Diejenigen Deutschen aber, die ihre Heimat nicht verlassen wollten oder konnten, wurden nun ihrerseits von der jugoslawischen Regierung aus ihren Siedlungsgebieten vertrieben und in Lager deportiert. Bis zu deren Auflösung im Frühjahr 1948 starben dort 50.000 bis 60.000 Menschen aus ganz Jugoslawien an Hunger, Krankheiten oder Misshandlungen, darunter mehr als 5.500 Kinder. Während die Volkszählung im Jahr 1948 noch 55.337 Angehörige der deutschen Minderheit in Jugoslawien feststellte, sank ihre Zahl bis 1981 auf 8712.

Prinzipiell war die Vertreibung der Deutschen aus den Staaten Mittel- und Osteuropas durch das Potsdamer Abkommen völkerrechtlich sanktioniert, das von einer »ordnungsmäßigen Überführung deutscher Bevölkerungsteile« sprach, die in »humaner Weise« erfolgen sollte. In der Vereinbarung war zwar nur von Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn die Rede, aber stillschweigend wurde auch Jugoslawien das Recht auf »ethnische Säuberung« eingeräumt.

Das Schicksal der in Jugoslawien verbliebenen Deutschen war schrecklich. Doch darf darüber ein schlichtes historisches Faktum nicht vergessen werden: Im Gegensatz zu den deutschen »Lebensraum«-Eroberern, die in Jugoslawien eingefallen waren und sich Slowenien zur Beute gemacht hatten, ist Jugoslawien kein Aggressor gewesen. Es hat die deutschen Minderheiten nicht durch einen Angriffskrieg in seinen Machtbereich gebracht, um sie als »Untermenschen« zu versklaven, zu verschleppen oder gar zu ermorden.

Die Leidtragenden kümmern solche Abwägungen natürlich wenig. Verbrechen bleibt Verbrechen, und es gibt nur eine Gerechtigkeit, die auf der Anerkennung des Opferstatus beruhen muss.

Nicht nur in Jugoslawien und seinen Nachfolgestaaten verfehlte die deutsche Politik diesen Anspruch. Nach außen wollte sie unbedingt den Eindruck einer Entschädigungspflicht für NS-Gräuel vermeiden. Und nach innen musste sie die Vertriebenenfunktionäre zufriedenstellen, die jede Geste der Aussöhnung gern zum Anlass nahmen, um Gegenforderungen für ihre Klientel zu erheben. Dabei hatte diese bis Ende 1982 bereits umgerechnet über 50 Milliarden Euro an Lastenausgleichsleistungen erhalten, wofür der Nachweis genügte, »deutscher Staatsangehöriger oder deutscher Volkszugehöriger« in den fraglichen Gebieten gewesen zu sein, ob geflohen, vertrieben oder freiwillig ausgesiedelt.

Individuelle Entschädigungen gab es für jugoslawische NS-Opfer zunächst nur, wenn sie von medizinischen Menschenversuchen betroffen waren. Ihnen überwies die Bundesregierung 1951 umgerechnet vier Millionen Euro. Alle anderen Untaten – die Morde außerhalb der Konzentrationslager, Verschleppung, Raub, Zwangsarbeit – blieben unberücksichtigt.

Eine Lösung glaubte man zwanzig Jahre später mit der »Brioni-Formel« gefunden zu haben. Sie ist nach der Inselgruppe an der kroatischen Küste benannt, auf der sich Jugoslawiens Staatschef Tito und Bundeskanzler Willy Brandt 1973 trafen, um ein Kreditabkommen abzuschließen. Es vermied zwar die Wörter »Entschädigung« oder »Wiedergutmachung«, war aber als finale Abgeltung sämtlicher zwischenstaatlichen Forderungen gedacht. Doch wie alle derartigen Versuche misslang auch dieser, da das Abkommen nicht auf die Entschädigung der Betroffenen abzielte. Nachdem bereits 1972 umgerechnet 150 Millionen Euro an Jugoslawien gezahlt worden waren, floss 1974 nochmals eine Kapitalhilfe in Höhe von 350 Millionen Euro, verzinst zu zwei Prozent auf 30 Jahre, in die marode Infrastruktur des Balkanstaates. Das Geld war zweckgebunden für den Ausbau des Stromnetzes – und die Anschaffung von Industriegütern aus der Bundesrepublik.

Seit 1997 bemüht sich die Združenje Žrtev Okupatorjev 1941–1945 Kranj, die Vereinigung der Okkupationsopfer in Krain, darum, dass ihre 1.500 Mitglieder überhaupt als NS-Opfer anerkannt werden. Trotz großen Engagements gelang es ihr nicht, Einfluss auf das im Jahr 2000 verabschiedete Gesetz über die Stiftung »Erinnerung, Verantwortung, Zukunft« zur Entschädigung der NS-Zwangsarbeiter zu nehmen. So erhielten von den 35.000 damals noch lebenden slowenischen Opfern der deutschen Gewaltherrschaft insgesamt nur jene etwa 9.400 Menschen Leistungen, die eine KZ-Haft erlitten und Zwangsarbeit geleistet hatten oder als Kinder ihren Eltern geraubt worden waren.

Der rassistische Terror galt nicht als Entschädigungsgrund ipso facto. Die Regierung in Berlin verwies und verweist auf Brioni und vertritt ansonsten stur den Standpunkt, dass völkerrechtlich kein Schadensersatzanspruch von Individuen gegen einen Krieg führenden Staat besteht. Sie ignoriert dabei bewusst, dass die Verbrechen in Slowenien in einem dem Reich angegliederten Gebiet stattfanden und somit keine Kriegshandlung darstellten. Entsprechend teilte das Finanzministerium der Opfervereinigung 2006 mit, man betrachte »die Angelegenheit als abgeschlossen«.

So kann man nur mit einer Gruppe umspringen, die man für marginal hält und deren Anliegen nicht einmal die eigene Regierung konsequent unterstützt, will sich doch das exportabhängige Slowenien als junges Mitglied der EU wegen dieser Menschen nicht seinen Musterschülerbonus bei Deutschland als alt-neuer Hegemonialmacht auf dem Balkan verscherzen. Das offenkundige Hoffen auf eine »biologische Lösung« im Wissen, dass die letzten Überlebenden in nicht allzu ferner Zukunft verstorben sein werden, muss bei den betroffenen Menschen Verbitterung auslösen.

Mehr noch als die Härte in der Entschädigungsfrage empört die Überlebenden dabei, dass sie nicht einmal als Opfer des NS-Regimes anerkannt werden. In einem »Abschiedsbrief« an Bundesregierung und Bundestag schrieb 2011 der Mitbegründer und langjährige Vorsitzende der Vereinigung, Tone Kristan: »Wir sind zutiefst verletzt durch das, was wir in den letzten Jahren ertragen mussten. Die Enttäuschung über einen Staat, der sich für demokratisch, sozial und gerecht hält, ist groß.« Bittere Worte, die alle Verantwortlichen beschämen und zum sofortigen Handeln bewegen sollten.