Warum ruft der Mann, der unangefochten die israelische Politik beherrscht, vorzeitige Neuwahlen aus? Benjamin Netanjahu hätte noch ein Jahr lang, bis zum Ende der Amtszeit, weiterregieren und sich dann zum Premier wählen lassen können. Dass seine Koalition in Budgetfragen uneinig ist, ist kaum mehr als ein Vorwand für die Parlamentsauflösung. Nun also Wahlen schon am 22. Januar: Niemand bezweifelt, dass der konservative Netanjahu wieder Premier wird. Warum drängt er jetzt zur Entscheidung?

Das hat – erstens – mit den Präsidentschaftswahlen in den USA zu tun. Netanjahu hat Obama gereizt, indem er Amerika in der Iranpolitik zu erpressen versuchte: Obama sollte "rote Linien" aufzeigen, deren Überschreiten Krieg bedeuten würde. Lange war das Verhältnis zwischen den USA und Israel nicht so angespannt. Vom Ausgang der Wahl in Amerika hängt es ab, wie es sich entwickeln wird.

Aus Netanjahus Sicht sprechen beide mögliche Szenarien für Neuwahlen: Wird sein Freund Mitt Romney Präsident, hat er von vornherein auf den Richtigen gesetzt und kommt mit gewaltigem Schwung synchron mit ihm ins Amt (zurück). Für einen Krieg gegen den Iran wäre dann mehr Spielraum. Gewinnt aber mit Obama der in "Bibis" Augen falsche Mann, nimmt der frühe Wahltermin der Opposition die Chance, Netanjahu ein Jahr lang im Wahlkampf mit dem Vorwurf zu treiben, er habe sich verzockt und Israel von seinem wichtigsten Verbündeten entfernt. Stattdessen wäre er im Amt bestätigt, bevor Obama überhaupt eine handlungsfähige Regierung hätte – und dies stärker als zuvor.

Das kommt daher, dass – zweitens – die innenpolitische Lage günstig ist: Netanjahus komfortable Mehrheit wird nach allen Umfragen wachsen. Die Opposition ist gespalten und ohne Führungsfigur. Keine der Parteien links von Netanjahus Likud-Bündnis hat Chancen, eine Koalition gegen ihn aufzubauen. Die Wahl wird um die Frage ausgefochten, wer mit Netanjahu regieren darf. Anders gesagt: Es geht darum, wie weit rechts Israels nächste Regierung stehen wird. Bestimmen wieder Nationalreligiöse und Siedler die Agenda, oder gelingt es noch einmal, eine Mitte-Partei wie Kadima zu beteiligen? Es sieht nicht so aus.

Netanjahu ist es gelungen, die politische Debatte in Israel auf ein Thema, die Bedrohung durch den Iran, zu fokussieren. Nicht nur in Israel. Ohne seine Drohungen hätten die Europäer kaum derart scharfe Sanktionen beschlossen.

Während Netanjahu den Iran zu seinem Thema machte, hat die Opposition das ihre verloren. Niemand glaubt mehr daran, mit dem Versprechen auf Friedensverhandlungen Wahlen gewinnen zu können. Die Linke hatte auf "Friedensprozess" und "Zweistaatenlösung" gesetzt. Als diese Hoffnung durch die Intifada und die palästinensische Spaltung starb, war auch die israelische Linke am Ende.

Kann sie ein Comeback über die soziale Frage versuchen? Teure Wohnungen und Lebensmittel sind ein Ärgernis, gegen das im vergangenen Jahr Massen demonstrierten. Aber die Konzentration aufs Soziale wäre eine Falle für die Linke. Wer die Zukunft des Landes an Käsepreisen festmacht, hat eben keine Antwort auf die wahren Überlebensfragen: die Arabische Revolution, den wachsenden religiösen Fundamentalismus in Israel und, nicht zuletzt, den Iran.

Im Ausland wird Netanjahu kritisiert, weil er keine Zugeständnisse macht. Zu Hause hilft das seinem Ruf als starkem Vertreter des Landes auf der Weltbühne. Er ist dabei kein Draufgänger, hat weder einen Krieg noch eine größere Militäraktion begonnen (anders als sein Vorgänger Ehud Olmert). Netanjahu ist ein Angstpolitiker in einem zunehmend verunsicherten Land. Er lässt Neuwahlen abhalten, damit alles bleibt, wie es ist.