Eine autoritäres Regime lässt seine Bürger frei ins Ausland reisen und bricht bald darauf zusammen. In Deutschland kennt man das. Als der Sprecher der SED, Günter Schabowski, öffentlich sagte, die "ständige Ausreise" sei "ab sofort" möglich, gab es kein Halten mehr. Es war das Ende der DDR. Nun hat das kommunistische Kuba seinen Bürgern Reisefreiheit gewährt. Es stellt sich die naheliegende Frage: Wird auch Kubas Regime bald zusammenbrechen? Die Antwort lautet: nein. Kuba ist nicht die DDR.

Es gibt in Kuba keinen massiven Druck von der Straße, wie das SED-Regime ihn damals erlebte. Keine Demonstrationen Zehntausender haben Kubas Präsidenten Raúl Castro zu der Entscheidung gezwungen. Sie ist kein überstürzter Schritt, sondern Teil eines schrittweisen Reformprozesses, den Raúl Castro seit seinem Amtsantritt als Staats- und Regierungschef im Jahr 2006 begonnen hat. Im Jahre 2011 kündigte die Regierung an, 500000 Stellen im Staatsdienst zu streichen. Das trifft die Kubaner hart. Den Stellenabbau begleitete die Regierung mit Maßnahmen, welche die harten Schnitte mildern sollten. Es wurden 250000 Lizenzen an Kubaner verteilt, die sich selbstständig machen oder einen Laden eröffnen wollten. Es ist den Unternehmern nun erlaubt, Arbeiter einzustellen. Kubanische Banken vergeben neuerdings Kredite. Die Reisefreiheit hat Castro vor drei Jahren angekündigt.

Ob das alles reichen wird, um das System zu retten, bleibt fraglich. Raúl Castro hat trotz allen Reformeifers immer daran festgehalten, dass der "sozialistische Charakter" des Systems aufrechterhalten werden müsse. Er sei "irreversibel". Es gibt keine neue weiche Linie gegenüber den Dissidenten. Vor wenigen Tagen erst wurde die Bloggerin Yoani Sánchez zusammen mit einer Reihe weiterer Regimekritiker inhaftiert.

Reisefreiheit, das klingt zwar gut, aber sie gilt nicht für alle. Zunächst einmal besitzen die meisten Kubaner keinen Pass. Den müssen sie, falls sie ausreisen möchten, erst einmal bekommen. Ob es überhaupt für alle möglich sein wird und zu welchen Bedingungen, das liegt in der Entscheidungsgewalt des Regimes. "Angehörige des Militärapparates, der Sicherheitskräfte, Wissenschaftler und Oppositionelle werden wohl kein Visum bekommen", glaubt Bert Hoffmann, Lateinamerikaexperte des German Institute of Global and Area Studies (GIGA) in Hamburg. Das Regime hält sich seine Möglichkeiten offen.

Und dann gibt es natürlich noch die andere Seite: die USA. Bisher haben die Vereinigten Staaten jedem Kubaner, der das Festland betreten hat, automatisch den Status eines politischen Flüchtlings zuerkannt. Sollten nun tatsächlich Zehntausende Kubaner Richtung Florida aufbrechen, wird Washington bei dieser Praxis nicht bleiben können. Auch in diesem Punkt funktioniert die Analogie mit der DDR nicht. Die Bundesrepublik konnte ihren Landsleuten aus dem Osten die Einreise nicht verweigern – die USA könnten es sehr wohl, zumindest aber können sie hohe Hürden errichten, so wie sie es auch für die Bewohner anderer lateinamerikanischer Länder getan haben. Wenn für Kubaner die Reisefreiheit gilt, wo ist dann der Unterschied zu mexikanischen Migranten?

Das Regime also kann die Reformprozesse besser kontrollieren, als es die SED konnte. Und Kuba ist nun einmal eine Insel. Aber die Risiken der Reformen sind offensichtlich. Was soll an dem System noch "sozialistisch" sein, wenn Marktwirtschaft und Reisefreiheit gelten? Wohl nur noch die Zitadelle der Macht. Sie wird mit Klauen, Zähnen und viel Schlauheit verteidigt, aber es kann durchaus sein, dass man in zehn Jahren den 14. Januar 2013 als den Beginn eines langen Endes erkennen wird. An diesem Tag soll die Reisefreiheit in Kraft treten.