Schwarz, hager, halb irrer Blick, ein herrischer Autokrat, der den blonden Thüringer-Fürsten Hardrad erst unterwirft und dann mit glühenden Eisen blenden lässt: Karl der Große kommt nicht gut weg im MDR.

Wenn man es ihr so erzählt, lacht Katja Wildermuth. Wildermuth leitet die Redaktion Geschichte und Gesellschaft des MDR; sie verantwortet den Film über den Kaiser vom Niederrhein und seinen Widersacher im Elbe-Unstrut-Gebiet. Eine West-Ost-Parabel?

Definitiv nein, das habe sie in dem Doku-Drama nun wirklich nie gesehen. Vielmehr die Geschichte eines Clashs zwischen imperialer Macht und Stammeskultur. Böser Karl, blonder Hardrad: Es liegt nur scheinbar nahe, darin einen historischen Zeitkommentar zu entdecken. Im Zweifel zeugen solche "Entdeckungen" weniger vom Geschichtsbild der Produzenten als von der Erwartungshaltung des vermeintlich kritischen Zuschauers.

Der MDR ist an schlechte Presse gewöhnt. Über die Jahre musste die Anstalt viel Spott einstecken für ihre Ostalgie, für MfS-belastetes Personal, recycelte Straßenfeger von anno zonemals. Irgendwann wurde daraus Gewohnheit. Eine Sehgewohnheit. Wer MDR guckt, ist Fan – oder Feuilletonist auf der Suche nach unsäglichem Klamauk, exotischer Ostfolklore. Und wird stets noch reichlich fündig.

Darüber geraten zuweilen nicht nur stundenlange "Festsitzungen" und ähnlich lokal eingefärbtes Rumtata auf anderen dritten Programmen aus dem Blick – sondern auch die historischen Formate der Anstalt in Verdacht. Statt von regionaler Identität ist dann eben von Nostalgie und Provinzialität die Rede. Dabei unternimmt der Sender nur, was im Rahmen seines öffentlich-rechtlichen Auftrags selbstverständlich sein sollte: einen historischen Umbruch zu verarbeiten, der im Leben vieler seiner Zuschauer eine markante Zäsur darstellt. Mit dem Ergebnis, dass eine ARD-Anstalt Geschichte zum Teil ihres "Markenkerns" erhebt, unter dem Label Geschichte Mitteldeutschlands ein historisches Magazin sendet und damit stabile Quoten erzielt, an jährlich fünf Sonntagen im Herbst einen Geschichtsfilm zur Primetime gegen den Tatort antreten lässt.

Über "Damals im Osten" könnte man sich erheben. Doch das wäre naiv

Wer hineinschaut, findet viel Bekanntes. Verhör- oder Mittelalterszenen, die sich auf eingeschliffene Klischees verlassen, dräuende Hintergrundmusik, dramatische Hauptsatzprosa. Geschichtsfernsehen eben, mal besser gemacht, mal schlechter; zuweilen spannend, zuweilen uninspiriert. Viel DDR, im Magazin mehr als in der Filmreihe. Und da wird es reizvoll. Kritiklosigkeit, Verklärung – kaum einmal. Stasi, Mangelwirtschaft, Reise-, Presse- und all die anderen Unfreiheiten laufen stets mit; politische Geschichte kommt vor: die DDR als Waffenexporteur, Zwangsarbeit von Häftlingen. Vor allem aber finden sich kleine Geschichten, vom selbst gebauten Wohnwagen, von unverkäuflicher Staatsjugendmode, vom Europapokal-Spiel Bayern gegen Dynamo 1973 in Dresden.

Diese Sammlung in der Rubrik Meine Geschichte, das MDR-betriebene Online-Portal Damals im Osten: Über derlei kann man sich erheben. Die schiefe Verdrechslung einer Himmelsrichtung zum Epochenbegriff. Das Klein-Klein erinnerter Details. Doch das wäre naiv. Vielmehr fügt sich die Archivierung des vordergründig Banalen in einen wissenschaftlichen Trend zu Alltags- und Kulturgeschichten, deren Bild von der Vergangenheit sich aus mikroskopischen Einzelbetrachtungen zusammensetzt.

Der Aufwand der Sendung ist erheblich – die Resonanz auch

Der Historiker Thomas Nipperdey hat festgestellt, die Grundfarben der Geschichte seien nicht Schwarz und Weiß, sondern unendliche Schattierungen von Grau. In den Winkeln des Programms mag Fragwürdiges versendet werden; insgesamt entsteht ein Bild differenzierter, ambivalenter Grautöne. Nicht zuletzt, weil der MDR seine Rekonstruktion der Vergangenheit interaktiv gestaltet, User und Zuschauer um ihre Geschichten, Filme, Aufzeichnungen bittet. In Die Spur der Ahnen gehen Rechercheure Familienüberlieferungen nach, bedienen ein wachsendes genealogisches Interesse. Der Aufwand ist erheblich – die Resonanz auch. Geschichte als Mitmachprodukt, als fachkompetent organisierte kollektive Erzählung, das findet Anklang.

Natürlich geht es dabei auch um regionale Identitätsstiftung, Katja Wildermuth gibt das unumwunden zu. Nur kann sie nichts Schlechtes daran erkennen, im Gegenteil. Sie weist auf historische Dokus hin, die einen weiteren Fokus haben, sich über das suggestive "So war es" hinauswagen.

Meine Familie, die Nazis und ich, eine Koproduktion mit dem israelischen Fernsehen, zeigt Nachfahren führender Nazis, die mit ihrer Familiengeschichte zurechtkommen müssen – und reflektiert so Verarbeitungsstrategien überhaupt. Geheimsache Ghettofilm/A Film unfinished setzt Filmmaterial aus dem Warschauer Ghetto nicht illustrativ ein, sondern wägt offen ab, wessen Auge hier was sehen und festhalten wollte, zu welchem Zweck.

Und jener Karl der Große, den die meisten Deutschen vor allem als strahlende Goldbüste kennen? Ihn als harten Machtmenschen zu zeigen ist kaum tendenziös. Sondern realistisch – und außerhalb Mitteldeutschlands längst unverdächtig.