Jeden Morgen überquere ich eine Grenze, um zu der Universität zu kommen, an der ich unterrichte. Der Bus Nummer 63, der am Damaskustor zur Jerusalemer Altstadt startet, rattert die Nablus-Straße nach Norden hinauf, taucht im Tunnel unter dem Berg Skopus hindurch und passiert schließlich die israelische Sperranlage sowie ein rotes Schild, das an einer Betonbarriere angebracht ist. Es warnt in drei verschiedenen Sprachen, auf Hebräisch, Arabisch und Englisch: "Palästinensisches Autonomiegebiet! Zone A! Zutritt für Israelis verboten! Zutritt illegal nach israelischem Recht".

Ich bin Jude und unterrichte an der Al-Kuds-Universität in Ostjerusalem junge Palästinenser in Literatur und Philosophie. Neulich diskutierte ich mit meinen Studenten Immanuel Kants Essay Was ist Aufklärung? von 1784. Darin definiert der Philosoph die Aufklärung kühn als den Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit und verteidigt den freien öffentlichen Gebrauch der Vernunft. Als wir uns der Frage zuwandten, was geschieht, wenn die Religion "die Grenzen der bloßen Vernunft" überschreitet, kamen wir bald auf die Meinungsfreiheit zu sprechen – nicht nur als ein schwer erkämpftes Menschenrecht, sondern als die zentrale Freiheit liberaler Gesellschaften. Eine rein akademische Übung? Nein. Denn in genau dieser Woche empörte sich die muslimische Welt über den liberalenWesten, der sich die Freiheit nahm, den Propheten Mohammed zu verhöhnen. Soeben hatte das 14-minütige Video eine Welle antiwestlicher Wut ausgelöst. Wie würden die Studenten reagieren?

"Viele meiner Studenten haben das Westjordanland noch nie verlassen"

Mein Seminar ist Teil der ersten geisteswissenschaftlichen "Meisterklasse" in den Palästinensergebieten. Sie verdankt sich einer ungewöhnlichen Partnerschaft zwischen der palästinensischen Al-Kuds-Universität und dem amerikanischen Bard College, zwei Institutionen, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Während der Campus des Bard College im idyllischen Hudson Valley liegt, in Duchess County, New York, grenzt die Universität mit ihren 10000 Studierenden am Rande des Jerusalemer Vororts Abu Dis an die Sperranlagen, die Israel auf dem Höhepunkt der zweiten palästinensischen Intifada errichtete. Viele meiner Studenten haben im Unterschied zu ihren privilegierten und meist weitgereisten amerikanischen Kommilitonen das Westjordanland noch nie verlassen und bisher auch keine Erfahrungen mit einem geisteswissenschaftlichen Studium gesammelt. Sari Nusseibeh, Präsident der Al-Kuds-Universität seit 1995, hofft, dass unser Programm "die Lehrmethoden in der palästinensischen Gemeinschaft revolutioniert".

Das ist auch für mich eine Herausforderung. Wie lehrt man als gebürtiger Amerikaner im Rahmen eines von amerikanischen Geldgebern finanzierten Programms, wenn gleichzeitig wieder einmal die amerikanische Flagge verbrannt wird? Man darf jedenfalls keine Scheu haben, die aktuellen Konflikte anzusprechen. Einige Tage nach unserem Seminar über Kant kam es in der Altstadt von Jerusalem zu Zusammenstößen zwischen der Polizei und hunderten palästinensischen Jugendlichen, die vor dem US-Konsulat protestieren wollten. Meine Studenten, die zu den besten und gescheitesten Köpfen im Westjordanland gehören, wissen allerdings, dass ich solche Ereignisse nicht einfach kommentiere, sondern lieber mit ihnen gemeinsam historische Texte heranziehe, um die Gegenwart besser zu verstehen.

Nachdem wir im vergangenen Jahr gemeinsam Machiavellis Der Fürst gelesen hatten, beurteilten die Studenten die Erfolge und Misserfolge des Arabischen Frühlings anhand der machiavellistischen Lehren. Nun stellten wir uns die Aufgabe, das Prinzip der Meinungsfreiheit vorm Hintergrund der hysterischen Blasphemie-Debatte zu diskutieren. Zunächst ging es uns um die Spannung zwischen der "Unverletzlichkeit" der allgemeinen Menschenrechte und der "Unverletzlichkeit" islamischer Verhaltensnormen. Wir erörterten den Fall des sudanesischen Intellektuellen Mahmud Muhammad Taha, der 1985 von Sudans islamistischer Regierung wegen Abfalls vom Islam hingerichtet worden war. Dann sprachen wir über die Rushdie-Affäre der Jahre 1988/89, als Ajatollah Chomeini nicht nur den Autor der Satanischen Verse, sondern auch die Verleger, Übersetzer und Verkäufer des Romans zum Tode verurteilte. Außerdem sprachen wir über den Mord an dem niederländischen Filmemacher Theo van Gogh auf einer Amsterdamer Straße im Jahr 2004 – noch im Todeskampf soll van Gogh seinen Mörder gefragt haben: "Können wir nicht darüber reden?"

Darüber reden und die wechselseitigen Feindbilder infrage stellen: Darin sehe ich meinen Lehrauftrag. Und so sprachen wir in diesen Tagen auch über das Dutzend im Jahr 2005 in der dänischen Zeitung Jyllands-Posten erschienener Mohammed-Karikaturen, die gewalttätige Proteste auslösten, bei denen weltweit 241 Menschen starben. Zunächst einmal hatten die palästinensischen Studenten an diesen aus westlicher Sicht so versessenen religiösen Kampagnen gegen Blasphemie und Apostasie nichts auszusetzen. Sie fürchteten sich auch nicht vor einer Einschüchterung muslimischer Liberaler, Reformer und Freidenker. Sie fanden keineswegs, dass sie ihre Stimme erheben sollten gegen die Blasphemie-Gesetze, die extrem anfällig für eine willkürliche Anwendung sind, weil sie auf dem weichen Kriterium einer "Beleidigung des Islams" fußen. Sie sahen keine Gefahr einer Instrumentalisierung der Religion zum Zweck der Repression.

Nein, sie sahen auch kein Problem darin, dass manche Muslime, die den Westen der Respektlosigkeit ziehen, ihm selber und insbesondere den Juden keinerlei Respekt zollten: dass etwa Jussuf al-Karadawi, der weltweit bekannteste und beliebteste sunnitische Geistliche, Hitler dafür pries, eine "göttliche Bestrafung" der Juden heraufbeschworen zu haben. Oder dass der tunesische Islamistenführer Rachid Ghannouchi gegen das "satanische Projekt des Talmud" hetzte. Und dass eine arabische Übersetzung von Hitlers Mein Kampf offen auf dem Al-Kuds-Campus feilgeboten werden kann. Sie fanden auch nicht, dass religiöse Eiferer dem Ansehen des Islams schaden könnten.