Verschieben sich auf dem Kunstmarkt gerade ein paar Kontinentalplatten? Haben die Stars der zeitgenössischen Kunst ausgedient? Bei dem für seine schwülstig-opulenten Bildkompositionen bekannten Fotografen David LaChapelle ist es auf jeden Fall so weit. Auf seinem neuen Fotogemälde mit dem Titel Seismic shift (2012) hat offensichtlich die Erde gebebt, die Asphalt- und Erdmassen schieben sich durch die Fensterfront in eine Ausstellungshalle. Die Kunst, die dort ausgestellt ist und jetzt von der Naturgewalt weggeschoben und zerstört wird, ist die Kunst der Rekordpreishalter der vergangenen Jahre: Man erkennt mehrere Skulpturen von Jeff Koons und Takashi Murakami, die Schnauze eines Damien-Hirst-Hais schiebt sich durch einen geborstenen Wassertank. Das zeitgenössische Spiel mit der Oberfläche, scheint uns der Oberflächenspezialist LaChapelle sagen zu wollen, es ist vorbei. Die Rekordpreiskunst, sie wird in einer Erdspalte verschwinden.

Ausgestellt wurde das Bild zum Preis von 65.000 Dollar (aus einer Auflage von drei Exemplaren) vergangene Woche sinnigerweise auf der Kunstmesse Frieze in London, jener Kunstmesse also, die seit ihrer Gründung 2003 stets als die Trendsetterin unter den Messen für zeitgenössische Kunst galt. Eine Messe in einem großen weißen Zelt im Regent Park, die erstaunlich gut mit der Modewelt harmonierte, Kate Moss und Marc Jacobs gehörten hier in der Vergangenheit zu den gern gesehenen Besuchern. Dieses Jahr traf man nur mehr auf den Exfußballer Michael Ballack, und das war nicht das einzige Anzeichen für eine seismische Veränderung. Die Messedirektoren Matthew Slotover und Amanda Sharp reagieren auf die Ermüdungserscheinungen, indem sie jetzt erstmals auf das Feld der alten Kunst expandieren.

Sie ließen ein zweites großes Messezelt für die Frieze Masters aufstellen, in dem ausschließlich Kunst ausgestellt wurde, die vor dem Jahr 2000 entstanden ist. Die Frieze verlässt damit ihre "comfort zone", wie ein Beobachter feststellte, sie wildert in einem traditionell von Messen wie der Tefaf in Maastricht oder – im Bereich der Moderne – der Art Basel abgedeckten Bereich. Viele bedeutende Händler für die Kunst der Altmeister und der Klassischen Moderne waren erfreut der Einladung nach London gefolgt, sie hofften vor allem jüngere Sammler kennenzulernen.

Es war eine wilde Kunstmischung auf dieser Messe, Moretti Fine Art aus Florenz zeigte einen Cassone von Domenico Zanobi aus dem 15. Jahrhundert (1,1 Millionen Euro), Richard Feigen einen Bronzefuß aus dem alten Rom neben einem Stillleben von Balthus und der Münchner Galerist Daniel Blau frühe Zeichnungen von Andy Warhol. Bei manchen Galerien waren die Präsentationen gelungen, Ben Elwes etwa zeigte allerlei entzückende Landschaftsgemälde aus dem 19. Jahrhundert, darunter eine Wolkenstudie eines unbekannten Franzosen von 1821 (37000 Pfund). Ein klares Profil ließ sich jedoch nicht ablesen, und auch das Publikum strömte bei Weitem nicht in jenen Massen, die die Frieze für zeitgenössische Kunst gewohnt ist. Die Aufregung um die alte Kunst hat die um die Neue noch nicht abgelöst. Sowohl auf der Frieze Masters als auch auf der traditionellen Frieze berichteten die Galeristen verhalten von Verkaufserlebnissen.

Auch auf den Auktionen für zeitgenössische Kunst, die gleichzeitig zur Frieze in London abgehalten wurde, blieb das große, von LaChapelle imaginierte Beben aus. Zwar war vor allem die Auktion bei Phillips de Pury mit spektakulär schlechten und überteuerten Kunstwerken aus den vergangenen Jahren gespickt, etwa dem einfallslosen Bild "Untitled (Mumbai After Dark)" (2009) von Richard Prince – das prompt keinen Käufer fand. Und Phillips de Pury wie Christie’s machten weniger Umsatz als zuvor geschätzt. Gleichwohl gab es neue Rekordpreise, gerade für deutsche Kunst: Ein Kippenberger-Selbstporträt verkaufte sich bei Christie’s für 3,2 Millionen Pfund, ein abstraktes Gemälde von Gerhard Richter aus dem Jahr 1994 bei Sotheby’s für 21,3 Millionen Pfund. Eric Clapton, von dem das Richter-Bild kam, hatte dafür noch 2001 nur ein Dreißigstel dieses Preises gezahlt.