Es ist ein bemerkenswerter Satz für einen deutschen Finanzminister. "Je tiefer die Krise, desto größer die Chancen."

Ausgesprochen hat ihn Wolfgang Schäuble am Montag dieser Woche, bei einem Abendessen in Bangkok nach einer sechstägigen Tour durch Asien. Schäuble war unterwegs, um für Europa zu werben – und bemerkenswert ist dieser Satz, weil nicht ganz klar ist, worauf er sich bezieht: auf Europa oder auf den deutschen Finanzminister. Und was das mit seinen neuen Reformvorschlägen für die Euro-Zone zu tun hat.

Die Woche ist jedenfalls für Schäuble nicht optimal verlaufen.

In Tokio, bei der Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds, kommt es zum Streit mit Christine Lagarde, Direktorin des Fonds und eine persönliche Freundin des Ministers, über die Frage, ob dem überschuldeten Griechenland ein Teil seiner Verbindlichkeiten erlassen werden solle (Lagarde: ja, Schäuble: nein).

In Singapur, bei einem Treffen mit Geschäftsleuten, schließt er einen Staatsbankrott in Griechenland aus, was in der Heimat für Verwirrung sorgt. Das Versprechen der Rettung nehme den Reformdruck von dem Land, sagen die Kritiker.

In Luxemburg, bei der Sitzung der Finanzminister aus der Euro-Zone, blitzt er mit seinen Reformplänen ab, die er dort erstmals vorstellt.

Die Woche ist aber auch für Europa nicht optimal verlaufen. Die erneute Zuspitzung der Wirtschaftskrise in Spanien hat die Investoren verunsichert. Die Angst vor einem Auseinanderfallen der Währungsunion ist plötzlich wieder da.

Womöglich hat Schäuble all das dazu bewogen, auf dem Rückflug von Bangkok nach Berlin die mitreisenden Journalisten in das Besprechungszimmer der Regierungsmaschine zu bitten – und ihnen über dem Golf von Bengalen zu erläutern, wie er sich das so vorstellt mit der Zukunft der Euro-Zone. Drei Tage bevor die Kanzlerin zum EU-Gipfel nach Brüssel reist. Und mit dem ausdrücklichen Wunsch nach Veröffentlichung.

Nach den Vorstellungen des Ministers soll es einen Superkommissar für Währung geben, der im Alleingang nationale Haushaltsentwürfe zurückweisen kann, wenn sie gegen die europäischen Defizitvorgaben verstoßen. Dazu ein Unterparlament für die Euro-Zone, das sich aus den Abgeordneten des Europäischen Parlaments zusammensetzt und die Leitlinien für den Kommissar beschließt. Und einen Konvent, der die dafür nötigen Änderungen der europäischen Verträge vorbereiten und schon im Dezember die Arbeit aufnehmen soll. Die einzelnen Elemente des Vorhabens tauchten hier und da bereits in der Reformdebatte auf, doch in ihrer Kombination haben sie das Zeug, die Währungsunion weitreichend zu verändern.

Dabei hatte eine von den Staats- und Regierungschefs eingesetzte Arbeitsgruppe wenige Tage vor Schäubles Flugzeugaktion eine eigene Reformagenda erarbeitet, die auf der Finanzministerkonferenz in Luxemburg auch diskutiert worden war. Und nun schießt ausgerechnet Wolfgang Schäuble quer, das europafreundlichste aller Kabinettsmitglieder?

Die Erklärung für diese Begebenheit ist darin zu suchen, dass Schäuble zwar ein "begeisterter Europäer" ist – vor allem aber ein begeisterter Anhänger seiner Version von Europa.

An den Vorschlägen der Arbeitsgruppe hat er einiges auszusetzen: Zu oft geht es aus seiner Sicht darin um frisches Geld und zu selten um mehr Disziplin. So plädieren die Experten dafür, die Währungsunion mit einem eigenen Budget auszustatten – und der Möglichkeit, selbst Kredite aufzunehmen.

Schäuble dagegen setzt auf Fordern statt Fördern. Finanzhilfen für den Süden, etwa in der Form von gemeinsamen Staatsanleihen, kommen in seinem Konzept nicht vor – zumindest nicht zum jetzigen Zeitpunkt. Er greift aber auch eine Idee auf, die er schon vor vielen Jahren entwickelte: ein Kerneuropa, in dem eine Gruppe von Staaten bei der Integration voranschreitet. Das Euro-Parlament wäre ein erster Schritt in diese Richtung.