Deutschlands wichtigster Europapolitiker legt kurz vor dem EU-Gipfel Ende der Woche sein Programm für die Zukunft der Euro-Zone vor. Mehr Macht soll nach Brüssel gehen: an einen Währungskommissar, der nationalen Parlamenten das Geldausgeben verbieten kann; an ein Europaparlament, in dem die Abgeordneten der Euro-Staaten den harten, entscheidungsfähigen Kern bilden. Es ist nicht sicher, dass Finanzminister Wolfgang Schäuble für seine Reformpläne die volle Unterstützung der Kanzlerin hat (siehe Seite 4). Aber Schäuble besitzt Autorität, und die Themen, die er anspricht, gehören ins Zentrum der europapolitischen Debatte. Was ist von seinen Ideen zu halten?

Sie legen zwei Einwände nahe. Der eine betrifft die künftige Gestalt und Philosophie der Europäischen Union. Schäubles Projekt läuft auf die Spaltung der EU hinaus – in ein hochintegriertes Kerneuropa, das aus den Staaten der Euro-Zone besteht, und einen locker angegliederten Rest. Die Spaltungstendenz hat der Bundesfinanzminister nicht erfunden; Großbritannien etwa arbeitet im Augenblick mit irregeleitetem Eifer selbst daran, sich von der EU abzuspalten. Ob Fiskalpakt oder Finanzmarktregulierung, überall besteht London auf einer Sonderrolle, macht sich unbeliebt und steigert auf dem Kontinent die Lust, die Insel einfach aufzugeben. Aber es ist keine kluge Berliner Politik, den Zerfall voranzutreiben; man müsste ihm vielmehr entgegenwirken.

Denn Kerneuropa ist für das deutsche Interesse (und für die ökonomische Vernunft) das falsche Europa. Viele potenzielle Verbündete in Sachen Leistung und Wettbewerbsfähigkeit gehören der Währungsgemeinschaft nicht an – die freihändlerischen Briten, erfolgreiche skandinavische Länder wie Dänemark oder Schweden, die reformerprobten Mitteleuropäer im Baltikum oder in Polen. Dagegen sind in der Euro-Zone die Vertreter von Staatsglauben und Schuldenpolitik stark, wenn nicht übermächtig. Kerneuropa bedeutet, sich mit den problematischeren Partnern zusammen einzusperren – und in ihrem Kreis eine dauerhafte Minderheitsposition zu riskieren. Sicher: Die Währungsunion ist offen; wer immer will und die Kriterien erfüllt, kann aufgenommen werden. Aber niemand vermag zu sagen, wie attraktiv eine krisenhafte Euro-Zone für die heutigen Beitrittsinteressenten bleibt. Vielleicht geben sie am Ende auch ihre Tickets für die Integrationsparty zurück und lassen Finnen, Niederländer und Deutsche mit den weniger soliden Festgästen allein.

Die andere Schwäche von Schäubles Entwurf ist seine Realitätsferne. Nirgendwo in Europa fließt die politische Energie heute wirklich in Richtung Vereinigung und Souveränitätsverzicht. In den Ländern, die sparen müssen, gilt die EU als unbarmherzige Kontrollinstanz, in den Ländern, die zu zahlen haben, als Inbegriff einer ungeliebten Zwangssolidarität. Frankreich, der engste Verbündete der Bundesrepublik, will keineswegs weitere Kompetenzen an Brüssel abgeben. Ein "Konvent", auf dem die erforderlichen Änderungen der europäischen Verträge zu beraten wären, mit anschließenden Volksabstimmungen in zahlreichen Mitgliedstaaten, ist der Albtraum aller EU-Politiker. "Mehr Europa" als Konsequenz aus der Krise ist eine Experten- und Elitenkonstruktion, kein Slogan mit politischer Mobilisierungswirkung.

Doch selbst wenn die Reformen sich durchsetzen ließen, selbst wenn die Euro-Gruppe schließlich befugt wäre, in die Budgets ihrer Mitgliedstaaten einzugreifen – kann man im Ernst glauben, dass ein solches Regime funktionieren würde? Dass etwa die Nationalversammlung in Paris sich wirklich von einem Brüsseler Kommissar daran hindern ließe, für die Anhebung der Lehrergehälter, für einen modernen Flugzeugträger oder für die Stützung der heimischen Autoindustrie die Staatsschulden noch ein bisschen zu erhöhen? Das ist eine Illusion. Das Muster des Stabilitätspakts mit seiner bald verletzten Defizitgrenze von drei Prozent hat gezeigt, wie die Europäer (zumal die mächtigen, auch die Deutschen) mit Selbstverpflichtungen umgehen, die ihnen unbequem werden. Die EU in ihrem gegenwärtigen Zustand ist kein Club, dem man noch die verlässliche Achtung der eigenen Regeln zutraut. Sie sollte zurückhaltend damit sein, ihr Heil in anspruchsvollen neuen Regelwerken, Kompetenzordnungen und Institutionsgefügen zu suchen.

Niemand bestreitet, dass die Euro-Krise große Anstrengungen und teils kühne Entscheidungen verlangt. Das Engagement der Europäischen Zentralbank und die Kürzungsprogramme der überschuldeten Staaten sind, je auf ihre Art, Beispiele für eine Politik weit jenseits der Grenzen des Normalbetriebs. Aber es bleiben revidierbare, rückholbare Maßnahmen, offen für Kurskorrekturen, wenn die öffentliche Unterstützung zusammenbrechen sollte oder katastrophale Folgen eintreten würden. Nichts ist jetzt wichtiger als eine flexible, fehlerfreundliche Politik mit Raum für Experiment und Improvisation. Europa braucht Luft; die Krise der Gemeinschaftswährung lehrt ja gerade, welche Sprengkraft aus dem Zusammenzwingen des nicht ganz Zusammenpassenden entsteht. Vorsicht mit dem Sprung ins nächste Korsett!

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