Bei den Slowenen verschärfte sich der Eindruck, dass sie, ihr Besitz, ja ihre ganze Nation vogelfrei waren. Selbst auf deutscher Seite regte sich Kritik, freilich aus systemkonformer Sicht. So zog die deutsche Gesandtschaft im kroatischen Zagreb, besorgt über den wachsenden Widerstand in der gesamten Region, Ende November in einem Bericht über die Vertreibungen eine vernichtende Bilanz: »Nach Beseitigung der deutschfeindlichen Intelligenz wäre die Masse des tüchtigen slowenischen Volkes bei psychologisch und wirtschaftlich richtiger Behandlung in wenigen Jahren einzudeutschen gewesen. Man hat sich zu einer größeren Umsiedlung entschlossen und hat nicht nur die Intelligenz und andere Chauvinisten, sondern einen ganz erheblichen Teil des slowenischen Volkes ohne Rücksicht auf die politische Haltung des einzelnen ausgesiedelt. [...] Durch die Slowenenumsiedlung sollte die südlichste Grenze des Reiches von allen feindlich eingestellten Kräften gesäubert und die Volkskraft der Slowenen zerschlagen werden. Tatsächlich hat man aber damit das gerade Gegenteil erreicht.«

Nicht einmal das Minimalziel einer formellen Eingliederung der besetzten slowenischen Gebiete in den Reichsverband wurde erreicht: Im Januar 1942 verzichtete Hitler endgültig auf den immer wieder verschobenen Vollzug des Eingliederungserlasses für die »befreiten Gebiete der Untersteiermark, Kärntens und Krains«, bis diese dafür »reif« seien.

Derweil ging die »Umvolkung« weiter. Seit der Jahreswende 1941/42 zogen etwa 12.000 Deutsche aus Gottschee in der italienischen Besatzungszone in die Untersteiermark. Lockmittel waren die großzügige Zuteilung von Land, das den slowenischen Eigentümern geraubt worden war, günstige Kredite sowie die Befreiung vom Kriegsdienst, die durch den Einsatz im »Gottscheer Selbstschutz« oder in den von der SS aufgestellten »Sturmkompanien« abgegolten werden musste. Aber in die Untersteiermark kamen nicht nur Umsiedler aus Gottschee, sondern auch Deutschstämmige aus Bessarabien, der Bukowina, der Dobrudscha und aus Südtirol – insgesamt 15.000 Menschen.

Nicht allen Deutschen gefielen diese Neubürger. So zeichnete ein von einflussreichen volksdeutschen Funktionären in Maribor verfasstes Memorandum an die Parteikanzlei der NSDAP in München ein düsteres Bild: »Die Leute aus Bessarabien und der Dobrudscha sind zum Teil gar keine Deutschen, sondern nur irgendwie mit Deutschen verschwägert [...]. Rassisch gesehen haben sie sehr viel fremden Einschlag und sprechen untereinander vielfach russisch oder rumänisch. Tatsache ist es, daß man Slowenen, die rassisch und kulturell gesehen ein Alpenvolk sind, durch eine ostische Mischung ersetzt hat.«

Himmler war unterdessen mit den Widerstandskämpfern beschäftigt. Am 25. Juni 1942 befahl er, die Partisanenbewegung in Oberkrain zu eliminieren. In dem bis September dauernden Vernichtungsfeldzug von Einheiten der SS, des SD und der Polizei wurden mehrere Ortschaften dem Erdboden gleichgemacht und Hunderte von Geiseln erschossen.

Massenmord und Verwüstung konnten aber keine Ruhe erzwingen, die lokalen Machthaber blieben nervös. Zur Stabilisierung der Situation verkündete Gauleiter Uiberreither Mitte August schließlich das Ende der Vertreibungen aus der Untersteiermark, sein Kärntner Amtskollege Rainer ordnete für Oberkrain Ende September das Gleiche an.

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Doch ihre Bemühungen wurden von dem Höheren SS- und Polizeiführer im SS-Oberabschnitt Alpenland, Erwin Rösener, mit dem »Unternehmen Enzian« konterkariert. In Himmlers Auftrag verfügte er, »sämtliche Aufständischen und die freiwillig oder gezwungen mit diesen in Verbindung stehenden Personen samt Familien festzunehmen«. Bis Mitte Juli lief die Aktion: Die verhafteten Menschen wurden »rassisch geprüft«, Kinder oftmals von ihren Eltern getrennt und die Erwachsenen deportiert oder gleich erschossen. Am Ende standen Transporte wie der von 430 Kindern und Jugendlichen zwischen einem und 18 Jahren, der Anfang August 1942 im steirischen Frohnleiten ankam. »Die DRK-Helfer und -Helferinnen mußten auch mit den Kleinkindern (2. bis 5. Lebensjahr) und mit allen Koffern und Ballen zu Fuß ins Umsiedlungslager wandern. Die hungrigen, matten, schmutzigen, teils mit vollen Hosen, halbnackten Kinder [...] schrien und weinten, und deutsche DRK-Helferinnen mussten diesen Jammerzug begleiten«, berichtete ein Augenzeuge.

Etwa 1.100 Kinder, von Babys bis zu 13-Jährigen, kamen so, ihren Familien entrissen, in Umerziehungsheime oder wurden zur Adoption freigegeben. Auch wenn sie nach Kriegsende nach Slowenien zurückkehrten, wissen viele von ihnen bis heute nicht, wer ihre leiblichen Eltern waren.

Nach dem Sturz des italienischen Diktators Benito Mussolini im Sommer 1943, dem Bündniswechsel des Landes und der im Gegenzug folgenden Okkupation Italiens durch die Wehrmacht – einschließlich der italienisch besetzten Gebiete – traten auch in Slowenien militärische Erwägungen in den Vordergrund. Bis die Rote Armee am 6. September 1944 die jugoslawische Ostgrenze erreichte, mussten die Besatzer vor allem für ihre eigene Sicherheit sorgen, für »Rassenpolitik« blieb keine Zeit mehr.

Die Bilanz der deutschen Herrschaft in Slowenien waren 16.180 Tote und 160.000 Verschleppte oder Flüchtlinge (wozu auch jene 600 slowenischen Menschen zählen, die im KZ Neuengamme bei Hamburg umgebracht wurden). Das entsprach zwei beziehungsweise 20 Prozent der Einwohner des besetzten Gebietes. Für ganz Jugoslawien liegen vorsichtige Schätzungen des Koblenzer Bundesarchivs bei 400.000 Menschen (oder drei Prozent der Vorkriegsbevölkerung), die dort durch die Besatzer ums Leben kamen.

Laut seriösen Hochrechnungen wurden 50 Prozent des slowenischen Volksvermögens vernichtet. Die Überlebenden fanden bei ihrer Rückkehr ein verwüstetes Land vor und mussten sich ohne fremde Hilfe eine neue Existenz aufbauen.

Mit den reichsangehörigen Nazis setzten sich 60 Prozent der Volksdeutschen rechtzeitig ab, unter ihnen ihre willigen Helfer in den paramilitärischen Einheiten und die Mitglieder der berüchtigten SS-Gebirgs-Division Prinz Eugen, die bei der »Bandenbekämpfung« mit Rachemassakern eine blutige Spur durch Kroatien, Serbien und Bosnien gezogen hatte. Auch sie galten in der Bundesrepublik als Flüchtlinge und Vertriebene – und hatten Anspruch auf Versorgungsleistungen aus ihrem Dienstverhältnis, sofern keine individuellen Verbrechen nachgewiesen werden konnten, und auf die Vergünstigungen, die der Flüchtlingsstatus mit sich brachte.

Himmlers österreichische Büttel auf dem Balkan, die Gauleiter Uiberreither und Rainer, konnten sich zunächst der drohenden Strafverfolgung entziehen, gerieten jedoch in die Hände der Alliierten und sagten im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess als Zeugen aus. Danach trennten sich ihre Wege: Uiberreither tauchte mit einer neuen Identität in der Bundesrepublik unter. Obwohl mehrfach angeklagt, unter anderem wegen von ihm befohlener Massenerschießungen, lebte er bis zu seinem Tod 1984 unbehelligt in Sindelfingen bei Stuttgart. Rainer wurde 1947 nach Jugoslawien ausgeliefert, zum Tode verurteilt und wahrscheinlich Ende 1950 in Ljubljana hingerichtet. Den dreijährigen Aufschub hatte er dadurch erwirkt, dass er dem jugoslawischen Geheimdienst auf mehr als 3.000 Seiten Informationen lieferte, vor allem über das Verhältnis Nazideutschlands zur Sowjetunion.