Die Stimmung bei der Eröffnung des Herrenmodengeschäfts The Corner hatte etwas von Schulanfang. Das Wetter war endlich wieder auf Berliner Weise schlecht, der Winter und die Saison der Stehpartys konnten beginnen. Man fiel sich in die Arme, registrierte neue Frisuren, Haarfarben, Mäntel und Begleiter und ging dabei die Herbstschauen durch. "Gucci war ein alter Zopf", sagte Josef Voelk, der Corner-Mitbesitzer, "Prada: eintönig." Dior? Vielsagend gehobene Augenbrauen. "Man sollte Suzy Menkes absetzen", quittierte er die allzu freundliche Berichterstattung der Herald Tribune -Modekoryphäe. Das Gespräch driftete weiter. Adriano Sack war eben von einem Lunch im Kopenhagener Restaurant Noma heimgekehrt, das in diesem Jahr zum dritten Mal auf Platz eins der weltbesten Küchen steht und eine extralange Warteliste führt. Der stellvertretende Chefredakteur der an diesem Abend miteinladenden Zeitschrift Interview schwärmte von getrockneter Rentiermousse und einem mit Grashüpferpüree gefüllten Sauerampferblatt: "Das ist echt postmolekular, die neue Generation! Und alle Servierer sahen sensationell aus. Sie waren so stolz auf jedes Gericht, das sie auftrugen!" Dass Noma-Chef René Redzepi ein Schüler Ferran Adriàs ist, zeige sich zwar hier und da noch an einem Schaum oder Glacéstaub, doch sein Verhältnis zur Natur sei "viel herzlicher, demütig fast. Was auf den Tisch kommt, ist ultralokal. Abgesehen vom Wein, stammt alles aus der Gegend. Die lebenden Ameisen gab es nicht, weil es im Norden schon zu kalt und feucht dafür war."

Das leitete mühelos zum deutschen Gourmetwesen über. Dass die hiesige Presse fehlender Anzeigen wegen in der Krise sei, mochte Alexander von Reibnitz nicht bestätigen. Beef zum Beispiel, die Koch- und Grillzeitschrift für Männer, ist kleinauflagig mit einem hohen Copypreis von 9,50 Euro. "Und sie macht sich sehr gut, Jagdmagazine auch", gab der Geschäftsführer des Zeitschriftenverlegerverbands zu bedenken, "und was soll es da schon groß für Anzeigen geben?" Wenn Männer nicht grillen dürfen, verzichten sie gern ganz auf feste Nahrung. Das hatte Jörg Harlan Rohleder in Lokalhelden, seinem Adoleszenzroman über die Komasaufrituale einer Schülerclique, klargestellt. "Und es ist alles wahr darin", betonte der Autor. Aber wie konnte er sich dann an die ganzen Exzesse so haarscharf erinnern? "Ach", sagte er, verträumt in die Erinnerung an seine Musen, "ich mochte sie halt alle so gern." Jüngst hat er Tracy Emin für Interview getroffen: "Sie befindet sich in der Menopause, sie hat keine Lust mehr auf das Triebhafte." Im nächsten Buch Rohleders soll es übrigens um die "Generation Range Rover" gehen, "das Landhaus auf vier Rädern für die, die in der Uckermark nicht mehr zum Zug gekommen sind". Als ergänzendes Accessoire empfahl er den Bayerischen Gebirgsschweißhund: "Eine Dackel-Kreuzung, genauso treu, aber ohne die O-Beine."

Mit einer interessanten Herrenrunde, die niemand kannte, brachte mich der immer charmante Josef Voelk ins Gespräch. Einer von ihnen erinnerte mich mit seinem Schnauzbart und jovialen Gesicht an meinen Stiefgroßonkel, der als Alsterschipper angefangen hatte und, nachdem er ausgebombt worden war, Holzhändler in der Göhrde wurde. Auch Dr. Binczyk war, wie sich herausstellte, ein Mann, der sich zu helfen wusste. Er trug einen tintenblauen Anzug aus matt glänzender Seide und extravagante Ringe, die er in Erinnerung an unerfüllte Kindheitsträume selbst entworfen hatte. "Man muss wissen, was für einen selbst gut ist", lautete sein Motto. "Ich fahre Royce, ich fahre Bentley, ich fahre Ferrari, denn mitnehmen kannst du nichts." Gleichmütig zählte er die 40 Modegeschäfte, 30 Friseursalons und 6 Plastikfabriken auf, zu denen er es in Holland gebracht hatte. "Aber mein Sohn verdient in einer Woche so viel wie ich früher im Jahr." Sein Sohn will als Investmentbanker in die Berliner Jugend investieren. "Berlin ist keine sehr deutsche Stadt. Hier redet man über Ideen und nicht über Geld. Falscher Respekt und Bürokratie behindern in diesem Land oft das Neue." Dr. Binczyk indessen schmiedet neue Pläne und hat für sechs Monate eine Suite im Regent gemietet. Zuerst dachte er an einen Salon mit dem Starfriseur von Dieter Bohlen. "Aber die Leute wollen nur drei Tage in der Woche arbeiten. Ich habe alles durchkalkuliert, es rechnet sich nicht."