wollen die Leute nicht lesen.

Suter: Meinen Sie? Ich habe doch ab und an gelacht beim Schreiben. Und einer hat geschrieben, endlich würde ich mal ernsthafte Literatur machen. Am schlechtesten hat sich übrigens Die dunkle Seite des Mondes verkauft. Und ich weiß nicht, warum. Es ist vielleicht mein allerbestes.

ZEIT: Haben Sie das Gefühl, Sie seien erwachsen?

Suter: Erwachsen ist man, wenn man einen Hut tragen kann. Das könnte ich. Heute habe ich eher das Gefühl, ich sei alt.

ZEIT: Wieso haben Sie den Glauben, man könne einen Menschen durch Äußerlichkeiten in seiner Innerlichkeit erfassen?

Suter: Ich sage ja nicht, die Kleidung zeige den wahren Menschen, aber sie zeigt, wer dieser Mensch sein will. Früher wurde man mit einer Identität geboren, heute muss man sich eine zusammenschustern. Das tut man auch mit Kleidern. Darüber schreibe ich.

ZEIT: Wer will ich sein?

Suter: Sag ich nicht.

ZEIT: Wovor haben Sie Angst?

Suter: Vor dem Tod meiner Liebsten, weniger als vor meinem eigenen. Dieser Schmerz, jemanden Geliebtes zu verlieren, ist fast nicht auszuhalten.

ZEIT: Wollten Sie sich schon mal umbringen?

Suter: Nein, nie ernsthaft.

ZEIT: Jeder Mensch wollte das doch schon mal.

Suter: Im Liebeskummer wollte ich mich schon mal totsaufen. Und als das mit unserem Sohn passiert ist, dachte ich: Wenn der das nicht überlebt, überlebe ich das auch nicht. Aber das wäre verantwortungslos gewesen. Ich kenne Menschen, die anderen mit ihrem Selbstmord gedroht haben. Das fand ich immer etwas vom Niederträchtigsten.

ZEIT: Wie wollen Sie sterben?

Suter: Spät und angenehm. Der Tod ist ein schwerer Verzicht.