Maria und Niels sind ein Paar, aber ihre Liebe ist Gewohnheit, ein Aschehäufchen ausgeglühter Leidenschaft. Niels ist Ingenieur, er ist oft auf Montage und liebt in alle Himmelsrichtungen, er hat eine Freundin im Norden und anderswo natürlich auch. Leider lässt sich die Beziehung zu Maria nicht rückstandsfrei auflösen, es gibt nämlich noch Markus, den zwölfjährigen Sohn, der von der großen Liebe übrig geblieben ist. Deshalb wollen es Maria und Niels noch einmal versuchen, sie geben sich eine "zweite Chance", und so zieht die Familie ins norwegische Hammerfest, wo sich vier Monate im Jahr die Sonne nicht blicken lässt. Gegen die Kälte, so scheint es, hilft nur die Kälte, und gegen die Entfremdung nur die Fremde.

Alles ändert sich und bleibt doch, wie es ist. Niels (Jürgen Vogel) beginnt ein Techtelmechtel mit seiner Arbeitskollegin Linda (Ane Dahl Torp); Maria (Birgit Minichmayr) hält sich mit Arbeit das Unglück vom Leib und macht Überstunden im Hospiz. Sie ist eine begnadete Geschichtenerzählerin, betreut schwer kranke Jugendliche, und manchmal, wenn alles Hoffen und alles Erzählen vergebens ist, schließt sie ihnen auf dem Sterbebett die Augen. Daheim im roten Häuschen am Meer, wenn sie mit Niels und Markus zu Tisch sitzt, begegnet dem Engel aus dem Hospiz der soziale Tod; Vater, Mutter, Kind schweigen sich an, sie sind einander unendlich fern, ganze Eisberge passen zwischen ihnen hindurch. Markus (Henry Stange) ist der große Schweiger, ein Rätsel von Mensch, düster und in sich gekehrt. Manchmal fährt er mit seinem Vater zum Fischen, die beiden bohren ein Loch ins Eis und halten die Angel hinein. Die impertinente Kälte vereist ihnen den Mund, und stumm liegen sie im Halbdunkel bei minus vierzig Grad nebeneinander. Sie warten auf einen Fisch, aber eigentlich warten sie auf das Nichts.

Das ist das eisige Tableau in Matthias Glasners Film Gnade, einer großen Allegorie auf soziale Entfremdung; eine Ästhetik der Kälte, die endlich einmal die deutsche Provinz verlässt und der es gelingt, ihr Thema in fantastischen Bildern in die Landschaft "hineinzusehen", vielleicht erschöpfend, aber nie ermüdend. Fahle einsame Bergketten, ein riesiger Gletscher, dazwischen die magisch leuchtende Erdgasanlage. Doch die Natur ist für Glasner nicht nur eine Seelenlandschaft, sie ist eine strenge Zuchtmeisterin, sie ist groß und gleichgültig und zeigt den Menschenwesen, wie fremd und geringfügig sie sind, dass sie im Norden nichts verloren haben und vielleicht auch: dass sie auf der Welt nichts verloren haben. Armselig jedenfalls wirken die dick vermummten Eiswüstenbewohner, wenn sie sich wie Eindringlinge über die dämmrigen Straßen quälen in ihren fetten, hässlichen SUVs, den Panzern der Hochzivilisation. Die Technik, auch das ist Glasners Botschaft, trennt die Figuren, sie steigert ihre Fremdheit, selten überwindet sie sie. Das einzige Gespräch zwischen Niels und Linda, das seinen Namen verdient, findet im dröhnenden Helikopter statt – über Bordfunk.

So wie der dänische Autor Kim Fupz Aakeson das Drehbuch angelegt hat, gibt es aus dieser Welt kein Entrinnen. Gewiss, der Kirchenchor ist ein Funken im Herz der Finsternis, doch die Kältemetapher ist übermächtig: Weil die Menschen vergessen haben, wie fremd sie in der Natur sind, haben sie sich auch voneinander entfremdet und wissen nichts mehr vom Leben des "Lebens". Bloß keine Berührung, bloß keine Bindung – nichts, was die innere Kühlkette der seelisch Tiefgefrorenen unterbrechen könnte. Kaum ist Marias Kollegin Wenche (Maria Bock) schwanger, nimmt der Kindsvater Reißaus. Ein Kind? Nö, lieber nicht.

Gegen die totale Vereisung, man ahnt es längst, hilft nur ein Ereignis. Als Maria, übermüdet von einer Doppelschicht, spät in der Nacht mit ihrem Monster-Pick-up nach Hause fährt, sieht sie plötzlich das Nordlicht am Himmel. Das betörende grüne Leuchten lenkt sie für einen Moment ab, dann tut es einen dumpfen Schlag, sie schaut in den Rückspiegel und sieht etwas Dunkles auf der Straße liegen, vielleicht ein Tier? Sie fährt, ohne auszusteigen, weiter, erzählt Niels davon, der rast zurück an die Unfallstelle, kann aber nichts entdecken. Tage später lesen sie in der Zeitung, ein 16-jähriges Mädchen sei überfahren worden, es sei nicht sofort tot gewesen. Man hätte es retten können.

Maria will nicht zur Polizei gehen, sie will sich nicht ausliefern, nicht der Öffentlichkeit und nicht dem Recht, sie wehrt sich gegen die Schuld, denn diese klebe dann an ihr wie Pech und Schwefel. "Ich werde immer die sein, die das Mädchen hat liegen und sterben lassen, und du wirst immer der Mann von der Frau sein, die das Mädchen liegen und sterben hat lassen." Maria und Niels werden also arktisch schweigen, das schmutzige Geheimnis kettet sie zusammen. Und siehe da, die Liebe kehrt zurück, und auch das Begehren. "Ich liebe dich!"

Der Film endet damit nicht, aber nun liegen die Karten auf dem Tisch: In Gnade geht es um Vergebung für eine unverzeihliche Schuld – um einen Freispruch. Aber wer ist der Allmächtige, der Gnade walten lässt? Wer verzeiht hier wem? Es ist, ganz einfach, Maria selbst, die sich die Tat vergibt, obwohl es nur einen Menschen gibt, den man rechtmäßig um Vergebung bitten dürfte: das überfahrene Mädchen, doch das ist nun ja tot.