Den 50 Millionen Euro teuren Sprung des österreichischen Fallschirmspringers Felix Baumgartner am Sonntag könnte man als reines Werk einer Marketingmaschinerie interpretieren: Ein Brausehersteller gibt 1,4 Milliarden Euro jährlich aus für spektakuläre Autorennen oder Sprünge von Hochhäusern, Felswänden und aus der Stratosphäre. Und sensationsgierige Medien transportieren Werbung in die Welt hinaus.

Dass es dabei auch um Leben und Tod gehen kann, zeigte der Sprung des erfahrenen Basejumpers Ueli Gegenschatz, dessen Werbesprung vom Zürcher Sunrise-Tower 2009 missglückte und den Athleten das Leben kostete. Der in den ersten Sekunden vom frohen Publikum beklatschte Sprung ist auf YouTube zu besichtigen. Titel: Ueli Gegenschatz dies for Red Bull.

Solch tödliche Werbeveranstaltungen wirken zynisch, wenn dieselbe Firma eine Stiftung finanziert namens Wings for Life. Diese unterstützt Forschung, die Querschnittgelähmten wieder auf die Beine helfen soll. Ein wenig Wiedergutmachung für Davongekommene, denen die angeblich "Flügel verleihende" klebrige Brause beim Absturz nicht helfen konnte.

Doch Sponsoring ist nicht die entscheidende Triebkraft hinter der Rekordsucht. Die Faszination für das Wagnis steckte schon dem antiken Ikarus im Blut. Er zählt zu den ältesten Superstars der zivilisierten Welt. Trotz seines Scheiterns ist er ein Idol – er setzte Fantasien frei und inspirierte Nachahmer. Seit Jahrtausenden lässt Homo sapiens nicht vom Risiko. So wurden Pole erobert, höchste Gipfel bestiegen, Speisepläne erweitert und Medikamente erfunden.

Die Bereitschaft, für extreme Ideen Leben aufs Spiel zu setzen, hat als Massenbewegung auch eine verheerende Tradition. Millionen junger Männer stürzten sich (angeblich mit "Todesmut") in Kriege. Genauso bezahlte der sagenumwobene erste Marathonläufer, der nur eine Siegesnachricht überbrachte, seine Extremleistung mit dem Leben. Erfreulichere Kulturleistungen haben inzwischen zunehmend Möglichkeiten geschaffen, Grenzerfahrung in lebensfreundliche Bahnen zu lenken. Heute ist ein Lauf über 42 Kilometer eine Wellnessaktion zur Befriedigung von gehobenem Ehrgeiz. Selbst Leistungen, die lange fast nur Kopfschütteln erzeugten, sind weitgehend entschärft: Die meisten Basejumper legen Wert auf hohe Sicherheit.

Ist der österreichische Extremist Baumgartner nur ein testosterongesteuerter "Vollpfosten", wie Kritiker ätzen? Nein, er taugt durchaus auch als Vorbild. Er bereitete sich jahrelang vor – so minutiös, dass er, als sein 1300 Kilometer pro Stunde schneller Sturz außer Kontrolle zu geraten schien, die Nerven behielt und während des Fluges reagieren konnte. Eine respektable Leistung in einer solchen Extremsituation.

Wäre dieser Athlet ein hirnloser Diener seines Sponsors, er hätte, wie man ihm auftragen wollte, beim Aufstieg verkündet: "Willkommen in meiner Welt – der Welt von Red Bull." Er sperrte sich gegen den Unsinn. Genauso weigerte er sich, nach der Landung als Erstes die Limo des Sponsors zu trinken, und verlangte nach Wasser.

Es gibt nicht nur ein Recht, das Leben aufs Spiel zu setzen, sondern auch das Recht auf Deutungshoheit – trotz Sponsor, der das Wagnis erst möglich macht. Der Subtext von Baumgartners Griff nach Wasser lautet: "Ist immer noch mein Sprung."