Die meisten modernen Opern seien nichts anderes als ein vertonter Tatort, hat der Philosoph Peter Sloterdijk jüngst in einem Interview der Deutschen Presseagentur (dpa) gesagt. Mag schon sein. Aber dann gilt auch, dass die meisten Fernsehkrimis nichts anderes als Opern ohne Gesang sind. Und die dpa, die vielleicht schon über die Kritik am zeitgenössischen Musiktheater frohlocken wollte, müsste sich ihrerseits hinter die Löffel schreiben lassen, dass die meisten Journalisten nichts anderes als textende Politiker sind – beziehungsweise die meisten Politiker nichts anderes als Journalisten ohne Text. Und was ist mit der modernen Architektur? Nichts als umbauter Raum. Und mit der modernen Kunst? Nichts als ausgestellte Sachen. Der Philosoph teilt seine Nichtigkeitsvermutung mit jener berühmten Romanfigur Theodor Fontanes, die überhaupt alles für »überschätzt« hielt. Was ist Fleisch? In Wahrheit doch wohl nur Fisch ohne Gräten. Und was ist Fisch? Huhn ohne Flügel. Die Erkenntnis, die Sloterdijk auf dem Umweg über das Musiktheater gewann, hat Jahrzehnte zuvor schon ein amerikanischer Theoretiker auf dem Feld der Soziologie erarbeitet. Nachdem der Mann lange über das seinerzeit populäre Parkinsonsche Gesetz nachgedacht hatte (Arbeit nimmt in dem Maße zu, wie Zeit für ihre Erledigung zur Verfügung steht), über das Peter-Prinzip (Jeder macht Karriere, bis er den Posten erreicht, dem er nicht mehr gewachsen ist) und über andere gesetzmäßige Erklärungen des modernen Lebens, formulierte er schließlich so etwas wie das Gesetz der Gesetze – und dieses lautete: Alles schmeckt mehr oder weniger nach Huhn. Die philosophische Delikatesse seines Lehrsatzes besteht natürlich in dem »mehr oder weniger«. Dass alles auf Erden irgendwie auf Huhn hinausläuft, ist kaum mehr als eine Trivialität. Aber auf das Maß des Huhnwerdens kommt es an, also auf das Mehr oder Weniger jener Tendenz zur Angleichung an ein niederstes gastronomisches Niveau, das unserer Zivilisation offenbar zugrunde liegt. Oder, mit einer anderen Formulierung gesagt, die Sloterdijk gegen sich selbst wendet: Auch die Oper ebenso wie der Tatort sind »nichts anderes« als vorläufige Stufen des globalen Abwärtstrends. Das »nichts andere« bezeichnet seinerseits nichts anderes als das Ausweichen vor dem verhängnisvollen Ei (von dem frühen Sloterdijk auch als Blase beschrieben), in dem auf uns etwas lauert, das mit Huhn oder Chicken nur andeutungsweise beschrieben ist und jedenfalls weit über Fast Food hinausgeht.

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