In den Gängen des schmucklosen Veranstaltungszentrums von St. Pölten machten am vergangenen Samstag Verschwörungsgerüchte die Runde. Wer wohl die bittere Schlappe für den Vorsitzenden auf dem Parteitag organisiert habe, rätselten die loyalen Parteisoldaten der SPÖ. Die rebellische Jugend, wie fast immer? Gar aufsässige Gewerkschafter oder störrische Frauen? Die Aufrührer ließen sich nicht dingfest machen: Fast 17 Prozent der Delegierten hatten Werner Faymann die Wiederwahl zum Parteichef verweigert. Für eine straffe Kaderorganisation ein ziemlich eindeutiges Misstrauensvotum.

Der einstige Strahlemann der Sozialdemokraten muss nun mit einem gewaltigen Handicap in die nächsten zwölf Monaten gegen, die von Volksbefragungen und Wahlkämpfen gekennzeichnet sind. Als Zeichen der Einheit, so hatte die Parteiführung ihre Generalversammlung geplant. Das zentrale Motto "Mehr Gerechtigkeit!" prangte in großen Lettern an der Stirnwand. Gastredner Martin Schulz, Präsident des Europäischen Parlaments, pries Faymann als Erfinder der Finanztransaktionssteuer. Was sollte da noch schiefgehen? Es herrsche "ausgezeichnete Stimmung", verkündete die Medienstelle der SPÖ kurz nach Beginn der klassenkämpferischen Show. Wenige Stunden später war die gute Laune im Keller. Die Verbitterung ließ sich vom Gesicht des Parteiführers ablesen.

Es hatte aber gar keiner Strippenzieher bedurft, um eine überraschend große Zahl von Parteitagsdelegierten dazu zu veranlassen, den Namen Faymann vom Stimmzettel zu streichen. Zu sehr entmündigt fühlen sich viele Funktionäre in den vergangenen Monaten, zu sehr widerstrebt es ihnen, dass sie Positionen vertreten sollen, an deren Beschluss sie weder mitgewirkt haben, noch deren politischen Inhalt sie teilen. Das Protestpotenzial speist sich aus einem Sammelsurium kontroversieller Entscheidungen der Parteiführung, die immer häufiger in elitärer Abgehobenheit eine Linie vorgibt, die an der Basis kaum mehr nachvollzogen werden kann.

Sei es bei der kritiklosen Gefolgschaft in der Politik zur Euro-Rettung, sei es bei der strikten Weigerung Faymanns, vor dem Korruptionsuntersuchungsausschuss Rede und Antwort zu stehen: Für viele der kleinen Genossen ist der SPÖ-Kurs unverständlich. Noch schwerer wiegt, dass sie, wenn schon nicht gefragt, nicht einmal ausgiebig informiert werden.