Es ist eine Präsidentschaft wie in einer historischen Gegenstromanlage. Obama jedoch hat ihr drei große Errungenschaften abgezwungen. Er hat den totalen ökonomischen Absturz der Vereinigten Staaten in der Wirtschaftskrise verhindert – mit einem Konjunkturprogramm von fast 800 Milliarden Dollar , Überlebenshilfen für die amerikanische Autoindustrie und einer Rettung des Finanzsektors, die immerhin Regulierungen mit sich brachte, die die Wall Street bis heute als unerträglich bekämpft. Obama hat die Ära der Kriege und des Antiterrorkampfs beendet, die am 11. September 2001 begonnen hatte – mit dem Rückzug aus dem Irak, dem absehbaren Ende des Afghanistan-Einsatzes und der Tötung von Osama bin Laden. Und er hat mit seiner Gesundheitsreform den amerikanischen Sozialstaat ausgebaut wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

Niemand kann den prekären Zustand der USA leugnen : 23 Millionen Arbeitslose, 16 Billionen Dollar Schulden, eine von Hass durchzogene und weithin dysfunktionale politische Kultur. Aber die schiere persönliche Leistung des Präsidenten übertrifft die seiner Vorgänger. Nicht nur die des Abenteurers George W. Bush, der ein Land an der Grenze zum finanziellen, weltpolitischen und moralischen Ruin hinterlassen hat. Sondern auch die des Sonnenkönigs Bill Clinton, der das geschichtlich beispiellose Glück des westlichen Sieges im Kalten Krieg ausnutzen konnte.

Mit Obama und der Tatkraft, der Entscheidungsfreude, der Führungsstärke und all den anderen Eigenschaften, die das Präsidentenklischee verlangt, steht es eigentümlich. Die Republikaner werfen ihm Schwäche vor; so gerade wieder Mitt Romney in seiner ersten großen außenpolitischen Rede, in der er mehr amerikanische Entschlossenheit gegen den Iran, die Islamisten und so weiter forderte. Obama selbst hat der Zeitschrift Vanity Fair Einblick in seine Gedanken zum Thema Entscheidung gegeben. Er trage immer nur graue oder blaue Anzüge, um sich auf das Wesentliche konzentrieren zu können. »Ich habe zu viele Entscheidungen zu treffen«, sagte er. »Ich möchte ihre Zahl beschränken und darum nicht auch noch entscheiden, was ich esse oder welche Kleidung ich trage.« Eine fast karikaturhaft untertourige, hypermethodische Idee von Führung. Weltfremd, unmännlich, professoral? Oder cool, supermodern, das Modell der Zukunft?

Einsicht in die Grenzen amerikanischer Macht

Viele waren komplett entnervt, als der Präsident 2009 die Beratungen über eine neue Afghanistan-Strategie wie ein Doktorandenseminar leitete. Alles wurde endlos hin und her gewendet, bis Obama sich nach Monaten dazu durchrang, die Truppenstärke zeitweilig um 30000 Mann zu erhöhen. Aber oft hat er die wichtigen Entscheidungen allein getroffen, gegen das Votum seiner engsten Berater. Vizepräsident Joe Biden und der damalige Stabschef des Weißen Hauses, Rahm Emanuel, hielten eine große Gesundheitsreform politisch für zu riskant – der Präsident hat sie durchgesetzt, in langen, harten Auseinandersetzungen wie einst beim Wahlrecht für Frauen, der Einführung einer Sozialversicherung oder den Bürgerrechten für Schwarze. Es war Obama, der bei der Tötung Osama bin Ladens den gefährlichen (aber präzisen) Einsatz eines Spezialkommandos befahl, nicht den Raketenangriff, der auch möglich gewesen wäre.

Am Fernsehbildschirm verfolgten Obama und seine Leute am 1. Februar 2011, wie der ägyptische Präsident Hosni Mubarak dem Volk verkündete, dass er erst am Ende seiner regulären Amtszeit die Macht abzugeben gedenke. Die Demonstranten auf dem Kairoer Tahrir-Platz waren wütend. Aber fast das gesamte Kabinett riet Obama, um der Stabilität der Region willen Mubarak nicht zu einem schnelleren Rücktritt zu drängen. Nach kurzer Bedenkzeit trat der Präsident vor die Kameras – mit der entgegengesetzten Botschaft. Geordneter Übergang, schön und gut. Doch es braucht auch einen Übergang, der den Namen wirklich verdient: »Er muss friedlich sein – und sofort beginnen.« Es war der Segen Amerikas für die Revolution in der arabischen Welt.

Seine Gegner auf der Rechten sehen genau darin Schwäche: Die USA »führen« nicht, sie überlassen anderen die Initiative, schauen zu und lassen geschehen. Aber im Grunde ist dies die eigentlich heroische Leistung des Barack Obama, seine schwerste Arbeit: die Einsicht in die Grenzen amerikanischer Macht; die Courage, diese Einsicht auszusprechen; die Bereitschaft, daraus Konsequenzen zu ziehen. Die Stärke-Suggestion des Präsidentenamtes und der ganzen bisher immer siegreichen, immer aufwärts weisenden amerikanischen Geschichte ist gewaltig; es ist viel schwerer, ihr zu widerstehen, als ihr nachzugeben: schwer, leise zu sein statt laut, maßvoll statt großspurig, klug statt kühn.

"Ich muss alle Herausforderungen abwägen"

Als Obama vor den Kadetten der Militärakademie West Point die Ergebnisse seiner Afghanistan-Strategieplanungen verkündete, waren seine mutigsten Sätze nicht jene, in denen er die Entsendung weiterer Truppen ankündigte . Solche Befehle passten ohne Überraschung ins Dasein der Soldaten, die vor ihm saßen, und ins politische Weltbild der US-Bürger, die Präsident Bush jahrelang als pathetischen Oberkommandierenden erlebt hatten. Wirklich mutig waren die Sätze, in denen Obama die Mission eingrenzte, weil Amerika am Rand seiner Kräfte sei. Unbefristetes Engagement, perfektionistische Ideen davon, wie ein Sieg in Afghanistan auszusehen habe: Das war einfach nicht zu schaffen. »Ich muss alle Herausforderungen abwägen, vor denen die Nation steht«, erklärte Obama. »Ich genieße nicht den Luxus, mich auf bloß eine konzentrieren zu können.« Keine Weltpolitik mehr ohne Rücksicht auf die Substanz zu Hause, die erst einmal wiederhergestellt werden muss. Es war ein ungewohnter Ton der Selbstbeschränkung, den ein amerikanischer Präsident da anschlug – und den seine Landsleute sich plötzlich anzuhören hatten.

Barack Obama ist sicher nicht bereit, sich mit einem historischen Niedergang der Vereinigten Staaten abzufinden. Schon sein 800-Milliarden-»Stimulus« sollte nicht bloß Konjunktur-, sondern auch Zukunftsprogramm sein, mit massiven Investitionen in Bildung, Infrastruktur und Umwelttechnologie – ein neuer »New Deal« nach dem Vorbild der Großprojekte, mit denen Franklin Roosevelt in den 1930er Jahren den amerikanischen Kapitalismus neu erfand und die Gesellschaft modernisierte. Für eine zweite Amtszeit sind Einwanderungsreform und Haushaltssanierung vorgesehen. Am Ende geht es nicht einfach um Selbstbegrenzung, sondern um Selbsterneuerung. Aber für den Augenblick mutet Obama seinen Mitbürgern die Mühe eines nationalen Umdenkens und das Bild eines nachdenklichen Präsidenten zu, im Unterschied zu Mitt Romneys rückwärtsgewandten Gewissheiten über die Wiederentdeckung amerikanischer Stärke und die ungebrochenen Kräfte des freien Marktes. Am 6. November werden wir erfahren, ob Barack Obamas andere Art Mut belohnt wird.