Und dann stapft also ein Riese herbei. Alles an A. Turmurbaatar* ist gewaltig , die Hände, die Nase, der Nacken, die Ohren, die Füße. Er ist ein Gigant, ein mongolischer Gerhard Polt. Er lacht sein polterndes Lachen. Turmurbaatar, 64 Jahre, einer der größten Pferdezüchter der Mongolei , lebt in Weiler Sergelen, im Kreis Töw-Aimag, 100 Kilometer südlich von Ulan Bator.

Mehr als 1.000 Pferde besitzt seine Familie. In Europa wäre eine derart große Pferdezucht ein wirtschaftlich durchstrukturierter Betrieb. Aber wie sieht so eine Zucht bei Nomaden aus? Beschäftigt Turmurbaatar einen Steuerberater? Führt er Buch? Interessiert er sich für Managementtheorie? Fragen über Fragen. Wenn man nur dazu käme, sie zu stellen...

Turmurbaatar empfängt einen im kleinen Winterhaus der Familie, allerorten werkeln Handwerker herum, es wird gestrichen und verputzt. Auf dem Bett liegt die ebenfalls gewaltige Gattin Turmurbaatars, B. Dorj, 61 Jahre alt. Es muss eine Zeit gegeben haben, in der sie eine wahre Schönheit war.

Turmurbaatar hat tausend Fragen. Gibt es in Deutschland Steppe? Eine Wüste Gobi? Nomaden? Nein? Na, das ist aber schlecht. Wie sehen die Pferde aus? Wem gehört das Land? Ist Deutschland reich oder arm? Gibt es dort ein Parlament? Einen Präsidenten?

Kurze Redepause. Turmurbaatar zückt den indischen Schnupftabak, den viele Nomaden so lieben. Wahrscheinlich ist dies der richtige Moment, vielleicht sogar die einzige Chance, das Interview aufzunehmen. "War die Turmurbaatar-Familie schon immer eine Pferdefamilie?"

Oh ja, das war sie. Der Großvater war Anführer der Provinz Töw-Aimag, lange vor kommunistischen Zeiten, er hatte 10.000 Pferde, "aber natürlich hatte er keine Zeit, auf sie aufzupassen, er musste ja Politik machen". Auch der Vater war ein guter Pferdemann, "er lehrte uns, dass wir niemals Wodka trinken und stattdessen hart arbeiten sollten". In den Jahren 1938 bis 1950 überführten die Kommunisten die Tiere aller Nomaden in Gemeinbesitz. "Da waren wir ein bisschen wütend, doch auch nicht so sehr, denn sie gaben uns ja ein festes Gehalt."

Turmurbaatar tat einfach das, was er ohnehin getan hätte: Er kümmerte sich um Pferde. Nur dass es nicht die seinen waren, sondern die des Staates. Er war fünf Jahre alt, als ihn der Vater auf ein Pferd setzte und er reiten lernte. Er war 13, als er als Pferdehüter zu arbeiten begann. Gemeinsam mit zwei Kollegen kümmerte er sich um die 1.800 Pferde des Staatsbetriebs. "Es war ein harter Job, nachts konnte ich oft nicht schlafen, denn die Anführer zählten die Tiere, und wenn eines fehlte, wurden sie sehr, sehr sauer." Turmurbaatars Frau zeigt ein altes Schwarz-Weiß-Bild, darauf sind die beiden zu sehen, noch ganz dünn und umringt von Pferden. Ihr erstes Date hatten sie, natürlich, zu Pferd.

Neben der Arbeit für die staatliche Pferdezucht habe er sich um seine eigenen Tiere gekümmert, erzählt Turmurbaatar. Als er vier oder fünf Jahre alt war, habe ihm der Vater zehn Pferde geschenkt. 1978 hatte er bereits 100 Tiere. Und 1993 waren es schon 500. Nach 1990 lösten sich die Staatsbetriebe auf. Turmurbaatar machte weiter wie zuvor, nur mit seinen eigenen Tieren. "Es war ganz einfach, ich kannte ja alle Leute, ich wusste, was zu tun ist. Und in der Demokratie gab es keine planwirtschaftliche Vorgaben mehr, die zu erfüllen waren."

Turmurbaatar springt in seinen russischen Jeep, er will jetzt seine Pferde zeigen. "Früher bin ich immer zu meinen Pferden geritten, jetzt haben wir Nomaden alle Autos." Ewiges Grasland, Hügel, die sich hinter Hügel reihen. Das Land ist so weit, dass Turmurbaatar die Pferde mit dem Fernglas suchen muss. Das Gras duftet nach wildem Rhabarber und unzähligen Kräutern. Auf dem Weg trifft Turmurbaatar immer wieder Bekannte, Menschen und Pferde. "Hier, das sind die Pferde des Nachbarn, wie gut die aussehen. Kein Wunder, im Winter hat er die in die Ostmongolei geführt, dorthin, wo das Gras besonders gut ist, 500 Kilometer weit."

Dann schaut er aus dem Fenster in den Horizont und ruft: "Und dort hinten, die Pferde, die in blaue Tücher gewickelt sind! Die trainieren fürs Nadaam, das große Pferderennen. Man lässt sie schwitzen, damit sie leichter werden." Im August findet das Nationalfest Nadaam statt, drei Tage Ringen, Reiten und Bogenschießen. Die Jockeys sind Kinder um die zehn Jahre, sie sind besonders leicht. Die Pferdezüchter füttern den Rennpferden spezielle Kräuter, verabreichen ihnen Vitamininjektionen.