Mit ihrem karibischen Singsang und ihrer Höflichkeit nimmt die Dame von der Passkontrolle am Flughafen von Montego Bay auf Jamaika dem verruchten Reiseziel seine Peinlichkeit: "Man erwartet Sie im Hedonism 2 Resort, Madam?" Aus ihrem Mund klingt es so fein wie der Club Rio oder das Grand Palladium, die luxuriösen Nachbarhotels am Strand von Negril.

Der Shuttlebus ist bis auf den letzten Platz mit Amerikanern besetzt: zwei gut gelaunte Seniorenpaare, zwei Männer, drei junge Pärchen, unter ihnen eine üppig tätowierte Blondine und ihr Freund mit einem Nasenring von der Größe eines Türklopfers.

Vorbei an grasenden Ziegen, Imbissständen und Wellblechhütten geht es durch kleine Orte mit geschäftigen Märkten, blumenüberwucherten Ruinen und vielen Schulmädchen in Uniform, dahinter das Meer. Nach einer guten Stunde erreicht der Bus die palmengesäumte Auffahrt von Hedonism 2, auch "der Zoo" genannt, wie der Fahrer den Novizen zwinkernd erklärt.

Während die Blondine in der luftigen Eingangshalle auf ihre Schlüssel wartet, öffnet ihr ein weißhaariger Hedonismus-Veteran ungefragt mit einer Hand den BH, und der entfesselte Busen gibt sich gleich der Schwerkraft hin. Aus dem Restaurant im Hintergrund stolziert eine storchbeinige Frau in einem Fetzen feinsten Netzwerks auf die Rezeption zu, um mit kühlem Blick die Neuankömmlinge zu begutachten.

Das ist also der Sehnsuchtsort: Vor 14 Jahren, so berichtete die versammelte Presse dieser Tage, seien verdiente Vertreter des Deutschen Herold, heute ein Tochterunternehmen der Zurich-Versicherungsgruppe, in dem Swingerhotel mit einer wilden Orgie samt Nacktpolonaise belohnt worden. "Lückenlose Aufklärung" wird seither aus der Konzernzentrale versprochen.

Wird die Aufklärung so gnadenlos sein wie die "Transparenzoffensive", zu der sich die Düsseldorfer Ergo-Versicherungsgruppe gezwungen sah, nachdem das Handelsblatt im vergangenen Jahr eine ähnliche Lustreise nach Budapest publik gemacht hatte? Die "Party Total" mit Prostituierten in der Gellert-Therme im Jahre 2007 rückte einen bislang nicht wahrgenommenen Zusammenhang zwischen Trieb und Vertrieb ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Bald wurden weitere Vergnügungen bekannt: Mallorca 2005, Reeperbahn 2007, Wien 2008 und auch drei Exkursionen ins jamaikanische Negril. 2009 und 2011 organisierte ein Frankfurter Geschäftsstellenleiter, der auf der Ergo-Webseite als Herr "Y1" firmiert, jeweils eine einwöchige Wettbewerbsreise ins "Hedo", wie das Hotel von seinen Fans liebevoll genannt wird.

Im Jahr 2010 unternahmen Mitarbeiter einer Hamburger Geschäftsstelle der Ergo-Division HMI ebenfalls einen Ausflug in den karibischen Lustgarten. Insgesamt 75120,16 Euro gab der Konzern für die Motivation seiner Mitarbeiter aus, eine eher bescheidene Investition in die Zufriedenheit der Belegschaft, wenn man an die 83.000 Euro denkt, die das Gelage in Ungarn an einem Abend verschlang.

Hedonism 2 klingt nach Genuss für Fortgeschrittene, doch wenn man sich nach der ersten Euphorie über die tropische Vegetation auf der 1976 von einem reichen Jamaikaner als Negril Beach Village ins Leben gerufenen Anlage umschaut, wird ihr Glanz so matt wie die Erinnerung an manchen Orgasmus des Jahres 1998.

Von der Rezeption bahnt man sich den Weg durch ein Restaurant mit pistaziengrün gestrichenen Säulen und einer von Draperien aus schillernder Kunstfaser gerahmten Bühne, um an einem Pool mit fleckigen Liegen zu landen. Ein wohlwollender Gast mag das Sofa mit den lachsrosafarbenen Vinylkissen in seinem Zimmer "vintage" nennen, und das gilt auch für den nach seiner ureigenen Zeit gehenden Radiowecker, für den fetten Fernseher, der wie im Krankenhaus an einem Schwenkarm hängt, für den Deckenspiegel über dem Bett und für die kühnen grauen Rauten auf den weißen Schranktüren.

Das Bad erinnert jedoch an den sozialen Wohnungsbau der siebziger Jahre, denen bestimmt auch der asthmatische Fön in der Wandhalterung entstammt. Unter der Dusche ist man unberechenbaren Temperaturschwankungen ausgeliefert, und die Klimaanlage rattert wie ein alter VW-Bus. Mit seinem Dosenmais und der sauersten Ananas der Karibik liefert das Buffet keine Höhepunkte.

Gleichwohl hat das Resort treue Anhänger. Große Swinger-Reisegruppen zählen dazu, die "International Delights" zum Beispiel oder die "Hedo Amigos". Denn von den fehlenden Sternen für Dekor, Küche und Komfort abgesehen, wird einiges geboten: Schon der erste Gang zum entvölkerten prude beach – die eigentliche Aktion findet am nude beach statt – bringt eine Begegnung mit dem shell man, einem attraktiven Rastafari, der höflich eine tropische Muschel, dann allerlei beflügelnde Mittel und schließlich einen "Jamaica boy" anbietet. In der Nähe warten einheimische Jünglinge darauf, sich mit ihrem "big bamboo" neben einer strahlenden Urlauberin ablichten zu lassen.

Beim Einbruch der Dunkelheit strömen die Gäste ins Restaurant: Ein Streifen durchsichtigen Stoffes, um den Tanga gewickelt, erfüllt die Kleiderordnung, besonders in Kombination mit Stilettos. Das Motto des Abends lautet "Fetisch", und so erscheinen etliche Damen im schwarzen Leder- oder Latex-Outfit. Aber hier darf man auch in Libellenflügeln, im Tüllröckchen voller bunter Lämpchen oder im silbernen Bikini mit paillettenbesetztem Hut erscheinen oder in Rheinkiesel-Tops, wie sie die Showgirls in Paris tragen. Übergewichtige Frauen begnügen sich mit einem Salomeschleier, und selbst in Shorts und T-Shirt wird man nicht des Lokals verwiesen. Im Notfall bietet der Andenkenladen auch Kostüme wie "Racy Nurse" oder "Harem Girl", one size fits most.

Die Storchenfrau, die am Nachmittag ihre prallen Brüste wie zwei kostbare Schalen vor sich hertrug, hat sie nun in einer Biker-Jacke versteckt und geht stattdessen unten ohne, das gewachste Genital von zwei dünnen Bändchen eingerahmt. Unter den Männern dieses Abends, die sich fast alle durch einen mächtigen Bauch auszeichnen, wird keiner ihre Gnade finden.

Fred, der junge Mann mit dem Nasenring, erscheint in Unterhosen, seine Frau Jenny erlaubt einen von durchbrochenem Stoff kaum behinderten Blick auf ihre erstaunlichen Rundungen. Das Paar aus Oregon erweist sich als äußerst gesprächig: Beide seien als Kinder missbraucht worden und in der Sexindustrie gelandet, beide am Telefon, er auch in Pornovideos. Fred sei auf Schwule im Fetischbereich spezialisiert, den Nazi spiele er als Halbjude mit Genuss, und wenn seine Eltern tot seien, wolle er sich mit der Aufschrift "Rough Trade" in Fraktur auf dem Rücken als Experte für sadistische Praktiken ausweisen. Sein Geld verdiene er jedoch am liebsten mit der Kunst der Verweigerung: Einige seiner Klienten belasteten ihre Kreditkarten bereitwillig mit 5,99 US-Dollar pro Minute für das Privileg, auf ihr Flehen um Aufmerksamkeit eisiges Schweigen zu hören.