Der US-Wirtschaftsethnologe Stephen Gudeman hat volkstümliche Überlieferungen südamerikanischer Bauern studiert und dabei herausgefunden, dass diese eine nationale Volkswirtschaft in etwa so betrachten wie ihren eigenen Haushalt, nur größer. Deshalb, so Gudemans Erkenntnis, seien die Bauern auch dagegen, dass sich ein Staat verschuldet – Schulden führten zur Pleite, und das sei im Kleinen wie im Großen schlecht.

Gudemans Bauern entsprechen in Deutschland die sprichwörtlichen und zuletzt auch von Angela Merkel als Vorbild präsentierten schwäbischen Hausfrauen. Auch ihnen gilt Haus und Hof als Modell für die Wirtschaft insgesamt, und auch für sie sind Schulden zu vermeiden. Für die schwäbische Hausfrau ist Verschuldung dabei sogar mehr als nur das Minus auf dem Konto, sie ist Sünde. Sprachwissenschaftler weisen nämlich darauf hin, dass es im Deutschen für die monetäre wie die moralische oder religiöse Schuld nur ein Wort gibt, während etwa das Englische (debt und guilt) oder das Spanische (deuda, culpa) sehr wohl zwischen dem einen und dem anderen unterscheidet.

Könnte es sein, dass hier einer der Schlüssel zum Verständnis der unterschiedlichen Reaktionen auf die Finanzkrise liegt? Ökonomen wissen schon lange, dass es sehr zweifelhaft ist, den einzelnen Haushalt mit der Volkswirtschaft zu vergleichen. Trotzdem wird mit diesem Vergleich Politik gemacht, und in Deutschland besonders wirkungsvoll. Das mag daran liegen, dass die Deutschen so empfänglich für den Gedanken sind, Schuldige zu züchtigen, Säumige zu bestrafen und Sündige mit Missachtung zu belegen. Während Südeuropäer oder Angelsachsen mit Geldschulden keine moralische Last verbinden und deshalb sehr viel freizügiger und gelassener damit umgehen können.

Dieses ist ein charmanter Gedanke. Zu Ende gedacht, würde er angesichts der derzeitigen Dominanz des deutschen Denkens in Europa auch bedeuten, dass das Forbes-Magazin damit aufhören sollte, Angela Merkel immer wieder zur mächtigsten Frau der Welt zu küren. Das ist nämlich die schwäbische Hausfrau.