DIE ZEIT: DIE Für einen Ökonomen tun Sie etwas ganz Ungewöhnliches: Sie setzen Ihre abstrakten Theorien in praktische Systeme für die Verteilung von Spendernieren, die Vergabe von Schulplätzen und so weiter um. Kommen Sie da überhaupt noch zum eigentlichen Forschen?

Alvin E. Roth: Ja, die praktische Arbeit lässt uns sogar auf neue Fragen stoßen, auf die ursprünglich keiner gekommen ist. Früher habe ich auch mal rein mathematische Bücher geschrieben, die sich zwar durchaus mit dem realen Leben beschäftigten, wo am Ende aber immer stand: Folgende Abweichungen könnten noch eintreten, folgende Dinge können nicht ausgeschlossen werden und so weiter. Als Theoretiker reicht das dann.

ZEIT: Und als Praktiker?

Roth: Da wollen Sie wissen, ob diese möglichen Komplikationen groß oder klein sind und wie häufig sie vorkommen. Das ist aber auch wieder für die Theorie interessant!

ZEIT: Sie arbeiten diese Ergebnisse also immer wieder in die Theorie ein, um auf Dauer eine bessere Lehre zu entwickeln?

Roth: Genau. Unser Vergabeverfahren für Spendernieren etwa hat sich mit der Zeit immer wieder verändert. Wir sammeln mehr Daten von neuen Arten von Spendern, dabei entdecken wir neue Zusammenhänge, und dafür brauchen wir auch wieder eine verbesserte Theorie.

ZEIT: So richtig elegant sehen Ihre Theorien am Ende aber nicht mehr aus, sie werden zunehmend kompliziert und unübersichtlich.

Roth: Unbedingt! Das ist aber so wie bei den Physikern und den Ingenieuren. Wenn Sie im Physikstudium eine Hängebrücke durchnehmen, gehen die Gravitationskräfte alle senkrecht nach unten, und die Pfeiler sind alle gleich fest. Aber wenn Sie dann wirklich eine Brücke bauen, gibt es manchmal auch noch Wind, und die Pfeiler schwanken. Wenn Sie das nicht beachten, fällt Ihre Brücke um!

ZEIT: Sollten mehr Ökonomen so praktisch arbeiten wie Sie? Sicher könnten sie damit auf Dauer auch mehr Geld verdienen als mit dem Schreiben von Lehrbüchern...

Roth:(lacht) Na ja, einige Ökonomen sind ganz schön reich geworden. Die Kerle etwa, die an den Finanzmärkten arbeiten. Aber ja, ich kann mir neue Verdienstwege für Ökonomen vorstellen.

ZEIT: Wo sehen Sie die nächsten Anwendungen?

Roth: Interessant ist zum Beispiel der Wandel am Arbeitsmarkt, wo es heute üblich ist, dass beide Partner arbeiten. Sie haben also nicht nur das Problem der Jobsuche, sondern auch der Partnerwahl. Anwälte und Freiberufler geben zum Beispiel gute Partner ab, weil ein Anwalt eher fixe Tagesabläufe hat und sein Partner die Arbeit darum herum flexibler gestalten kann.

ZEIT: Manche Menschen wehren sich dagegen, das ganze Leben immer als einen Markt zu verstehen.

Roth: Und wir Ökonomen dürfen dann nicht immer sagen: Diese Menschen sind uninformiert. Manchmal haben sie ja gute Gründe, und wir müssen ihnen andere Verteilungsmechanismen anbieten.

ZEIT: Manche Menschen lehnen sicher auch ab, was Sie tun. Sie wollen gar keine Ökonomen in ihrem Leben.

Roth: Ja, damit habe ich hin und wieder zu tun. Aber wenn ich "Markt" sage, dann verstehe ich darunter etwas viel Allgemeineres als diese Kritiker. Am Heiratsmarkt etwa geht es so komplex zu, dass Sie ihn mit einem gewöhnlichen Warenmarkt kaum vergleichen können. Ich möchte aber auch dort verstehen, wie die Tausch- und Verteilungsmechanismen in unserer Gesellschaft funktionieren – und wie sie noch besser arbeiten könnten.