Er nennt sie angeblich "Fury, das Pferd" und lästert über das "Christinchen": viel Talent, noch mehr Ehrgeiz – aber, mei, sie habe es halt nicht leicht, sie als gebürtige Schleswig-Holsteinerin stamme halt nicht aus Bayern. Sie sagt über ihn, der Markus werde nie Ministerpräsident, der Möchtegern-Holzfranke, er sei halt in Wahrheit unglaublich zartbesaitet, drum habe er auch seine Emotionen nicht im Griff.

Bayerns Sozialministerin Christine Haderthauer und ihr Kollege Markus Söder schenken sich für gewöhnlich nichts, wenn es darum geht, einander abzuwatschen. Gemeinsam war ihnen immer ein Ziel: nach oben zu kommen. Nachdem Karl-Theodor zu Guttenberg ins Ausland verzogen und der heimliche Kronprinz und frühere Finanzminister Georg Fahrenschon ins Sparkassen-Gewerbe gewechselt ist, galten die beiden als aussichtsreichste Kandidaten, wenn es darum ging, wer dereinst Horst Seehofer ablösen könnte.

Doch seit Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner, die zugleich Vorsitzende des mächtigen Bezirks Oberbayern ist, für den bayerischen Landtag kandidieren will, sind Söder und Haderthauer in der Thronfolge nach hinten gerutscht: Das Modell Söder – immer mit der großen Bazooka unterwegs – wirkt zunehmend unzeitgemäß, jetzt, wo all die geräuschlosen, effizienten Frauen die Ämter der Republik übernehmen und sogar in Bayern bald eine Frau regieren könnte.

Und Haderthauer, die toughe Karrierefrau mit Mann und Kindern, die dachte, dass sie eine Evolutionsstufe weiter sei als ihre Bayern-Machos, sieht sich plötzlich von einer anderen Frau überholt, die vor allem dadurch auffällt ist, dass sie nie aufgefallen ist. Die unverheiratet ist und kinderlos, aber von außen ganz nach der guten, alten Strauß-Stoiber-Söder-Welt aussieht. Vor allem klingt sie so, mit ihrer tiefen Stimme und dem oberbayerischen Akzent, und das kommt in der CSU sehr gut an.

Das alles nützt vor allem einem: Parteichef Horst Seehofer, der sich zum Parteitag am kommenden Wochenende über eine absolute Mehrheit in den Umfragen freuen kann. Die FDP, mit der die CSU nolens volens koaliert, ist kaum wahrnehmbar. Die Freien Wähler kommen bei ihren bürgerlichen Wählern weder mit ihrem Euro-Bashing gut an noch mit der Aussicht, mit Roten und Grünen eine Koalition zu bilden. Horst Seehofer kann sich rühmen, die CSU stabilisiert und die Verjüngung vorangetrieben zu haben. Beim Parteitag geht es um Europa, Altersarmut und die Digitalisierung Bayerns, doch der Konvent wird auch zu einer kleinen Willkommensfeier für Ilse Aigner werden.

Was hat sich durch Ilse Aigners Entschluss, nach Bayern zu kommen, in der CSU verändert? "Oooch", sagt Christine Haderthauer und macht erst mal eine Denkpause am Telefon, sie liegt mit Grippe im Bett und hofft, dass sie zum Parteitag wieder fit ist. "Für Oberbayern gibt es einen Riesenschub", sagt die Sozial- und Familienministerin, es sei gut, dass Aigner als Verstärkung auftrete. Die Nachfolgefrage werde derzeit in der Partei nicht diskutiert. Haderthauer ist Direktkandidatin in Ingolstadt, Seehofers Heimatort, und galt auch deshalb lange als Favoritin.

Nix, sagt Markus Söder, nix ändere sich. Diese ganze Franken- und Oberbayerntümelei, die bringe eh nichts. Übrigens hätten die Franken bei Parteitagen genauso viel Delegierte wie die Oberbayern. Er sagt’s bloß mal. Weil das die meisten gar nicht wüssten. Söder ist Bezirkschef von Nürnberg-Fürth-Schwabach, also Franken, Aigner von Oberbayern, Haderthauer ist ihre Stellvertreterin. Söder hat sich in der CSU als eine Art unverwüstliches Allzwecktool etabliert. Er war Generalsekretär unter Stoiber, Europaminister, Umweltminister. Seit gut einem Jahr ist er Finanzminister.